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ZSK vor Auftritt in Dresden: „Gegen Nazis immunisieren“

Konzert in der Scheune ZSK vor Auftritt in Dresden: „Gegen Nazis immunisieren“

ZSK stehen für Punkrock und die „Kein Bock auf Nazis“-Initiative, für politischen Aktivismus und kommerziellen Erfolg. Am Sonnabend kommen die Berliner zusammen mit swiss und die anderen in die Scheune – Sänger Joshi verneigt sich im Interview vor mutigen Jugendlichen auf dem Land und erklärt, was Punksein heute bedeutet.

Klare Haltung, klare Aussagen: ZSK-Sänger Joshi (2. v. r.) und seine Bandkollegen kommen nach Dresden.
 

Quelle: Micael Santos Graca

Dresden.  ZSK stehen für Punkrock und die „Kein Bock auf Nazis“-Initiative, für politischen Aktivismus und kommerziellen Erfolg. Am Sonnabend kommen die Berliner zusammen mit swiss und die anderen in die Scheune nach Dresden – Sänger Joshi verneigt sich im Interview vor mutigen Jugendlichen auf dem Land und erklärt, was Punksein heute bedeutet.

Ihr hattet ZSK vier Jahre lang zu den Akten gelegt. Nach dieser Auszeit seid ihr erfolgreicher als je zuvor. Was macht ihr richtig?

Das weiß ich nicht. Wir hatten wieder angefangen, weil wir von hunderten jungen Leuten herzzerreißende Mails und Briefe bekommen haben, die uns unbedingt mal live sehen wollten. Aus der geplanten einen Tour sind schon wieder fünf Jahre geworden. Früher haben wir im halbvollen Conne Island gespielt, heute ist es lange vorher ausverkauft. Und dieser Zuspruch ist mittlerweile in fast allen Städten so. Dazu kommen Festivals wie das Highfield. Ich habe keine Ahnung, weshalb viel mehr Leute als früher kommen. Aber es ist wunderschön – und wir genießen es einfach. Wenn man bedenkt, dass wir am Anfang überhaupt keine Instrumente spielen konnten, sondern einfach nur Punkrock machen wollten, ist diese Entwicklung schon irgendwie absurd.

ZSK haben vor zehn Jahren die Kampagne „Kein Bock auf Nazis“ ins Leben gerufen. Inzwischen sind die Buttons von keiner Anti-Nazi-Demo mehr wegzudenken, gehören eure Shirts zur alternativen Jugendkultur. Ist KBAN heute ein Selbstläufer?

Es ist Wahnsinn, wie sich KBAN entwickelt hat. Das alles ist uns aber nicht in den Schoß gefallen, sondern hat auch eine Menge Kraft, Zeit und auch Geld gekostet. Heute stecken wir als Band nicht mehr so stark wie früher drin, sind aber natürlich involviert und fällen die großen strategischen Entscheidungen. Die Aktion, an der ja auch ein Versand hängt, läuft inzwischen mit sehr vielen Ehrenamtlichen. Welche Tragweite KBAN hat, zeigt auch: Am Anfang mussten wir Bands anfragen, ob sie mitmachen – heute melden sich haufenweise Kollegen, um mitzumachen.

Ihr lebt seit vielen Jahren die häufig zitierte Zivilcourage. Was ist dein Ratschlag?

Das hat ganz viele Ebenen und fängt schon im Freundeskreis oder in der Schule an. Zum Beispiel, dass man verbal eingreift, wenn jemand anfängt, rassistischen Mist zu labern. Das kann ganz einfach sein, indem man auffordert: Erkläre doch mal, was du so ablässt. Auf der anderen Seite ist es ganz wichtig, dass eine nicht-rechte Jugendkultur angeboten wird. Jugendliche müssen mit Werten wie Anti-Rassismus und Anti-Diskriminierung aufwachsen, damit sie gegen Nazis immunisiert werden. Das ist das, was wir mit der Band – und ganz viele andere Bands – machen. Jedes alternative Jugendzentrum bringt tausendmal mehr als irgendeine Aktion von der Regierung, wo irgendwer mit erhobenem Zeigefinger ankommt. Und dann, im Konkreten, muss man sich Nazis entgegenstellen: Das heißt zum Beispiel zu versuchen, Aufmärsche zu blockieren.

