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Wildes Chansonschwelgen mit Zaz in Dresdens Junger Garde

Wildes Chansonschwelgen mit Zaz in Dresdens Junger Garde

Die Wahl war sicher keine Qual, obwohl Dresden am perfekten Sommerkonzertsonnabend gleich zweimal Frischluftfrauenmusik anbot: Die jungen, schlauen Frankophilen zog es samt und sonders in die Junge Garde, wo eine Musiksensation lauerte.

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Begeistert das Publikum und gilt als die derzeitige Stimm-Perle des Nouvelle Chanson: Zaz.

Quelle: DOMINIK BRUEGGEMANN

Denn anders ist der Aufstieg von Zaz, der erst vor vier Jahren mit dem Sieg beim Talentwettbewerb "Réservoir Generation" begann, nicht zu bezeichnen. Der Publikumsjoker hatte zwei andere im Gepäck: den Produzenten Kerredine Soltani und den Hitschreiber Raphaël Haroche. Ersterer stiftete, neben dem Karrieresprung, ihren Erfolgssong "Je veux", letzterer drei weitere erfolgreiche Singleauskopplungen aus der ersten Scheibe namens "Zaz", die in Frankreich sofort die so genannten Verkaufscharts eroberte und Platz eins ein halbes Jahr lang nicht mehr verließ.

Auch hierzulande kaufte, rein statistisch gesehen, jeder Dresdner eine Platte, was für zweimal Platin und Rang drei in der deutschen LP-Tabelle für 2010 reichte. So konnte nun weder Plakat noch Künstlername oder ein guter Preis fürs erste Gastspiel das Publikum abschrecken - sie wussten, es wartet ein furioser Abend, der lange noch in Kaffee-, Tee- oder Weingesprächen (und nicht nur dort) nachhal- len wird. So hatten es sich zusätz- lich vor der vollen Jungen Garde rund 1000 Picknicker gemütlich gemacht, um dem Konzert als Hörspiel beizuwohnen.

Ähnlich forsch wie ihr Debütalbum mit elf Titeln in knapp vierzig Minuten startet Zaz mit ihrer zweiten Studioscheibe "Recto verso" in Dresden, der ersten ostdeutschen Station ihrer seit dem Start am 11. März in London andauernden Tournee, die sie in den nächsten zehn Tagen über Dranouter nach Hamburg, Budapest und Pula und im November auch nach Krasnojarsk und Nowosibirsk führt. Nach einer halben Stunde hat sie sieben Titel absolviert und präsentiert nun im fliegenden Übergang mittels ihrem Superhit "Je veux" ihre Lebensweisheit: Sie will anderes als Reichtum.

Der Vergleich mit dem ähnlich gut verkauften und bejubelten Silly-Konzert vor sechs Wochen an gleicher Stelle zeigt neben dem Unterschied der Frontfrauen auch den zwischen nationalen Popspielarten: Zaz, durch harte Cabaret-Cover-Schule in allen Stilarten moderner Livemusik zu Hause, hat dank der Hauptberufswahl Chansonette einfach riesige Freiheit an Interpretationen - und mit ihrer ungebügelten Stimme und dem energiegeladenem Wesen rasch stechende Trumpfkarten, auch wenn sie ihren scharfen Start einer Art Castingshow verdankt. Das neue Fräuleinwunder, oft zu unrecht mit der traurigen Édith Piaf verglichen, weil sie einige Titel aus deren Repertoire perfekt beherrscht, liebt und lebt ganzheitlich Musik. Sie lässt sich kleine Unplugged-Interventionen - so wie vor der aktuellen Tour in London - nicht nehmen oder klettert eigens dafür auch mal mit Gitarristen und Bassisten auf den Mont Blanc.

Nun hüpft und springt sie stattdessen über Europas Freiluftbühnenbretter, so dass es Choreografen graust, aber eine Freude ist zuzuschauen. Selbst wenn ihr überraschter Gitarrist beim spontanen Huckepackansprung fast umkippt. Bei dieser Natürlichkeit nimmt man ihr international funktionierende Füllsilben, die sich überall gut mitsingen lassen, nicht weiter übel, zumal sie sich im ruhigeren Jazz-Club-Teil in der Mitte des Programms auch zu Bobby McFerrin als einem ihrer Vorbilder musikalisch bekennt.

Überhaupt scheint sie in ihrem Umfeld sehr gut beraten, denn das Programm war dramaturgisch geschickt aufgebaut und steigerte sich, bei zunehmender Dunkelheit mit gelungener Lichtshow untermalt, gen Ende stark: Zaz, ehemals bekannt als Isabelle Geffroy, Tourserin des Jahrgangs 1980, braucht nach ihren beiden Studioalben, die im Dreijahresrhythmus jeweils am 10. Mai erschienen und fast komplett gespielt wurden, keinen Publikumsschmus, großartige Mitklatsch- und -singorgien oder andere Zeitschindereien.

Dafür hat sie ein hervorragendes Sextett an Musikern auf der Bühne, die sowohl das Spektrum der großen Bühne als auch jenes der reinen Form, wie sie ehrliche Pariser Straßenmusiker auszureizen vermögen, beherrschen. Dem Verzicht auf Bläser stehen Akkordeon, Bass oder auch Waschbrett entgegen. Dazu kommt ein Klang, der nahezu dem Studiosound der CDs entspricht und der, ergänzt mit Stimmhall, bei zwei ausufernden Hymnen, zeigt, dass auch ausschweifender Rock eine Alternative für die Zukunft wäre. Doch noch hat Zaz das nicht nötig, sondern pflegt die volle Vielfalt und erzeugt eine ergreifende Symbiose zwischen Band und sichtbar glücklichem Publikum, das sich selig in einfachen Formen des Ausdruckstanzes übt und in mediterranen Träumen schwelgt.

Falls für Verpasser Vergleiche not täten, so wäre die Leichtigkeit des Abends wohl mit Keimzeit-Tanzabenden vor 20 Jahren zu vergleichen - nur zieht die junge Französin schon nach drei Jahren und drei Scheiben locker fünf Mal mehr Leute und widmet sich dabei auch der neuen Wut der abstiegsbedrohten Mittelschicht.

Zum perfekten Konzertabend trug auch der unaufgeregt-solide Auftritt von Felix Meyer, ein bayrischer Berliner aus Hamburg, als Vorband sowie der Umstand bei, dass wohl alle gemeinen deutschen Stechmücken am Elbufer weilten. So dauerte auch das Picknick der Tausend im Grünen vor der wieder erweckten Jungen Garde noch ein französisches Sommernachtsweilchen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.08.2013

Andreas Herrmann

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