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Zentralwerk in Pieschen eröffnet

Neue Kulturmitte Zentralwerk in Pieschen eröffnet

Das Pieschener Gelände auf der Riesaer Straße (Ecke Heidenstraße) ist stadtbekannt, stammt aus härtesten Reichszeiten, war einst Rüstungsbetrieb, später Druckerei. Jetzt bietet das Objekt Wohnungen und Raum für viel Kultur.

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Der Saal ist derzeit für 600 Leute – und zwar sowohl bestuhlt als auch stehend – nutzbar, allerdings jeweils nur per Sondergenehmigung.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Es ist zwar kein Schiff, aber die Taufe erfolgte ähnlich. Am 5.5. gegen 11.11 Uhr raste eine riesige Sektflasche an einem eigens gebauten Gestell auf die Wand zu, eine Geigenperformance von El Perro Andaluz und das flashmobartige Verlesen der Namen der gesamten Genossenschaft folgten dem Zerschellen als Eröffnungszeremonie auf dem Hof der Zentralwerkstatt. Dort wartete eine Hundertschaft Kreativköpfe, darunter etliche Bekannte der Dresdner Kleinkunstszene, die man heute anstandshalber als Freie oder Kreativszene bezeichnen mag.

Das Pieschener Gelände auf der Riesaer Straße (Ecke Heidenstraße) ist stadtbekannt, stammt aus härtesten Reichszeiten, war einst Rüstungsbetrieb, später Druckerei und verfügt über mehrere Baueinheiten, die bis 2012 in eine Art Dornrösschenschlaf verfielen (und dabei verfielen). Zwei siebenstöckige Türme säumen das Areal, diese verbindet ein vierstöckiges Gemeinschaftshaus, auf der anderen Saal säumt das alte, noch gänzlich unsaniert scheinende Saalgebäude den Hof, dem eine Bar, ein Kabinett und noch ein kleiner Saal innewohnen.

Mit dem drei Liter verdunstenden Sekt („Hoffentlich gesponsert“, meint eine Hintergrundstimme) schwängert eine elfjährige Friedrichstädter Idee die Pieschener Luft. Denn der „friedrichstaTTpalast“, später „friedrichstadtZentral“, gilt als die Wiege jener Keimzelle, die als Verein und Künstlergemeinschaft erstaunlicherweise die Vertreibung von der anderen Elbseite überstand und ab 2013 ein Auge auf das neue Gelände geworfen hat. Eine Stiftung kaufte und verpachtet für 99 Jahre, eine Genossenschaftsbank finanzierte das Meiste, denn fünf Millionen Euro Investitionskosten sind kein Pappenstiel, wobei auch die Stadt mit bis zu 1,3 Millionen Euro Stadtumbaumitteln hilft.

Mit viel Eigeninitiative und einem dreiköpfigen Architekturteam unter den 40 Genossen sind nun insgesamt 7200 Quadratmeter Geschossfläche, darunter 2500 fürs Wohnen (in 22 Einheiten) und 3800 für Gewerbe und Ateliers (in 66 Einheiten) nutzbar. 600 Euro kostet die Genossenschaftsmitgliedschaft, dazu kommen noch je 600 Euro für je zehn Quadratmeter Nutzfläche, auch die Mietkosten fürs kalte Wohnen (4,50) und Gewerben (4 bis 5,20) sind humaner Natur, wobei die Ateliertürme preiswerter sind.

Geschäftsführer Lutz Schneider verweist aber ausdrücklich auf den Unterschied zwischen Genossenschaft und Verein, wobei die Besatzung nahezu identisch ist und die Leute bei der Pressekonferenz zur Eröffnung nun allesamt auch privat Nachbarn sind. Dieses neue Flair, von dem Filmkünstlerin Barbara Lubich, die auch Aufklärung über die Vergangenheit des Geländes verspricht, schwärmt, kann man sich am heutigen Sonnabend überzeugen, denn es heißt ab 11 Uhr „Open House“, die Genossen Mieter öffnen ihre Reiche und zeigen zumeist ihre Arbeit: „Vom Imker bis zum Kostümbildner, vom Zen Zentrum bis zum Performancekollektiv, von ColoRadio bis zum Chaos Computer Club, von der Wohnung bis zum Ballsaal“ – so ist es versprochen. Auch „coloRadio“ und der Chaos Computer Club sind aus Alt- und Neustadt geflüchtet und nun im Pieschener Zentralhafenasyl gelandet und zeigen ihr Domizil.

Das Berliner Duo Böse Diva, welches wegen des Namens unbedingt zusammen- und kleingeschrieben (also: bösediva) werden mag, wird ab 17 Uhr das „Kabinett“ neben dem Ballsaal erstmals bespielen. Das ist der Start der ersten von künftig drei Reihen. Neben dieser „Rekapitulation“ nennen sich die anderen beiden „Liaison“ und „Arsenal“ – letztere ist den zahlreichen Hauskünstlern vorbehalten.

Und wer wirklich eine langen Abend haben mag, der fragt den männlichen Divenpart, nämlich Robin Detje, ob er denn eigentlich aus Prinzip provoziere. Denn jener ist Berliner, war einst Kritiker für Süddeutsche und Zeit und fragte genau dies vor 15 Jahren in Buchform Frank Castorf. Ab 20 Uhr wäre dafür Zeit, allerdings läuft parallel im Saal Tango mit „El Perro Andaluz“, auf der Terrasse des Gemeinschaftshauses ein Konzert mit Sønderling oder (ab 22 Uhr) sind Cie. Freaks und Fremde mit ihrer „Freakshow“ zu erleben, bevor im Foyer unter anderem „Restless Legs“ auftrumpfen.

Echt spannend für die gesamte Dresdner Kulturszene könnte die Entwicklung im Saal werden. Der ist derzeit für 600 Leute – und zwar sowohl bestuhlt als auch stehend – angemeldet. Allerdings jeweils nur per Sondergenehmigung. Dessen Rekonstruktion und dann die Anmeldung als reguläre Versammlungsstätte, in der sowohl Konzerte als auch Kino, Tanz und Theater gehen, schätzen die Zentralwerker auf fünf Jahre (in Zeit) und 500 Riesen (in Euro). Investoren und Fördermitglieder können sich von der Sinnhaftigkeit gut überzeugen.

www.zentralwerk.de

Von Andreas Herrmann

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