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Wolfgang Schaller im Interview

Herkuleskeule Dresden Wolfgang Schaller im Interview

Am Freitag öffnet nach fünf Jahren Umbau der Dresdner Kulturpalast seine Türen. Damit kann auch die Dresdner Herkuleskeule neue Räume bespielen. Nach mehr als 50 Jahren endet ihre Zeit am Sternplatz.

Der alte Standort der Herkuleskeule am Sternplatz.

Quelle: Herkuleskeule

Dresden. Am Freitag öffnet nach fünf Jahren Umbau der Dresdner Kulturpalast seine Türen. Damit kann auch die Dresdner Herkuleskeule neue Räume bespielen. Wir sprachen dazu mit Intendant Wolfgang Schaller.

Frage: Ein Programm der Keule heißt  „Heimaterde“, verlassen Sie diese gewissermaßen, wenn Sie jetzt nach 52 Jahren am Sternplatz in den Kulturpalast umziehen?

Wolfgang Schaller: Man wechselt ja die Heimat nicht wie ein Hemd. Heimat ist wo man sich zugehörig fühlt. An der Herkuleskeule bin ich fast ein halbes Jahrhundert, also ist sie meine Heimat, egal an welchem Ort.

„Lachen, wenn’s zum Heulen ist“ gibt’s auch als Programm der Keule, aber jetzt können Sie und Ihre Mitstreiter wohl erst einmal nur lachen, immerhin haben Sie nun eine neue Spielstätte, und das auch noch mitten im Zentrum?

Das ist eine Chance. Die Touristen fallen ja beim Neumarktbummel direkt in unseren Kabarettkeller. Falls sie ihn finden. Das sogenannte Wegeleitsystem bezeichnet uns nur als Kabarett. Wir sind aber die Herkuleskeule, das ist unser Markenzeichen, das die Leute anlockt. Auf einem VW steht ja auch nicht Auto sondern VW. Aber ich male schon Pappschilder, um beim Einzug alles zu überkleben.

Wird dennoch auch ein bisschen „geheult“, sprich empfinden Sie auch Wehmut, die Tür am Sternplatz zuzumachen?

Ich gehöre ja als Kabarettopa zum Mobilar. Ich habe in dieser Zeit Wolfgang Stumph an die Keule geholt und Uwe Steimle und Rainer Bursche und auch Birgit, eine Kollegin, die ich seit – ich weiß gar nicht, ob sie möchte, dass ich die Jahreszahl nenne – die ich seit zig Jahren näher kenne. Es waren die Jahrzehnte meiner Zusammenarbeit mit Peter Ensikat. Es war die Zeit meiner Freundschaft mit Dieter Hildebrand. Da lässt sich Melancholie nicht vermeiden. Dieses Haus atmet Kabarettgeschichte. Aber wenn sich selbst der Alte Fritz in seinem Sarg noch umtopfen ließ, so werde ich es wohl ganz lebendig in die neue Spielstätte schaffen.

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Wenn nach fünf Jahren Umbau der Dresdner Kulturpalast seine Türen öffnet, bezieht auch das Kabarett „Herkuleskeule“ neue Räume. Seit über 50 Jahren hatte es sein Domizil am Sternplatz.

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Welchen Kommentar würden denn Keule-Gründer Manfred Schubert und „Gustav und Erich“ alias Hans Glauche und Fritz Ehlert zum Umzug abgeben?

Manfred Schubert hat uns schon per Brief sein Daumendrücken übermittelt. Ohne ihn gäbe es die Keule nicht. Ich habe ihm viel zu verdanken. Und Hans Glauche würde fragen, was „Mei Erich“ dazu sagt.

Welche Bedingungen findet Ihr Kabarett im Keller des Kulturpalastes vor?

Wir sind jetzt schon so weit, dass es im vierzig Meter langen Foyer eine Steckdose gibt. Nein nein: Unser nicht aus der Ruhe zu bringender Geschäftsführer Arnim Proft bringt alle Bauchefs dazu zu sagen: Geht eigentlich nicht, aber machen wir noch! Wenn’s mal fertig ist, wird es ein wunderschönes Theater. Und wenn es stimmt, dass die Projektfirma die gleiche ist wie beim Berliner Flughafen, ist es doch fast schon ein Marienwunder, wenn der Kulti pünktlich eröffnet wird. Da muss man einfach hinpilgern.

