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Vor 125 Jahren wurde Walter Benjamin geboren

Unbehauster Universalist: Vor 125 Jahren wurde Walter Benjamin geboren

Diese nicht-aufhörenden Nachrichten über Selbstmorde – Wieso lebt man eigentlich noch?? Nachgerade wird es unanständig.“ So lautet eine Tagebuchnotiz Klaus Manns vom 13. Oktober 1940. Der Eintrag bezog sich auf Walter Benjamin, der sich wenige Tage zuvor umbrachte...

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Walter Benjamin im Jahr 1928.

Quelle: Photo d'identité sans auteur, 1928 - Akademie der Künste, Berlin

Charlottenburg/Portbou. „Diese nicht-aufhörenden Nachrichten über Selbstmorde – Wieso lebt man eigentlich noch?? Nachgerade wird es unanständig.“ So lautet eine Tagebuchnotiz Klaus Manns vom 13. Oktober 1940. Der Eintrag bezog sich auf Walter Benjamin, der sich wenige Tage zuvor umbrachte. Der vielfältig talentierte Denker und Schriftsteller ertrug den psychischen Druck nicht mehr, der sich über Jahre in ihm aufbaute. Morgen vor 125 Jahren wurde er geboren.

Seit seiner Vertreibung durch die Nazis im September 1933 führte er in Paris ein provisorisches, stets von Geldsorgen bedrohtes Dasein: „Das Schlimmste ist, dass ich müde werde. Und dies ist weniger eine unmittelbare Einwirkung meiner ungesicherten Existenz als der Isolierung, in die deren Zufälle mich versetzen.“ 1939 internierten ihn die Franzosen im Lager Vernuche bei Nevers. Dort begann er laut Hans Sahl den Blick für die Fakten zu verlieren: „Indem er sich mit seiner Intelligenz, seinem politischen und historischen Verstand an der Realität zu orientieren versuchte, entfernte er sich immer mehr von ihr.“

Der Haft entronnen, floh er nach Lourdes und dann weiter nach Marseille. Er plante, sich über Portugal mit einem Visum in die USA abzusetzen und überquerte heimlich die Pyrenäen. Mit seinen 48 Jahren sah er bereits aus wie ein alter Mann. Er schleppte sich sehr mühsam vorwärts, ihm fiel das Laufen schwer und er litt an Herzbeschwerden, die sich in Attacken von Atemnot äußerten. Dennoch trug er die ganze Zeit über eine Aktentasche mit sich, in der ein Manuskript steckte. Bis heute spekulieren Fachleute darüber, um welches Werk es sich gehandelt haben könnte. Das Papierbündel ist verschollen.

Nach großen körperlichen Strapazen im spanischen Portbou gelandet, tötete Benjamin sich in einem Anfall von tiefer Verzweiflung mit einer Überdosis Morphium. Sein Abschiedsbrief ist nur mündlich überliefert. Darin soll es geheißen haben: „In dieser ausweglosen Situation sehe ich keine andere Möglichkeit, als sie zu beenden.“ Wie Ernst Toller, Walther Hasenclever, Stefan Zweig und Ernst Weiß wurde er zu einem Opfer des Exils.

Benjamin wurde am 15. Juli 1892 als Sohn eines jüdischen Kunst- und Antiquitätenhändlers geboren. Er wuchs in Berlin-Grundwald in begüterten Verhältnissen auf: „In dies Quartier Besitzender blieb ich geschlossen, ohne um ein anderes zu wissen. Die Armen – für die reichen Kinder meines Alters gab es sie nur als Bettler.“ Nach dem Abitur am Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Charlottenburg studierte er in Freiburg im Breisgau Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Seinen Doktortitel errang er im schweizerischen Bern mit der Bestnote „summa cum laude“. Den Versuch, durch eine Habilitationsschrift über deutsche Barockliteratur eine akademische Karriere einzuschlagen, beendete er 1925 aus eigenem Antrieb, denn Gutachter signalisierten im Vorfeld, dass sie die unkonventionelle Arbeit torpedieren wollten. Hans Mayer sprach diesbezüglich von einer „Etappe tiefer Erniedrigung“.

Auftrieb erfuhr der unbehauste Universalist, der neben Erzählungen auch Übersetzungen und Kritiken hinterließ, durch sein Engagement im 1923 gegründeten „Institut für Sozialforschung“. Mit Theodor W. Adorno, der dort zu den Wortführern gehörte, verband ihn ein heißer Draht. Auch zu Ernst Bloch knüpfte er enge Kontakte, doch der Verfechter des „Prinzips Hoffnung“ musste akzeptieren, dass der Kollege ihm keineswegs wohlgesonnen war.

Auf menschlicher Ebene harmonisierte er am besten mit dem Theologen Gershom Scholem, der als Wiederentdecker der esoterischen „Kabbala“ gilt. Jürgen Habermas behauptet, dass er seine tief verwurzelte Religiosität unterdrückte: „Meine These ist, dass Benjamin seine Intention, Aufklärung und Mystik zu vereinigen, nicht eingelöst hat, weil der Theologe in ihm sich nicht dazu verstehen konnte, die menschliche Theorie der Erfahrung für den Historischen Materialismus dienstbar zu machen.“

Die von Richard von Weizsäcker (1920–2015) formulierten Worte von der „bleibenden Verpflichtung“ Benjamin und seinem Andenken gegenüber wären Schall und Rauch, wenn man sie nicht inhaltlich ausfüllt. Das tun Gegenwartsschriftsteller mit verblüffender Kontinuität. Zu den Bewunderern Benjamins zählt neben Elke Erb, Günter Kunert, Friedrich Dieckmann, Uwe Kolbe und Manfred Hegewald auch Volker Braun. Der Büchner-Preisträger porträtierte Walter Benjamin in einem Gedicht. Darin heißt es treffend, dass seine „Geduld“ ihn „unüberwindlich“ mache.

Lektüre-Tipp: Walter Benjamin: Denkbilder. Suhrkamp Taschenbuch; 138 Seiten, 8,50 Euro

Von Ulf Heise

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