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„Logan Lucky“ – Helden des Hinterwalds

Kino „Logan Lucky“ – Helden des Hinterwalds

Der Möchtegern-Frührentner Steven Soderbergh ist zurück im Kino: In der Gaunerkomödie „Logan Lucky“ (Kinostart am 14. September) schickt er eine Losertruppe zum großen Coup. Adam Driver und Channing Tatum führen die Gegenmannschaft zu den eleganten „Ocean’s 11“ an.

Zwei ungleiche Brüder planen den großen Coup: Clyde Logan (Adam Driver, links) und Jimmy (Channing Tatum).

Quelle: Studiocanal

Hannover. Vor vier Jahren kündigte US-Regisseur Steven Soderbergh an, in Rente gehen zu wollen. Da war er 52 Jahre alt. Von nun an wolle er Bilder malen, viel lesen, über das Leben nachdenken und bolivianischen Likör importieren, den er bei den Dreharbeiten zu seinem zweiteiligen Revolutionsepos „Che“ (2008) zu schätzen gelernt hatte. Soderbergh hatte die Nase voll vom System Hollywood, das keine Filme für Erwachsene mehr produziere, sondern nur noch Serien-Comic-Ware, die in den Augen von Studiobossen Dollar-Zeichen blinken lasse. Wenn überhaupt noch etwas kulturelle Bedeutung habe, dann das Fernsehen, so Soderbergh damals.

Eigentlich war der Regisseur nie wirklich weg

Nun hat er einen Rückzieher vom Rückzieher gemacht – falls er denn überhaupt je weg war. Denn zwischendurch inszenierte er mit Riesenerfolg den Biografiefilm „Liberace“ (2013, mit Michael Douglas als schwulem Entertainer) fürs Fernsehen, dann ließ er die Krankenhausserie „The Knick“ (2014/2015) folgen. Irgendwann muss er aber trotzdem ein wenig Zeit zum Nachdenken gefunden haben. Denn jetzt interessiert er sich doch auch wieder fürs Kino und kehrt mit prominenter Besetzung von Channing Tatum über Adam Driver bis hin zu Daniel Craig und Hilary Swank zurück.

Soderbergh legt Wert auf die Feststellung, dass „Logan Lucky“ anders entstanden ist als viele seiner früheren Werke: Kein Studio hat ihm dieses Mal die gute Laune verdorben – denn es ist gar kein Studio beteiligt. Soderbergh hat sich seine künstlerische Unabhängigkeit gesichert, indem er erst einmal die weltweiten Vertriebsrechte für Fernsehen, Streamingdienste und sogar für Unterhaltungsprogramme im Flugzeug verkaufte. Mit dem Erlös legte er frohgemut los.

Soderbergh gründet einen eigenen Vertrieb

Nur das Kino nahm er von den Vorverkäufen aus, er bringt „Logan Lucky“ mit seinem eigenen Vertrieb in den USA auf die Leinwände. „Dies ist für mich ein Experiment“, sagt er. „Um meine Verleihtheorie ausprobieren zu können, benötigte ich einen kommerziellen Film mit Filmstars.“ Die schöne neue Medienwelt macht’s möglich.

Allerdings wundert man sich zunächst einmal, wieso Soderbergh ausgerechnet eine Gaunerkomödie bevorzugt. Mit den drei Filmen von „Ocean’s 11“ bis „Ocean’s 13“ hat er doch schon die coolsten Kriminellen ihre Coups durchziehen lassen (angeführt von George Clooney als Danny Ocean, der Frank Sinatra aus dem „Ocean“-Originalfilm von 1960 ersetzte). Doch bald schon wird klar, was den Filmemacher gereizt hat: Er stellt ein Anti-Ocean-Team zusammen, eine echte Loser-Truppe, die vom Leben nicht mehr erwartet als einen ordentlichen Job und ein bisschen Familienglück.

Die Raubzugsliste hängt am Kühlschrank

Aber nicht einmal das ist dem hinkenden Jimmy (Tatum, er war schon Soderberghs Stripper „Magic Mike“) und dessen einarmigem Bruder Clyde (Driver, der dichtende Busfahrer aus Jim Jarmuschs „Paterson“) vergönnt. Gerade hat Jimmy wieder mal ohne Schuld seine Arbeit verloren. Jetzt hat er genug und auch schon einen Plan: In seiner schäbigen Küche hängt eine Zehn-Punkte-Liste für einen erfolgreichen Raubzug am Kühlschrank. Man sollte sich besonders den Satz „Sei nicht gierig“ einprägen, wenn es nach knapp zwei Kinostunden an die Auflösung geht, was bei diesem Überfall wirklich geschah. Wichtig ist vielleicht auch noch der Punkt: „Wissen, wann man die Biege macht.“

Ziel des Überfalls sind die endlos vielen Dollar-Noten, die von den Verkaufsständen eines Autorennens direkt durch ein Röhrensystem in den Untergrund gepustet werden. Genauso hätte es aber auch ein Kasino erwischen können wie bei der „Ocean“-Reihe – nur dass Leute wie Jimmy und Clyde schon deshalb nicht ins Casino kommen, weil sie weder Smoking noch Schlips besitzen.

Logistische Meisterleistung

War bei den „Ocean’s“-Gaunern in Las Vegas alles glamourös und garantiert frei von Drecksarbeit, müssen die hinterwäldlerischen Kriminellen in North Carolina buchstäblich im Müll wühlen: Dort haben sie ihr Geld versteckt. Und hat man je gehört, dass sich Ocean und Co. mit Sorgerechtsproblemen nach einer Scheidung herumgeschlagen haben oder bei „Little Miss“-Gesangswettbewerben in Sporthallen aufgetaucht sind? Oder dass sie schikaniert wurden, wie es bei Barkeeper Clyde immer wieder der Fall ist, egal wie geschickt er mit seiner verbliebenen Hand den bestellten Drink mixt?

Jimmy und seine Truppe legen eine logistische Meisterleistung hin, weshalb die Presse sie später auch als „Ocean Light“ tituliert – Soderbergh zitiert sich selbst, so wie er überhaupt seine Routine trotz Kreativpause nicht in jedem Moment verbergen kann. Aber die Story ist verrückt genug: Zu den Vorbereitungen für den großen Raubzug zählt der unbemerkte Ausbruch und dann wieder Einschluss eines Safeknackers. Der wird von Daniel Craig als Proletarier mit gebleichtem Haar und Irokesenschnitt gespielt. Man spürt in jeder Sekunde, welche Lust es dem (noch) amtierenden James Bond macht, mal wieder richtig die Sau rauszulassen.

Auch Danny Ocean hätte Anerkennung gezollt

Unsere Sympathie hat diese Gangstertruppe von der ersten bis zur letzten Minute. Die Lehre aus diesem zäh beginnenden, aber dann Tempo aufnehmenden Film lautet: Unterschätze niemals Provinzler, die ihr Stück vom Kuchen haben wollen. Keine Frage: Auch Danny Ocean hätte diesen Hinterwäldler-Gangster seine Anerkennung gezollt.

Von Stefan Stosch / RND

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