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Vor 25 Jahren starb Herbert Kegel, Chefdirigent der Dresdner Philharmonie 1977 bis 1985

Vor 25 Jahren starb Herbert Kegel, Chefdirigent der Dresdner Philharmonie 1977 bis 1985

"Zu welch einem bemerkenswerten Präzisionsapparat Herbert Kegel dieses Orchester ausgebaut hat, wurde bereits am ersten der beiden Abende deutlich, für die die Dresdner Philharmonie in der (West-)Berliner Philharmonie zu Gast war", hieß es am 20. Oktober 1978.

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Herbert Kegel

Quelle: Philharmonie

Dresden. "Zu welch einem bemerkenswerten Präzisionsapparat Herbert Kegel dieses Orchester ausgebaut hat, wurde bereits am ersten der beiden Abende deutlich, für die die Dresdner Philharmonie in der (West-)Berliner Philharmonie zu Gast war", hieß es am 20. Oktober 1978 in der "Berliner Morgenpost" und weiter: "Was Kegel an sinngebender Agogik, Geschmeidigkeit und raffinierter Artikulation dem Orchester abforderte, war Feinschliff erster Güte."

Kein Wunder, dass sich bei solchen Voraussetzungen die Zusammenarbeit des Klangkörpers mit dem Medium Schallplatte in den nächsten Jahren über das bisherige Ausmaß erheblich verstärkte. Unter Herbert Kegels Leitung, der nach beinahe 30-jähriger Tätigkeit beim Rundfunk in Leipzig zu Beginn der Spielzeit 1977/78, auf Günther Herbig folgend, die Position des Chefdirigenten der Philharmoniker übernommen hatte, wurden Werke von Beethoven, Brahms, Berlioz, Mahler, Schönberg, Berg, Hindemith, Strawinsky, Blacher, Britten, Penderecki und vielen anderen eingespielt. Die Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien bei Capriccio (Delta Music) war gar die erste vollständige Digitalaufnahme dieses Zyklus und zugleich die erste Veröffentlichung auf dem Weltmarkt, die 1983 gleichzeitig auf den drei Tonträgern Langspielplatte (DMM), CD und Kassette vorlag.

Durch Kegels ausgeprägte Neigung zu Meisterwerken des 20. Jahrhunderts erhielt die Repertoiregestaltung des Orchesters manch neuen Akzent. Aber auch zu Beethoven, Brahms, Bruckner und nicht zuletzt Mahler bestand eine besondere Affinität. Nicht vergessen seien vor allem die Zeitgenossen, die er förderte. Darunter viele DDR-Komponisten, denen er zu Ur- und Erstaufführungen ihrer Werke verhalf, wie Paul Dessau, Hanns Eisler, Ernst H. Meyer, Rudolf Wagner-Régeny, Fritz Geißler, Paul-Heinz Dittrich, Georg Katzer, Manfred Weiß, Rainer Kunad u.a.

Das Engagement Kegels nach Dresden hatte Altmeister Bongartz, von 1947 bis 1964 Chef der Philharmoniker, tatkräftig unterstützt, sah er doch in ihm den strengen Orchestererzieher und in seiner sparsamen, unprätentiösen Dirigierweise Berührungspunkte mit der alten deutschen Dirigentenschule, die Bongartz selbst vertrat. Auch die langjährigen Erfahrungen Kegels in der Rundfunk- und Schallplattenarbeit spielten eine Rolle. Was erst Jahre später der Autor eines Nachrufs thematisierte: Er war "in erster Linie ein fantastischer, übergenauer Musiker, ein präziser Arbeiter, dessen Handwerkszeug ein zuverlässiges inneres rhythmisches Computersystem und ein scharfes Gehör waren". Außerdem stammte Kegel aus Dresden, hatte hier studiert und wollte hier auch gern sein Lebenswerk beschließen.

Der am 29. Juli 1920 Geborene besuchte 1935 bis 1940 das Konservatorium, wurde von Ernst Hintze und Karl Böhm dirigentisch unterwiesen bzw. angeregt, studierte Komposition bei dem Staatskapellmitglied und Draeseke-Schüler Joseph Lederer sowie bei Boris Blacher, ferner Klavier und Violoncello. Als Anfänger dirigierte er nach dem Krieg 1945/46 in Pirna, wurde 1946 bis 1949 Kapellmeister und Chordirektor am Volkstheater Rostock, 1949 bis 1978 Leiter des Rundfunkchores Leipzig, den er zu einem der leistungsfähigsten Berufschöre in Europa entwickelte und mit dem er - zusammen mit dem Leipziger Rundfunksinfonieorchester - exemplarische Interpretationen von Großwerken der internationalen Chorsinfonik, des zeitgenössischen Musikschaffens und der Oper realisierte. Von 1949 bis 1953 war er auch Leiter des Großen Rundfunkorchesters Leipzig, danach bis 1960 Dirigent und 1960 bis 1978 Chefdirigent des Rundfunksinfonieorchesters Leipzig, des heutigen MDR-Sinfonieorchesters. 1958 wurde er zum GMD ernannt. Gastverträge verbanden ihn zudem mit den Staatsopern Berlin und Dresden sowie der Oper Leipzig.