Wie viele Plätze hat die Spielstätte?

25 mehr als die alte. Also 242. Wenn die nicht reichen, spielen wir im Konzertsaal, und die Philharmonie spielt bei uns. Überhaupt: Wer mal ausnahmsweise keine Lust auf Brahms hat, der soll nicht die Treppen rauf, sondern in unseren Kabarettkeller die Treppen runter gehen, ich garantiere: Der Abend wird lustiger.

Wird es mit dem Umzug auch Veränderungen und Impulse für neue Programme, Programmformen und Inhalte geben?

Neue Impulse für ein politisches Kabarett gibt die Politik. Leider sind diese Impulse zur Zeit stärkere Stromstöße: Syrienkieg, Trump, AfD, Terror, Flüchtlinge. Das ist alles zum Schreien! Wir lachen uns krank über eine kranke Welt. Deshalb heißt das nächste Programm auch Lachkoma.  

Wie viele Vorstellungen soll es fürderhin geben?

Wir spielen fast jeden Tag, sonnabends zweimal. Dazu kommen weit über einhundert Gastspiele quer durch Deutschland, da fahren wir manchmal tausend Kilometer hin und zurück. Meine Kollegen sagen, es artet in Arbeit aus.

Wollen Sie dafür das Ensemble vergrößern?

Vergrößern? Im neusten Programm stehen vier Kabarettisten und zwei Musiker auf der Bühne. Das ist exotisch. Nach der kapitalistischen Formal „Alles muss sich rechnen“ geht das überhaupt nicht. Nein, Gewinnmaximierung – das Ensemble wird kleiner.

Freut sich mit Ihnen Ihr Stammpublikum auf den Umzug?

Mir schrieben ältere Zuschauer: O je, wird es im Kulturpalast wieder so gemütlich? Also, gemütlich sollte es im politischen Kabarett ja nie werden, aber ich versichere: Sie müssen im neuen Saal nicht auf Holzbänken sitzen. Obwohl ich nichts dagegen hätte – Kabarettkeller, das sind traditionsgemäß nach Untergrund riechende morbide Verließe, in denen die Zuschauer eng gedrängt den Hals recken. Aber unsere neue Spielstätte ist ein Schmuckkasten mit allen geforderten Notausgängen und Fluchtwegen. Also wer mal aus einer Vorstellung fliehen will...

Das Publikum erscheint mitgealtert – wie sollen künftig auch junge Leute in die Keule gelockt werden?

Wir hängen ja kein Schild auf: Ab 70 verboten. Da dürfte ich ja nicht mehr rein. Das Publikum wird jünger. Also es sind auch schon mal 69jährige dabei. Wir hatten gestern einen Saal voller Jugendlicher. Da pflanze sich nach der Vorstellung ein tätowierter junger Bodybuildermuskelmann im Turnhemd beängstigend vor mir auf mit den Worten: „Eins will ich Ihnen mal sagen! Ich war noch nie im Kabarett! Aber das heute war Klasse“ Na, da war ich aber stolz. Schön, wenn sich alles mischt: Alt und Jung, West und Ost, Dick und Dünn...

Lange rieb sich das Kabarett an der Comedy, aber es gibt Vertreter dieser Zunft, die spielen nun mal vor Tausenden von Leuten und sind mal mehr, mal weniger auch politisch. Welchen Comedians können Sie etwas abgewinnen, welchen gar nichts?

Das Endziel von Comedy ist das Lachen. Nur das Lachen. Politisches Kabarett will mit Lachen etwas transportieren: Eine Erkenntnis, eine Frage, ein Nachdenken. Nein, ich reibe mich nicht an Comedy. Ich liebe selbst den kalauernsten Witz. Aber deshalb muss man ja sein Gehirn nicht an der Garderobe abgeben. Lachen ist Wein für die Seele. Das ist ja vielleicht das Erfolgsgeheimnis der Herkuleskeule: Intelligent geblödelter Scharfsinn - so jedenfalls nannte es mal eine große Zeitung.

Was wird die Keule zur Eröffnung der neuen Spielstätte spielen?

