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Die DEFA-Erben: Die Dresdner Balance Film-Produzenten feiern morgen ihren 20. Geburtstag

Die DEFA-Erben: Die Dresdner Balance Film-Produzenten feiern morgen ihren 20. Geburtstag

Es wird ein großes Filmfest, morgen in der modernen, farbigen JohannStadthalle, genau zwei Steinwürfe vom Fetscherplatz entfernt. Sieben Stunden Programm von 17 bis 24 Uhr in allen drei Sälen, auch das Foyer verspricht schon am Montagmittag den Hauch der großen Show, die drei Tage später immerhin 44 von bislang 109 Balance-Filmen als kostenfreie Repertoire-Reprise präsentieren wird.

Grit Wißkirchen und Ralf Kukula basteln gemeinsam mit zwei Mitstreitern an der Ausstellung und der Wandzeitung mit Pressespiegel für ihren 20. Geburtstag, denn just am 1. Juli 1993 begann Ralf Kukula mit zwei weiteren Ex-DEFA-Mitarbeitern das große Erbe des frisch abgewickelten Dresdner Trickfilmstudios anzutreten.

"Uns war damals schnell klar, dass es nicht lange so weitergeht", erzählt Kukula, Dresdner des Jahrganges 1962, von den Anfängen. Sie hatten kurz vor der Wende mit einem Umwelt-Trickfilm einen Preis in West-Freiburg gewonnen, die DEFA dachte an ein neues Geschäftsfeld in der neuen Welt. Nicht nur aufgrund des Aufwands unrealistisch. Ein Grüner also? Kukula zögert imagebewusst, aber gibt sich immerhin als Gründer der IG Radverkehr durchaus als umweltbeflissen zu erkennen. Heute hat er als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Balance Film GmbH ganzheitlich Filmkunst im Kopf und wird ab September für fünf Jahren einer von 24 sächsischen Kultursenatoren.

Seine Firmenpartnerin, Grit Wißkirchen, stammt aus Riesa und studierte bis 1987 gemeinsam mit Kukula an Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Animation, arbeitete nach dem großen DEFA-Abspann zehn Jahre bei der Telekom im Marketing und stieg 2002 als Gesellschafterin mit fünfzig Prozent Anteil bei ihrem Ex-Kollegen wieder ein. Neben Geschäftsführerin steht "Managing Director" auf ihrer Visitenkarte, sie kümmert sich um die Finanzierung.

Die übliche Journalistenfrage, wie lange man für einen Film braucht, weiß sie sofort zu beantworten: "So ein Film wie "Die schöne Anna-Lena" braucht inklusive Vorbereitung und Vermarktung anderthalb Jahre." Mit acht- bis zehntausend Euro pro Minute rechne man in Europa für eine Animation, Anna-Lena dauert vier Minuten und gewann Ende Mai in Wiesbaden den Murnau-Kurzfilmpreis. Auch für Wißkirchen ist Netzwerken ganz wichtig, der Blick geht dabei gen Leipzig, denn Filmstadt ist Dresden nur im Programmkinosektor auf Kundenebene. "Es gab eine Phase, als sich im Umfeld vom MDR-Landesfunkhaus etliche Produktionsfirmen hier tummelten, aber das endete 1999", weiß Kukula.

Einzig das Animationserbe blieb in Dresden - und in Form des Balancefilmens am Leben. "Wir sind zufrieden und können davon leben", sagen beide Firmenchefs, deren Arbeit derzeit sieben Leute ernährt, in branchenüblichen Stoßzeiten gern doppelt so viele. Die kommen demnächst wieder, denn mit dem Start der Koproduktion zum abendfüllenden Anima-Dokfilm "Die Hälfte der Stadt" werden 15 gebraucht.

