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"Zeit.Punkt" in Gera als gefeierte Balletturaufführung von Silvana Schröder

"Zeit.Punkt" in Gera als gefeierte Balletturaufführung von Silvana Schröder

Auch Choreografen haben so ihre Eigenheiten, wenn sie neue Arbeiten hervorbringen. Die einen starten mit einem Feuerwerk an Ideen, verlieren schließlich an Kraft, andere wieder steigern sich auffällig zum Finale hin.

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Emotionale, dichte Bilder bei "Zeit.Punkt".

Quelle: Stephan Walzl

Die abendfüllende Choreografie "Zeit.Punkt." von Silvana Schröder - sie ist als Ballettdirektorin und Chefchoreografin des ThüringenBalletts seit der Spielzeit 2011/2012 wieder in Gera präsent - erscheint mit dem ersten Bild zunächst mal wie ein Eigentor. Zu angejahrt wirken ihre chorisch-stilisierten Bewegungsmuster, zu simpel strukturiert ist das Geschehen, und die Tänzer des leistungsfähigen Ensembles sind anfänglich deutlich unterfordert.

Sie ballen sich in effektvollen Formationen, bekommen wenig Spielraum für wahre Bewegungsfantasie - Spannung kann da kaum aufkommen. Zudem wird mit der Musik von Leonard Bernstein - "On The Town", Three Dance Episodes sowie die Suite aus dem Film "On The Waterfront" - der Tanz mächtig gewaltig forciert. Da fällt es auch dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera unter Leitung von Jens Troester nicht eben leicht, dem Ganzen noch Nuancierungen abzugewinnen.

Im besten Falle hat Silvana Schröder diesen drangvollen Auftakt bewusst angesteuert. Weil es ihr um Zeitläufe geht, den Sog der Menge, die allgemeine Hatz. Und um die Schwierigkeit, sich diesen Zwängen zu entziehen. Erkennbar aber ist für den, der das Programmheft zuvor nicht gelesen hat, wohl eher kaum, dass der schwarz gekleidete Mann (Odsuren Dagva) ein Todesengel sein soll, sich die von ihm "umworbene" Frau (Sabine Völkl) quasi gegen seine "Umklammerung" wehrt. Wie soll man das auch herausfinden, wenn sie bedeutungsschwer durch die Menge wandelt, zuweilen mit herab trudelnden Flaumfedern spielt oder hoch oben wie eine verängstigte Katze auf dem Baum kauert. Erkennbar ist nur, dass sie, wenn er sie umfassen will, das Weite sucht, unter seinem Arm abtaucht in die Gegenrichtung.

Die suggestive Klangwelt von Bernstein bekommt der Choreografin keinesfalls. Sie lässt sich vom musikalischen Fluss emotional mitreißen, versinkt im Strom, strukturiert die Bilder derart, dass auch das Publikum davon überflutet wird. Zudem ist es nicht eben hilfreich, dass sie die Tänzer am Proszenium klettern und hangeln lässt oder Konfrontationen zu simpel zeichnet. Dabei entsteht ein Bilderreigen, dem es an Tiefe mangelt, der deutlich mit dem Liedtext "Muss nur noch kurz die Welt retten" korrespondieren könnte. Wobei dieser ja im Original doch noch hinterfragt ist.

Im zweiten Teil bringt speziell auch die musikalische Veränderung deutlich mehr Intensität ins Spiel. Wojciech Kilars eindringliche Filmmusik aus "Bram Stoker's Dracula" schafft einen Klangraum, der Individuelles, Geheimnisvolles überhaupt erst zulässt. Die forcierten Zeitläufe, zuvor auf einer großen Video-Uhr im rasanten Vor-und Rücklauf ablesbar - Andreas Auerbach sorgt insgesamt für eine markante Ausstattung -, scheinen sich nun auf der langsam rotierenden Drehbühne mit mehr Gelassenheit abzuspulen. Offenbar sucht die Frau nach Orientierung auf dieser "Scheibe"", die sich zu einem Turm empor schraubt, unter dem "Maschinenmenschen" sichtbar werden. Und wie in einem Kreislauf klingen schließlich Phasen aus dem gehetzten Alltag der Anfangsszenen wieder an. Deutlich beeinflusst die musikalische Veränderung sowie die signifikante, nun auf einzelne Paare beschränkte Folge auch die Wahrnehmung der Bewegungsqualitäten - die Körpersprache wirkt fast durchscheinend, der Zeit entrückt. Und es gibt eine permanente Annäherung der beiden, doch zueinander kommen sie nicht. Dies geschieht im übertragenen Sinne erst im dritten Teil, wenn das sensible Klanggefüge von Arvo Pärt aus seiner Sinfonie Nr. 3 und das so fragile Spiel von Klavier und Cello in "Spiegel im Spiegel" sie in eine andere Welt hinüber führt. Durch das Tor aber geht die Frau schließlich allein, lässt das Weggehen der von jeglichem Ballast Befreiten selbstbestimmt erscheinen. Da kann man gar nicht anders, da ist man gebannt. Und Sabine Völkl, die schon als Tanzstudierende an der Palucca Schule Dresden auf sich aufmerksam machen konnte, trägt dieses Entschwinden mit Würde.

Zum Schluss ist man halbwegs wieder versöhnt mit der Choreografin, die so viel will und so viel fühlt. Und die unbedingt auch ein Glücksgriff ist für das Ensemble, das ab Januar 2013 als Thüringer Staatsballett weiterbesteht. Sowohl die Tänzerin wie auch die Choreografin Silvana Schröder ist in Gera bestens bekannt, war an diesem Hause bereits von 2000 bis 2003 erfolgreiche Ballettchefin. Und es ist keine Frage: sie wird zwar die Welt nicht retten können, dafür aber ehrlich und entschlossen für ihr Ensemble streiten. Und garantiert alles dafür tun, dass die Tänzer, der Tanz in dieser Region unverzichtbar bleiben. Der Jubel im Zuschauerraum und auf der Bühne zum Premierenabend spricht da eine deutliche Sprache. Gabriele Gorgas

nächste Auführungen 9. und 22. Juni sowie 7. Juli, Beginn jeweils 19.30 Uhr, Bühnen der Stadt Gera, Großes Haus, "Freaks", Ballett von Silvana Schröder, wieder am 28.6. in Gera und am 8. und 20. Juli im Landestheater Altenburg

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2012

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