Zunächst einmal nehmen wir am 29. April vom alten Haus Abschied, ziehen dann mit Fanfarengedröhn unter der Losung Es lebe der Kabarettismus! zum Kulturpalast, um dort den neuen Saal zu taufen. Am 1. Mai steht die Kulturpalastpremiere unserer BALLASTREVUE auf dem Programm, und in den darauffolgenden Tagen gastiert eine breite Spitze von Konstantin Wecker bis Christian Ehring.  

Sie sind seit 1970 im Ensemble und waren seit 1984 Künstlerischer Leiter. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich lange und schwierig – warum?

Ich hab gestern in der Tagesschau Bilder vom Papst und seinen Kardinälen gesehen. Da bin ich ja noch ein junger Hüpfer. Und die letzten Programme, die ich mit meinen Kollegen produziert habe, werden vom Publikum gefeiert. Ein Nachfolger muss ja Texte und Programme schreiben können. Senkrechtstarter aus der poetry-slam-szene wie Till Reiners schreiben für uns. Aber wer selbst schreibt und auf die Bühne geht, für den gibt es keinen Grund, sich die Verantwortung für ein Ensemble ans Bein zu binden.

Wer also wird Ihr Nachfolger?

Ich habe schon vor Jahren öffentlich gemacht, wer mein Nachfolger wird. Dann ist das schiefgegangen, und dass sich damals jung und alt nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen konnten, war eine mich sehr bewegende Niederlage. Deshalb will ich jetzt nur sagen, dass ich als Leiter unser Ensemble in den Kulturpalast führen werde. Wir ziehen ja nicht nur um. Etliche Geschäftsführerwechsel. Und vier junge Spieler stehen zum ersten Mal auf unserer Bühne. Abbruch, Umbruch, Aufbruch. Wir sind mittendrin.

Manche sind auch wieder gegangen...

Manche haben bei uns auf der Bühne Laufen gelernt, dann wurde ihnen das Ensemble zu eng, und sie gingen einen solistischen Weg. Ensemble heißt ja auch zuordnen. Selbstverwirklichung und Freiheit reimen sich nicht immer auf Ensemblegeist.

„Die Herkuleskeule hat in all den Jahren der Erstarrung wie ein Eisbrecher gewirkt und anderen mit ihrem Mut geholfen“ schrieb einmal die DDR-Satirezeitschrift „Der Eulenspiegel“. Und was macht die Keule jetzt, wo jeder alles sagen kann?

Es wird ja gar nicht alles gesagt. Die Berichterstattung über die großen Konflikte, über Syrien und Russland und Ukraine, die sind ja oft von erschreckender Einseitigkeit. Gegenüber Politkern und Medien gibt es einen gefährlichen Vertrauensverlust. Wir haben früher Zuschauern Mut zur Zivilcourage gemacht: Sagt was, macht den Mund auf. Da hat sich heute nicht viel daran geändert.

Kam es in den vergangenen zwei Jahrzehnten mal vor, dass Sie „von der Politik“ oder einer gesellschaftlichen Veränderung derart irritiert waren, dass es Ihnen regelrecht die Sprache verschlug?

Ich muss auch dann schreiben, wenn ich lieber stumm bleiben würde. Ich hab auf viele Fragen keine Antwort. Und wenn ich eine habe, ist das nicht unbedingt die Wahrheit, sondern halt nur meine Antwort. Es gibt kein Da die Bösen und da die Guten. Es gibt kein Nur ich hab recht. Das macht Satire heute schwieriger, aber auch spannender.  Und das macht in einem Ensemble mit engagierten Mitstreitern Spaß. Leider kostet der Spaß viel Kraft.

Welche ganz persönlichen Wünsche verbinden Sie mit der neuen Spielstätte?

Nur nicht die Wut verlieren.

Am 29. April gibt es 18 Uhr am Sternplatz eine Reminiszenz an die letzten 56 Jahre Herkuleskeule; anschließend 19 Uhr Verabschiedung von der Spielstätte; 19.30 Uhr gemeinsamer Marsch vom Sternplatz zum Kulturpalast; 19.50 Uhr Begrüßung durch OB Hilbert vor dem Kulturpalast;
20 Uhr Catering im Foyer der Herkuleskeule; 21 Uhr Programm auf der neuen Bühne „Gäste gratulieren“; 22 Uhr Feier im Foyer. Ausverkauft!

Von Kerstin Leiße

 Kulturpalast Dresden 51.0509842 13.7383443
 Kulturpalast Dresden
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