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Wirbeley lud zum Release-Konzert ihres neuen Albums "Barrierefreie Volksmusik"

Tandaradei Wirbeley lud zum Release-Konzert ihres neuen Albums "Barrierefreie Volksmusik"

Nichts wissen wir über sie: Weder kennen wir ihren Namen noch Alter, weder ihren Stand noch ihre Herkunft. Aber klar ist, dass sie glücklich ist. Und sie hat keine Scheu zu verraten, warum. Denn es hat sich was getan, "under der linden".

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Die bunte Truppe Wirbeley

Quelle: PR

Dresden. Nichts wissen wir über sie: Weder kennen wir ihren Namen noch Alter, weder ihren Stand noch ihre Herkunft. Aber klar ist, dass sie glücklich ist. Und sie hat keine Scheu zu verraten, warum. Denn es hat sich was getan, "under der linden". Der Minnesänger Walther von Vogelweide konnte sich sicher sein, dass sein Publikum ihn verstehen werde, der in seinem berühmtesten, um 1200 entstandenen Gedicht, dem Lied "Under der Linden", eine Frau berichten lässt: Mit gebrochenen Blumen symbolisierten die Poeten einst den Verlust der Jungfräulichkeit, die Defloration. Auch in anderen Zeiten konnten die Menschen zwischen den Zeilen lesen. Reue ist jedenfalls das letzte, was die Frau ob der heimlich genossenen Liebe empfindet. Und Scham? Da nur ein kleiner Vogel zugeschaut hat, gibt es keinen Grund dafür.

Auch die Dresdner Gruppe Wirbeley hat sich auf der neuen CD "Barrierefreie Volksmusik", die man am Freitag im Kabarett Breschke und Schuch im Rahmen eines Release-Konzerts vorstellte, mit dem Superhit des Hochmittelalters auseinander. Man war so frei, der Ballade ein Vorspiel auf einer chinesischen Mundorgel voranzustellen - und überhaupt Walther von der Vogelweides Ode auf das Glück der Liebe in einem bulgarischen Ratschenik im 7/8-Takt zu vertanzen. Puristen werden ob des Frevels aufstöhnen, aber Tradition ist bekanntlich nicht das Anbeten der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Und sehr hübsch der Einfall, die berühmte Wortschöpfung Walters, nämlich als lautmalerische "Tandaradei", als "akustischen Zensurbalken" zu bezeichnen, wie dies Anna Katharina Schumann vor versammelter Mann- & Frauschaft tat. Als "Reise voller Liebe, Sehnsucht und Abenteuer durch eine Welt fantastischer Klänge, Farben und Stimmungen" wird das neue Album von Wirbeley beworben. Musikantisch und putzmunter würden Grenzen fortgeblasen, Tradition mit Experiment gemischt. Nomen (des Albums) est omen - beim Sprung zwischen den Kulturen gibt es für die im "Habemus CDem"-Modus befindlichen Musiker keine Barrieren. Bei "Embaxata a mon ami", einer Weise aus Katalonien, geben etwa "Glocken aus Tolkewitz" dem Liebsten ein freies Geläut. Bei "Juokse sinä humma" haben ein russischer Teddybär und eine dunkeläugige Schönheit ihren großen Auftritt - und es gelingt den Akteuren auf der Bühne sogar, das Publikum zum Mitsingen zu animieren. In der Tat: Ein paar Brocken Finnisch kann jeder, wie Georg Arthur Schumann meinte. Musizierfreude trifft jedenfalls Folklore, kammermusikalischer Feinsinn das Gesellige der Volksmusik, dabei munter zwischen Orient und Okzident hin und her springend. Man hat noch nicht mal was gegen Bayern, haut dem Publikum munter Landler und Zwiefacher um die Ohren, wobei Freunde der Blasmusik nicht zuletzt dank des virtuosen Spiels von Anna Katharina Schumann und Eike Geier-Tautenhahn auf Horn und Trompete auf ihre Kosten kamen.

Der generöse, ja massive Einsatz von Blechblasinstrumenten ist charakteristisch für das Klangbild von Wirbeley. Cornelia Schumann hat deswegen Pech: Die Töne, die sie auf der Bratsche erzeugt, haben es mitunter schwer sich durchzusetzen. Aber es gibt ja Solopassagen. Überhaupt kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was da alles an Instrumenten zum Einsatz kommt. Anna Katharina Schumann etwa bläst nicht nur ins Flügelhorn, sondern auch in Duduk, Zink, Schalmei und Sopraninoflöte. Und bei dem altenglischen Choral "God Rest Ye Merry, Gentleman" klappert sie nicht (nur) mit den Augen, sondern mit Holzlöffeln. Selbst eine Säge wird von Georg Arthur Schumann zweckentfremdet, damit diese bei einer Gelegenheit mit der Geige um die Wette schluchzt. Nicht unerwähnt bleiben darf Michael Sapp, der ruhig, ja fast apathisch, am Rand der Bühne sitzt und auf allerlei Schlagwerk den Takt vorgibt. Er trägt ein im weitesten Sinne orientalisches Gewand - so wie auch die anderen Wirbelanten in bunten, fantasievollen Kostümen stecken. Man mäandert zwischen Kulturen, spielt mit Namen und Identitäten. Sapp bekam/hat sich den Namen Ali alias Bjarnhard, der Schläfer von Konstantinopel verpasst und lässt die Zuhörer bei dem erwähnten "God Rest Ye Merry, Gentleman" auch schon mal wissen, dass der Stifter der abendländischen Religion ein Flüchtlingskind war.

von Christian Ruf

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