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„Wir kommen“ nach Ronja von Rönnes Roman im Kleinen Haus

Staatsschauspiel Dresden „Wir kommen“ nach Ronja von Rönnes Roman im Kleinen Haus

Das Theaterstück „Wir kommen“ nach dem gleichnamigen Ronja von Rönne-Roman wurde am Sonntag im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels uraufgeführt. Hier das Fazit unseres Kritikers.

„Wir kommen“
 

Quelle: Matthias Horn

Dresden.  Die beste Nachricht zuerst: Als Besucher von „Wir kommen“ im Kleinen Haus des Staatsschauspiels sollte man unbedingt fünf Minuten zusätzlich einplanen, vorab den kurzen Essay „Jenseits der Disziplinargesellschaft“ des Berliner Philosophen Byung-Chul Han im Programmflyer zu lesen. An diesem gesellschaftstheoretischen Hintergrund hat man zu kauen und kapiert – so im reiferen Alter nicht längst geschehen – die von Bequemlichkeit geradezu überforderte Generation der Ronja von Rönnes besser. Die 25-jährige Bloggerin und Autorin lieferte die Romanvorlage und gehört seit reichlich vier Jahren zu den jungen Stimmen, die ihre Ratlosigkeit geschickt hinter gekonnt-rotzigen Verbalattacken zu tarnen verstehen.

„Wir kommen“, das klingt nach „Yes, we can“ und erweist sich doch als das Gegenteil. Der Aufbruch scheint dem Titel noch Rechnung zu tragen. Die eher melancholische, um nicht zu sagen depressive Nora und die scheinbar immer erfolgreiche Maja starten erlebnishungrig und unternehmungslustig. Man ahnt allerdings schon, dass diese im Halbrund mit Spiegelsäulen versehene Drehbühne von Anne-Alma Quastenberg auch einen Circulus vitiosus vorstellt. Um die Spielerinnen gleich vorab in Schutz zu nehmen: Antje Trautmann und Lucie Emons leben ganz in ihren Figuren, lassen deren Schwanken zwischen Lebenshunger und Leere, zwischen Ego-Kult und dem angepassten „wie es sich gehört“ spüren. Hannelore Koch als die allegorisch personifizierte Panik steht den jungen Schauspielerinnen zunächst an Frische nicht nach, bevor sie mehr und mehr zur distanziert-überlegenen Figur in diesem Dreierspiel avanciert.

Sie und die junge Regisseurin Thea Kolbe versuchen, das Beste aus dem Dauerdilemma einer Romanverstückung zu machen. Wie moduliert man das Narrative, damit es sich einigermaßen in die Bühnendramatik fügt? Doppelt schwer, wenn es überwiegend um Monologe und Selbstreflexionen geht. Hätte es eine szenische Lesung mit der anwesenden Autorin nicht auch getan? Denn es wird viel nacherzählt in diesen 80 Minuten Spielzeit, und zur visuellen Unterstützung für die Zuschauer malt Nora die Konstellation der Vierer-WG auch noch mit Kreide an die schwarzen Säulen. Nachgespielt wird wenig, Szene und Dialog bleiben knapp, drei Solistinnen agieren. Olala, fühlt man sich einen Augenblick lang an die eigene Tanzstundenzeit erinnert. Sind diese Vier, von denen in den Erinnerungen der beiden Frauen immer nur berichtet wird, die Kommunarden von heute? „Wir vier für immer und gegen alle!“ lautet ihr Motto, und es duftet nach einem Revolutiönchen, das im Schlafzimmer beginnt.

Dass schon dieser Versuch einer Kleingemeinschaft auf vier Säulen versandet, die letztlich nur der „Angst vor dem Alleinsein“ entsprungen war und keinem positiven Lebensüberschwang, verdüstert die Atmosphäre dieser Dresdner Bühnenfassung zunehmend. Schwarz dominiert, die Lichtwechsel, die meist auch Szenenwechsel begleiten, verharren in gedämpftem Ton. Einen Beitrag zum analytischen Diskurs liefert das Stück nicht, es beschreibt gefühlsstark nur Phänomene. Die lassen sich unter dem Sammelbegriff Fluchtreaktionen fassen. „Was tut mir gut?“ ist die narzisstische Variante, die Flucht in die Orgie die hedonistische, der Traum von New York die illusorische. Die Figuren haben kein Zentrum, spürt man. Hätte man mit der Figur der Panik über den Text hinausgehen sollen? Denn sie verkörpert doch den Horror Vacui, die Angst vor der Leere und der Bodenlosigkeit. Wäre das Leben auch verfehlt, „Hauptsache, eine gute Performance“!

„Es ist, als ob alles grau wäre“, lamentiert Maja gegen Ende. Ist das die Grundstimmung unter der Generation Wohlstand und Zukunft und womöglich Folge der mit der „Verheißung der Mühelosigkeit“ des Kapitalismustheoretikers Thorstein Veblen kollidierenden Leistungsgesellschaft? Die in Wirklichkeit eine Panikgesellschaft ist? Weiterdenken lohnt sich über diesen teils flotten, teils quälenden Theaterabend hinaus, für den ein reines Frauenteam verantwortlich zeichnet.

nächste Aufführungen: 15., 16., 21. & 29.4.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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