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„Mein Leben ist schon vorbei“

Fernsehen „Mein Leben ist schon vorbei“

Geschunden, hungernd, unterbezahlt – eine NDR-„Reportage“ beschreibt die Arbeit einer jungen Frau, die für das Land Niedersachsen und osteuropäische Arbeitskräfte gegen „Lohnsklaven im Norden“ (Freitag, 12. Mai, 21.15 Uhr, NDR) ankämpft. Inhaltlich ist das drastisch, journalistisch eher unbefriedigend.

Fünf von Tausenden: Die rumänischen Bauarbeiter haben seit Wochen keinen Lohn gesehen. Sie hungern, Daniela Reim kann ihnen eine Kirchenspende von 100 Euro für einen Supermarkteinkauf überreichen.

Quelle: NDR

Hannover. Der Geflügelzüchter in Friesoythe lässt sich wundersamerweise auf die Besucherin mit den Kameras ein, auch auf eine Diskussion. Und nach seinen Ausflüchten, 13 Betten seien kein Beweis, dass hier 13 Leute schlafen und seiner Bereitschaft schwarzgeschimmelte Wände zu renovieren, gesteht er, bessere Quartiere, höhere Löhne seien eben unmöglich: „Da kann ich den Laden zumachen“. Bis zu 17 Stunden pro Tag arbeiten die Rumänen auf seinem Hof, sechs Tage in der Woche, 1100 Euro bleiben maximal übrig. Geld für die Familien zuhause. „Es gibt Gegenden in Rumänien, da ist das hier Gold gegen“, brummt der Hühnerbauer in unwilliger Verteidigungsrede.

Die Filmemacher Era Özer und Nikolaus Migut begleiten in ihrer NDR-Reportage „Lohnsklaven im Norden“ die gebürtige Rumänin Daniela Reim vom Landesprojekt „Arbeit und Leben“ auf ihren Reisen. Sie kümmert sich, vermittelt, kämpft um feste Übernahmen osteuropäischer Leiharbeiter in Niedersachsen. Der Film wirkt hastig, schnell gefertigt, als sei auch hier wenig Geld im Spiel gewesen. Und bis auf den verlegenen Chef des Geflügelhofs, bleiben Statements der Gegenseite dünn oder fehlen ganz.

950 Krisenfälle stapeln sich auf Reims Schreibtisch

Was das Problem des Films ist: Man hätte gern noch mehr Stimmen gehört, als die von Reim und den Betroffenen. Behörden, Politiker, Arbeitgeber. Diese Reportage belässt in ihrer Reduzierung des Fokus die teilweise erschütternden Aussagen der Arbeiter im Rang einer Behauptung. Und dass Frau Reim immer wieder alles „bescheuert“ findet, macht den Film auch nicht aufschlussreicher. Klar wird immerhin: Arbeitsverleiher beuten Menschen in Deutschland aus, Unternehmen bevorzugen diese verantwortungsarme Gabe von Arbeit und nur wenige Firmen ringen sich zu Festanstellungen durch. 950 Krisenfälle stapeln sich auf Reims Schreibtisch. Man trifft Arbeiter, die tagelanges Hungern zu Protokoll geben. Reim kann ihnen mit einer Kirchenspende für den Tag aushelfen – 100 Euro. Warum sie das auf sich nehmen, fragt sie einen der kärglich entlohnten Hühnerhofmitarbeiter: „Damit die Kinder ein besseres Leben haben ... denn mein Leben ist schon vorbei.“

Zu sehen ist, dass die zwei Geschwindigkeiten Europas hier auf eine zynische Art zusammentreffen. Düstere Zukunft: Wer für mehr als 100 Arbeitsstunden nach Abzügen für Miete und Transport nicht mal 100 Euro übrig hat, wie hier behauptet wird (der Zuschauer kann einen kurzen Blick auf die Abrechnung werfen), der wird gewiss nicht von Liebe für die europäische Idee geflutet werden. Dem Betrachter dieses Films bleibt am Ende nur eins im armen, reichen Deutschland, das alles möglichst billig haben will: Scham. Und das dumpfe historische Wissen, dass Sklavenhaltung stets Sklavenaufstände nach sich zog.

Von Matthias Halbig / NDR

Friesoythe 53.0244916 7.8589508
Friesoythe
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