Ihr seid das Gesicht von „Kein Bock auf Nazis“ – habt ihr selbst Angst vor Überfällen oder seid schon mal angegriffen worden?

Ich habe da überhaupt keine Angst. Würde uns irgendwas passieren, gäbe es eine Welle der Solidarität. Außerdem leben wir in Berlin in relativ sicheren Vierteln. Ich mache mir viel mehr Sorgen um einen 16-jährigen ZSK-Fan, der einen „Kein Bock auf Nazis“-Button an der Jacke trägt und jeden Tag aufs Dorf fahren muss. Die Leute auf dem Land leben ziemlich gefährlich, sie sind mit Nazis konfrontiert, werden bedroht und verprügelt. Ein junger Punk gilt als linker Spinner, passt da oft nicht ins Bild – und wenn er krankenhausreif geschlagen wird, gibt es keine oder nur viel zu wenig Solidarität. Trotzdem mit unseren Buttons rumzulaufen, ist wahnsinnig mutig – und die Jugendlichen sind viel mutiger als wir.

ZSK stehen für genau diese Jugendkultur, werden von Älteren aber auch belächelt.

Wir haben sehr viele junge Fans, die etwas bewegen und ändern wollen. Mich beeindruckt immer wieder, wie mutig sie auftreten und sich Gefahren aussetzen. Da sind unsere Konzerte sowas wie ein Ventil: Diejenigen, die jeden Tag mit Nazis konfrontiert sind, leben aus, dass sie mal unter ihresgleichen sind. Manche wundern sich, wenn gerade auf unseren Konzerten „Nazis raus“ oder „Alerta“ von Fans gerufen wird. Dabei feiern sie nur, das aussprechen zu können, was sie fühlen – ohne Angst haben zu müssen, auf die Fresse zu bekommen. Diese Selbstbestätigung, dass man sich gegen Nazis engagiert, ist wichtig und völlig in Ordnung. Ich finde es ziemlich arrogant, wenn arrivierte Linke das als kindisch bezeichnen und darüber lächeln. Die sollten mal an die eigene Jugend denken.

Die eine Seite ist euer politischer Aktivismus. Anderseits seid ihr inzwischen kommerziell sehr erfolgreich. Wie passt das zusammen?

Für uns ist das kein Widerspruch. Wir wären nicht so erfolgreich, wenn es die „Kein Bock auf Nazis“-Kampagne nicht gegeben hätte und nicht so viele junge Leute auf unsere Konzerte kommen würden. Es wird immer – von außerhalb, aber auch manchmal innerhalb der Szene – vorgehalten, dass man als Punkband überhaupt Geld verdient. Das ist unehrlich. Auch wir müssen unsere Miete bezahlen und etwas zum Essen kaufen – und das machen wir, indem wir Konzertkarten verkaufen und eine tolle Show spielen. Außerdem sind wir ja nicht käuflich: Ich würde für kein Geld der Welt für die CDU spielen – aber hundertmal kostenlos bei Benefizsachen.

Was ist für dich heute Punk?

Ich sag mal so: Wenn ich nicht mit 13 angefangen hätte, Punkrock zu hören, dann wäre ich nicht die Person, die ich heute bin – und würde mich vielleicht nicht dafür interessieren, was in der Welt passiert und was da alles schief läuft. Zum Punk gehören aber nicht nur Freundschaften und die Musik, sondern für mich ist das Wesentliche das positive Denken, die Lebenseinstellung: dass man bei all dem, was auf der Welt so abgeht, versucht, einen kleinen Teil zum Guten beizutragen, selbst wenn dieser Teil auch noch so winzig sein sollte. Diesen Grundkonsens gibt es in den meisten anderen Musikrichtungen nicht.

Von Andreas Debski

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