Der mehrfach Ausgezeichnete erhielt 1967 in Chile für die Interpretation sämtlicher Sinfonien Beethovens den Kunstpreis des Landes. Gastspiele führten ihn in viele Ländern, besonders häufig und erfolgreich nach Japan.

Dass die Philharmonie neben den anderen Institutionen des Dresdner Musiklebens zugleich zu einer wesentlichen Säule der seit 1978 erstmalig veranstalteten internationalen Musikfestspiele werden konnte, verdankte sie nicht zuletzt Herbert Kegel. Mit der imposanten Wiedergabe der "Sinfonie der Tausend", Mahlers "Achter", schuf er im Kulturpalast mit einem monumentalen Chor- und Orchesteraufgebot, mit prominenten Solisten, darunter die italienische Sopranistin Celestina Casapietra, seine damalige Ehefrau, und der Tenor René Kollo, einen denkwürdigen Höhepunkt der Musikfestspiele 1981. Das Werk war 50 Jahre nicht in Dresden erklungen.

Als der geborene Chorsinfoniker hatte er sich schon vorher in Dresden ausgewiesen bei Beethovens 9. Sinfonie etwa, die er u.a. zu den 1. Dresdner Musikfestspielen 1978 in der für ihn bezeichnenden Kopplung mit Schönbergs "Ein Überlebender in Warschau" darbot, bei der konzertanten Erstaufführung der Ravel-Oper "L'enfant et les sortilèges" 1980 und vor allem bei der sensationell erfolgreichen konzertanten Wiedergabe von Wagners "Parsifal", die den Höhepunkt der Musikfestspiele 1979 bildete. Mit Gershwins "Porgy and Bess", erstmalig in Dresden vorgestellt, setzte Kegel 1984 die von ihm geschaffene Tradition konzertanter Opernaufführungen fort. Als im Jahr darauf sein Rentenalter nahte, wählte er fast überraschenderweise als sein Abschiedswerk Händels Oratorium "Judas Maccabaeus".

Doch bereits 1986, nunmehr als Gastdirigent der Philharmonie, wartete er mit einer weiteren interpretatorischen Großtat, der DDR-Erstaufführung von Schönbergs "Gurreliedern" auf, die man durchaus zutreffend als ein "Oratorium der Tausend" bezeichnet hat. Der Eindruck der von Radio DDR und dem Dänischen Rundfunk Kopenhagen original übertragenen Aufführung, die zudem für 25 ausländische Rundfunkanstalten sowie auf CD aufgezeichnet und im Berliner Konzerthaus wiederholt wurde, war von bezwingender Klanggewalt und machte einmal mehr deutlich, dass Herbert Kegel durch die Zusammenarbeit des Dresdner Philharmonischen Chores mit hervorragenden Berufschören wie den Rundfunkchören Leipzig und Berlin und dem Dresdner Staatsopernchor in der chorsinfonischen Arbeit neue Qualitätsmaßstäbe setzte.

Tragisches Lebensende durch Freitod

Dazu gehörte nicht zuletzt die von ihm zuvor geleitete Gemeinschaftsproduktion des DDR-Fernsehens mit BBC Welsh von Brittens "War Requiem" in der Dresdner Kathedrale im Mai 1980. Zu den Musikfestspielen 1989 steuerte Kegel noch einen letzten Beitrag bei: Wagner-Régenys "Prometheus"-Oper.

Tragisch war das Lebensende des verdienstvollen Künstlers, der am 20. November 1990 durch Freitod aus dem Leben schied. Zwei Tage zuvor hatte er noch einen Vertrag für zwei Konzerte mit der Moskauer und der Leningrader Sinfonie unterzeichnet. Doch solche Konzertangebote wie auch Plattenaufträge wurden immer seltener und blieben schließlich fast gänzlich aus. Das war nicht zuletzt seinem exzentrischen, oft barschen, ja verletzenden Umgang mit Orchestern und Chören geschuldet, der ihm nicht nur Freunde bescherte. Es war sehr einsam um ihn geworden. Die Sehnsucht nach dem Tode beherrschte Herbert Kegel übrigens mehrfach in seinem Leben. Diesmal freilich vermochte er den ihn heimsuchenden depressiven Zuständen nichts mehr entgegen zu setzen. Seine letzte Ruhe fand er auf dem St. Stephanus-Friedhof in Dresden-Zschachwitz, ganz in der Nähe des elterlichen Hauses.

Dieter Härtwig

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