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Werke von Valentin de Boulogne gehören zu bemerkenswertesten Schöpfungen der Caravaggio-Nachfolge

Werke von Valentin de Boulogne gehören zu bemerkenswertesten Schöpfungen der Caravaggio-Nachfolge

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt.

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt. Heute: Valentin de Boulogne. Die Falschspieler, um 1615/18.

Meisterwerke bleiben auch dann überragend und bedeutend, wenn sie einstmals einem noch berühmteren Künstler zugeordnet wurden und mit der Neuzuschreibung vermeintlich an Prestige eingebüßt haben mögen. So waren "Die Falschspieler" ursprünglich als eine Schöpfung von Caravaggio in die Galerie gelangt, also von einem der berühmtesten Maler der italienischen Kunst um 1600 und von einem der eigenwilligsten Künstler überhaupt. Doch im Zuge stilkritischer Untersuchungen wurde dieses Werk, das ehedem sogar als ein Hauptwerk Caravaggios gelobt wurde, 1906 dem weniger bekannten, doch nicht weniger phantasiereichen Valentin de Boulogne zugeschrieben.

Der auch als Le Valentin bezeichnete Maler Valentin de Boulogne wurde möglicherweise 1591, wahrscheinlich aber erst 1594 in Colomiers-en-Brie geboren, kam 1612/13 nach Rom - also schon in durchaus jungen Jahren - und erfuhr dort seine maßgebliche künstlerische Prägung durch Caravaggio, der zwar nur wenige Jahre zuvor im Zenit seines Ruhmes stehend verstorben war, dessen Werke aber einer ganzen Generation jüngerer Maler aus Italien wie aus dem Norden als vorbildhaft galten. Realistische Plastizität und prägnante schlaglichtartige Lichtführung gehörten zu Caravaggios vordringlichen Stilmitteln, drastische Erzählung und kontrastierende Charaktere machten seine Kompositionen faszinierend.

Über die Biographie des Valentin de Boulogne ist wenig bekannt. Seine Werke gehören gleichwohl zu den bemerkenswertesten Schöpfungen aus der Caravaggio-Nachfolge. Sie sind an prominenten Stellen zu finden, so beispielsweise in Rom im Palazzo Barberini ein "Abendmahl" und eine "Verteibung der Wechsler aus dem Tempel", zwei Werke in erzählerischem Breitformat mit Szenen aus dem Neuen Testament.

Das Dresdner Gemälde beruht hingegen ganz auf der profanen Bildwelt; es gibt keine Bibelstelle, auf die es sich bezieht. Allerdings lässt es sich von einem Gemälde herleiten, das Caravaggio in den 1590er Jahren gemalt hatte und das sich ehemals in Rom in der Galleria Sciarra befand und mit 99 x 137 cm annähernd gleich groß wie die Dresdner Leinwand war. Mit diesem Bild, das reiche Nachfolge fand, etablierte Caravaggio ein abstraktes Thema in der Motivwelt seines Kreises, das - jenseits aller konfessionellen Bindungen - grundlegend und gesellschaftlich relevant ist, nämlich das der Wahrhaftigkeit und der Wahrheit.

Das Gemälde von Valentin de Boulogne liest man unfreiwillig schrittweise, es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, was das Dechiffrieren zur geradezu belletristischen "Lektüre" und das Bild zur "Kurzgeschichte" macht. Zunächst nimmt man die beiden Kartenspieler wahr, von denen der linke gleichsam ungeduldig abzuwartend scheint, da er wissen will, welche Karte sein rechts sitzender grübelnder, gegnerischer Spielpartner ausspielen wird. Damit ist ein relativ normaler Moment eines ganz regulären Spielverlaufs eingefangen, der Moment von spielerischer Geduld gegen ernsthafte Nachdenklichkeit, hinter dem freilich die beiderseitige Absicht des Gewinnens eines Spielverlaufes steht, und das gegenseitige Beobachten. Hat der Betrachter die erfasst, so entdeckt sich ihm rechts - buchstäblich hinter dem Rücken - des sichtlich bedrängten Spielers mit roter Jacke das gestische Spiel zweier Hände, die leicht beleuchtet sind. Nun sieht man, dass dieser rechts außen platzierte Hintermann des Linken dem Arglosen in die Karten schaut und dem Falschspieler, der bis in die Mimik hinein seine Falschheit erkennen lässt, mit den Fingern ein Zeichen macht, wie weiter zu spielen sei. Dieses Spiel mit verteilten Rollen, das einen lauteren Dritten hereinlegt, ist vor vierhundert Jahren nicht anders gespielt worden als heute: So schlicht funktioniert, wie man auch im Alltag längst erfahren hat, Betrug; mit solcher Rollenteilung wird man - wieder ist die Alltagssprache signifikant - hinters Licht geführt-

