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szene:Europa-Festival mit nordirischen Künstlern

Societaetstheater Dresden szene:Europa-Festival mit nordirischen Künstlern

Einmal im Jahr steht ein europäisches Land im Mittelpunkt. Das Festival szene:Europa ist eine Werkschau herausragender, professioneller und unabhängiger Bühnenarbeiten aus den Ländern Europas. In diesem Jahr erforschen Künstler aus Nordirland die konfliktreiche Vergangenheit und Gegenwart ab Freitag im Societaetstheater.

Der Autor Laurence McKeown (M.) mit den „Green & Blue“-Darstellern James Doran (r.) und Vincent Higgins.
 

Quelle: PR

Dresden.  U2 sind irisch, The Simple Minds schottisch. Was beide Bands unter anderem eint, ist überraschend ein Thema: Nordirland mit seinen lange Jahre währenden blutigen Auseinandersetzungen, euphemisiert als The Troubles. „Sunday, Bloody Sunday“ (U2) und „Belfast Child“ (The Simple Minds) wurden musikalische Marksteine dieses Blicks aus der Nähe, der dennoch einer von draußen war, auf diesen Flecken am nordöstlichen Rand Irlands, der rund ein Viertel kleiner ist als Sachsen.

Demnächst können, trotz besagter Entfernung, jedoch mehrere Innenperspektiven Nordirlands nachvollzogen werden, die im künstlerischen Bereich angesiedelt sind, und zwar im Societaetstheater. Hier steht in der Festivalreihe szene:Europa nämlich dieser kleine Appendix Großbritanniens, besser gesagt: dort entstandene darstellende Kunst, im Zentrum. Vom 9. bis 18. Juni sind ein Dutzend Aufführungen und Veranstaltungen aus und über Nordirland geplant, bis hin zum Straßentheater-Abschluss auf der Sebnitzer Straße zur Bunten Republik Neustadt.

Brit Magdon, künstlerische Programmchefin des Societaetstheaters und Kuratorin des Festivaljahrgangs, holt ein wenig aus bei der Beschreibung der mittlerweile neunten szene:-Auflage. „Wir fangen immer bei Null an. Es ist immer eine Art Niemandsland, das man betritt“, umschreibt sie die ersten Recherchen und Kontakte in die freie Kunstszene Nordirlands. Dort sei ihr sehr viel Offenheit begegnet, weil der Landstrich kulturell zwar nicht unbedingt ein Mauerblümchendasein führt, „aber oft übersehen wird“. Nun ist er an der Elbe Festivalthema.

Nordirland – das heißt Politik pur. Jahrzehntelang Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen, wird einiges davon auch im Dresdner Programm sein Abbild finden, vor allem durch das 1994 in Belfast gegründete Kabosh Theatre, das am Freitag (20 Uhr) den Auftaktabend bestreiten wird. Auf die Bühne kommt das Stück „Green & Blue“ (gleichzeitig auch Titel des Festivals) von Laurence McKeown. Basierend auf originalen Tondokumenten, erzählt die relativ junge Produktion (Premiere war im Oktober 2016) von zwei Männern in blauer und grüner Uniform, die ihren Dienst beiderseits der Grenze von Nordirland zu Irland versehen, in der Zeit jener Troubles.

Dabei ist auch der Autor selbst durch seine Biografie ein wandelndes Stück Zeitgeschichte. McKeown, der im Anschluss an die Aufführung gemeinsam mit den Künstlern zum Gespräch mit den Besuchern einladen wird, ist Jahrgang 1956. Mit 17 geht er zur IRA. 1976 beschießt er aus dem Hinterhalt einen Jeep der nordirischen Polizei, ein Querschläger verletzt einen Polizisten. McKeown wird kurz darauf geschnappt, im April 1977 wird er zu lebenslänglicher Haft verurteilt und kommt ins berüchtigte Gefängnis bei Maze. Dort schließt er sich sofort mehreren Protesten an, später dann auch den traurige Berühmtheit erlangenden Hungerstreiks. 1981 sterben dabei zehn Häftlinge, McKeown ist drauf und dran, Nummer elf zu werden. An seinem 70. Streiktag verliert er das Bewusstsein; seine Mutter sorgt dafür, dass er im Krankenhaus intravenös ernährt wird. 1992 kommt McKeown frei, macht seinen Abschluss in Sozialwissenschaften, schiebt eine Doktorarbeit hinterher – und beginnt zu schreiben.

Beim Festival wird McKeown noch live von Paula McFetridge interviewt werden, der künstlerischen Leiterin des Kabosh Theatre (10.6., 17 Uhr). Anschließend ist der 2001 entstandene Spielfilm „H3“ zu sehen, der sich den Geschehnissen in Maze 1981 und den fatalen Streiks widmet.

Doch auch andere Seiten Nordirlands gilt es zu entdecken. Dafür sollen vor allem Frauen sorgen, wie Oona Doherty mit ihrer Tanzperformance „Hope Hunt“ (10.6., 20 Uhr), gefolgt vom „Pfannentanz“ Deirdre Griffins, der den Titel „Pantastic!!“ trägt (21 Uhr). Zauberhaft dürfte es bei „The Faerie Thorn“ der Big Telly Theatre Company werden, einer der ältesten freien Companys in Nordirland, die eine phantasievolle Welt auf die Bühne bringt, in der die Feen-Mafia herrscht. Dazu kommen die beim Fringe-Festival in Edinburgh preisgekrönte Schauspielerin Amy McAllister in „Scorch“ (13.6., 20 Uhr) und die Storytellerin Clare Murphy mit „UniVERSE“ (15.6., 20 Uhr). Bei den meisten der Aufführungen gibt es simultane Übersetzungen.

Auch die jüngere Politik hat ihren Schatten geworfen. In Nordirland stimmten vor einem knappen Jahr immerhin 55,76 Prozent derer, die in die Wahlkabinen gingen, gegen den Brexit und für einen Verbleib in der EU. Die in „Green & Blue“ thematisierte Grenze, die in den vergangenen 20 Jahren ihre Härte sukzessive verlor, wird nun mit Blick auf den Brexit-Vollzug EU-Außengrenze. All das sei auch ein Anlass dafür gewesen, sich für Nordirland zu entscheiden, erzählt Societaetstheater-Geschäftsführer Andreas Nattermann. Er vergleicht die Grenz-Erfahrungen der Nordiren mit denen, die vor allem im Osten Deutschlands immer noch nicht ganz verblasst sind.

Die britische Insel bleibt jedenfalls weiter im Fokus der Festivalmacher. Denn Wales steht als einziger Landesteil des Vereinigten Königreichs noch als geografischer Bezugspunkt aus bei szene:Europa. Doch es soll folgen. Ob allerdings schon im nächsten Jahr, ist bislang offen.

www.societaetstheater.de

Von Torsten Klaus

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