Doch zuvor wird gefeiert: Beim großen Bahnhof am Donnerstag in der JohannStadthalle. Warten - nach dem kurzen Festakt, mit Politikergrußwort und Tortenanschnitt vor achtzig geladenen Gästen -, dann ab 17 Uhr Plätze für 250 Leute. Und wie erzählt man Filmgeschichte besser als mit Filmgeschichten? Die Balance-Filmer haben sechs Programme zusammengestellt, die gestaffelt in allen drei Sälen gezeigt werden. Start ist mit zwölf Trickfilmen, darunter zwei ganz neue. Die bekannte "Dresden-Rolle" wartet in Ausschnitten im "Bunten Mix" ab 18.30 Uhr. Drei der Programme umfassen Dokumentationen, darunter viele Dresden-Filme und eine Art Hauptwerk, denn Kukula verfolgt in der mittlerweile längsten Architekturdokumentation der alten und neuen Republik seit rund 25 Jahren den Wiederaufbau des Dresdner Schlosses. Mittlerweile sind das 290 Stunden Filmmaterial, also über zwölf Tage Non-Stop-Gucken.

Programm 5 zeigt ab 18.45 Uhr im Saal 2 die beiden großen Spielfilme. Und widerspiegelt mit "Heinrich der Säger" und "Alois Nebel" quasi die Entwicklung. Denn der große Sägerfilm mit Rolf und Meret Becker, der im Fernsehen gut, im Kino weniger gut lief, war die bislang größte Produktion. "Wir waren da für 80 Leute zuständig - und durchaus froh, als der Dreh vorbei war", sagt Kukula, dessen Sohn inzwischen selbst Filme fürs Fernsehen produziert und ihn kürzlich zum Opa machte. Die Gefahr, dass man von solch Riesenprojekten schlicht absorbiert würde, sei ihm zu groß und gefährde die Innovation.

So wie jene für den Kunstfilm "Alois Nebel", ihr erster abendfüllender Animationsspielfilm, der erst real gespielt und dann von ihnen als Dienstleistung nachgezeichnet wurde. Rotoskopie nennt sich das Verfahren - der Prager Regisseur Tomas Lunak gewann damit den Europäischen Filmpreis: rein ideell, also undotiert. Noch ambitionierter wird das nächste Projekt, das wohl die Nummer 111 in der hauseigenen Chronik bekommen wird: "Fritzi war dabei" soll eine "Wendewundergeschichte" werden über den Leipziger Herbst 1989 aus der Sicht eines zehnjährigen Mädchens. Kukula hat das Drehbuch fertig, Wißkirchen bastelt an der Finanzierung. 4,5 Millionen an Euros werden wohl gebraucht, der 25. Wende-Jahrestag kommt zu früh, realistisch ist eher 2016.

So relativieren sich die als Gaudi zusammengestellten Zahlen, die sicher in beider ohne Skript vorgetragene Dankesrede am Donnerstag einfließen werden: 352 Minuten Animationsfilm kosteten in zwanzig Jahren 256 Kilogramm Papier zum Bemalen und 360 Kilogramm Kaffee zum Munterbleiben. 46 Praktikanten waren am Start, zwei davon sind fest, fünf lose angestellt. Und nebenher wurden sieben Kinder gezeugt - alle in der Freizeit, wohl damit keines beide Eltern in der unsicheren Branche hat. In guten Zeiten, also wenn es eingespielt läuft, so wie für die 26 Folgen der "Sandmanzen", der Reihe fürs MDR-Sandmännchen, zeichnet eine Fachkraft fünf Stunden für eine Sekunde Film. Früher, als DEFA-Animatoren, hatten Wißkirchen und Kukula laut Plan Material für 1,2 Meter Film am Tag zu liefern. Das waren 52 Bilder, 24 wurden pro Sekunde gebraucht. Heute zeichnen beide nicht mehr: Man brauche dafür tägliche Übung.

Warum aber diese Party in der Filmstadt Dresden nun gerade hier? "Wir arbeiten mit allen Dresdner Kinos sehr gut zusammen, da würde es vielleicht dem einen oder anderen wehtun, wenn wir woanders feiern", schmunzelt Kukula diplomatisch. Die eingesammelten Spenden sollen den künftigen Projekten der JohannStadthalle zu gute kommen. Ein roter Teppich ist dazu nicht nötig.

große, eintrittsfreie Gala morgen, 17 Uhr, Holbeinstraße 68

www.balancefilm.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.07.2013

Andreas Herrmann

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