Doch damit ist das verrätselte Bild noch keineswegs komplett dechiffriert, denn die Meisterschaft der kunstreichen Regie wartet nun mit einem nächsten Detail auf: Der linke Spieler hat in der abgewinkelten rechten Hand hinter seinem Rücken noch eine geknickte, also gefälschte Karte parat. Die auf dem Tisch liegenden Karten begegnen in diesem Arrangement - derartige Bildelemente gleichen bei Caravaggio und seinen Nachfolgern oft einem in sich geschlossenen Stillleben - dem Geldhäufchen rechts: Der offenbar arglosere Spieler scheint bis zur gegenwärtigen Szene des Betruges der erfolgreichere und mithin der klügere gewesen zu sein. Nun soll sich wiederum buchstäblich das Blatt - bekanntlich ein Synonym für das Kartenspiel - wenden: Die beiden in böser Absicht vereinten Spieler werden die Einnahmen ihm wieder abringen, wenngleich mit unlauteren Mitteln.

Erstaunlicherweise erweist sich das Gemälde bei weiterer Beobachtung aller Details und Narrationselemente als interpretatorisch noch immer nicht erschöpfend ausgelotet: Rechts wird ein Degenknauf sichtbar. Man könnte das schlicht als Verweis darauf verstehen, dass das Kartenspiel eines der probatesten Mittel beim Militär ist, die Langeweile der Standzeiten und Wachstubenstunden zu vertreiben. Aber im Rahmen der hier gezeigten Handlung offeriert dieses Element auch die Möglichkeit, die bisher harmlose Geschichte des Spielbetruges ins Gefährliche fortzuschreiben: Was, wenn der Betrug auffliegt und es zum Hauen und Stechen kommt? Man hätte dann eine sublime Parallele zu den Bauernraufereien, die Adriaen Brower und seine Zeitgenossen malten, man hätte den offenen Verweis auf die Omnipräsenz der Gewaltbereitschaft und darauf, dass mancher Betrug nicht mit den Mitteln der Vernunft auflösbar ist.

Das Bild erschließt sich also prozessual. Es steht damit der Dramenkultur nahe, die in den Jahrzehnten des Caravaggismus florierte und ihren größten Vertreter in Shakespeare hatte. Ohnehin gab es zu jener Zeit allgemein ein großes Interesse an der genaueren Beobachtung von Charakter und Gesichtsausdruck. In Shakespeares Bühnendichtungen wie in Valentin de Boulognes Komposition überlagern sich zwei Aspekte, denn sie belehren moralisch, aber sie wollen auch unterhalten. Dabei spielt der erheiternde Spott auf Kosten eines Dritten sicher eine große Rolle, und nicht nur die ernsthafte Frage nach der Ehrlichkeit, nach der Moral. So wird dem Betrachter da wie dort ein intellektuelles Vergnügen bereitet, indem er sich das Schauspiel auf der Bühne oder im Bild sukzessive erschließt.

Der Künstler hatte offenkundig mit diesem Sujet Erfolg, und er wiederholte das Motiv (Washington, National Gallery). Dass man ihm solche Bilder gerne abkaufte, liegt auf der Hand: Die klare Gesamtanlage, die kräftige Modellierung, das pointierte Licht, die perfekte Materialität der Stoffe, die gewitzte Hintergründigkeit des Ganzen machten das Gemälde zu einem begehrenswerten Kunstwerk, lassen sich doch - bis heute - tagesaktuelle Gespräche über Ehrlichkeit, Treu und Glauben daran knüpfen.

Valentin de Boulogne befasste sich auch in anderen Gemälden, die biblische Themen aufgreifen, mit der zentralen Frage von Recht, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Im Louvre in Paris befinden sich "Das Urteil des Salomo", bei dem es um ein gerechtes Urteil über die wahre Mutter eines Kindes geht, das im Streitfall zwischen zwei den Frauen geteilt werden sollte, die beide ihre Mutterrolle behaupten.

Ebenfalls im Louvre findet man "Der Unschuldsbeweis der Susanna", wobei schon der Titel den Gehalt des Werkes ankündigt, das sich mit Recht, Ordnung und Wahrhaftigkeit befasst. Und mit dem Gemälde einer "Wahrsagerin" wird der Fragenkreis der Ehrlichkeit von wieder anderer Seite angegangen, nämlich von der der käuflichen Wahrheit und ihrer trügerischen Natur. Bei diesen Bildern spielt in ähnlicher Weise wie bei dem Dresdner Werk die Rhetorik der Hände oftmals eine große Rolle: Nicht nur das Antlitz wurde als Bedeutungsträger verstanden, sondern auch dieses sublime Zeichensystem der Handhaltungen und -bewegungen erlangte eine besondere Relevanz für das "Lesen" der Bilder. Auch das macht sie zu Meisterwerken.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.06.2012

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