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Uwe Kolbe über seinen neuen Gedichtband „Psalmen“

Dresdens Stadtschreiber Uwe Kolbe über seinen neuen Gedichtband „Psalmen“

Der Dichter Uwe Kolbe hat seinem neuen Gedichtband den Titel „Psalmen“ gegeben. Dass ein Lyriker derart deutlich eine Instanz anspricht, die er, dem Alten Testament der Bibel folgend, „Gott“ oder „Herr“ nennt, ist ungewöhnlich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Tomas Gärtner hat mit ihm darüber gesprochen.

Uwe Kolbe

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Der Dichter Uwe Kolbe, geboren 1957 in Berlin-Ost, derzeit Dresdner Stadtschreiber, hat seinem neuen Gedichtband den Titel „Psalmen“ gegeben. Dass ein Lyriker derart deutlich eine Instanz anspricht, die er, dem Alten Testament der Bibel folgend, „Gott“ oder „Herr“ nennt, ist ungewöhnlich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Tomas Gärtner hat mit ihm darüber gesprochen.

Frage: „Lieder nach alter Art, Gebete“ nennen Sie die Gedichte Ihres neuen Bandes „Psalmen“. Ist Uwe Kolbe jetzt fromm geworden?

Uwe Kolbe: Das wäre zu kurz gefasst. Man merkt natürlich schnell, dass meine Psalmen nicht so sind wie die beispielsweise von Brecht oder von Volker Braun. Meine Psalmen sind schon näher dran an der Ansprache an Gott, wie sie in den Original-Psalmen selbstverständlich ist. In diesem Sinne sind es keine wirklich weltlichen Psalmen. Ich antworte auf ein Gegenüber, eine Gottheit, auch auf ein Weltganzes und auf etwas, das mit meiner lebenslangen Begegnung mit der Liebe zu tun hat. Es gibt Momente der Liebe und Anbetung, die Gott ebenso betreffen können wie ein menschliches Gegenüber. Ich bekenne mich zu keiner Konfession. Ich gehe nicht ausdrücklich zu Gottesdiensten, aber ich meide sie auch nicht.

In den Psalmen des Alten Testaments spricht ein Mensch zu Gott, bittet, klagt, frohlockt, preist, flucht. Man findet alles – bis zum Hass. Auch in Ihren Psalmen.

Der musikalisch berühmteste Psalm ist ja der 137. „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten...“, jeder kennt die englische Popversion „By the rivers of Babylon“. Weggelassen wird aber meist, dass am Ende aus Rache für die Gefangenschaft die Erstgeburten der Babylonier gegen die Felsen geschlagen werden sollen. So weit gehen die Psalmen. Sie reichen von der absoluten Kleinheit und Zerstörung des Menschen bis hin zur Rachephantasie des ganzen Volkes. Sie umfassen das Spektrum dessen, mit dem wir als Menschen auch heute zu tun haben, von der individuellen Liebe bis zum Aufstand. Das ist doch großartig.

In der Bibel sind es die Gesänge eines Gottgläubigen. In Ihren Psalmen auch?

Sie lassen das zu. Bei mir kommt die Anrede „Herr“ vor wie in der Bibel. Es ist Gott, derjenige, den man nicht anzweifelt, von dem man sagt: Du hältst die Welt in der Hand. Der ist verlässlich, was immer für ein Bild ich von diesem Gegenüber auf der anderen Seite habe.

Und welches Bild haben Sie von ihm?

Definieren kann ich es nicht. Im Naturerlebnis mache ich die Erfahrung, nicht des Christengottes, sondern von etwas Größerem, einer Transzendenz. Da sehe ich, dass ich ganz klein in einer sehr großen Welt stehe. Diese Ahnung von etwas Größerem ist kulturstiftend. Unser Sprechen, das mit Poesie zu tun hat, kommt da her. Dass wir nicht verstehen, was da ist. Wir sprechen, um den Versuch zu machen, es zu verstehen. In meinen Gedichten gibt es schon lange diesen Sparring-Partner Gott, ironisch zunächst, den ich so etwas angefrotzelt habe, aus meiner lustvoll-heidnischen Position heraus. Aber nun ist es schon ein Bekenntnis zu diesem Gott des Alten Testaments, diesem zornigen Gott, diesem, der das Jakobsopfer gefordert hat, ein brutaler also auch, ein nicht verständlicher. Eher als der diskursive Gott der evangelischen Kirche.

Den gibt es ja auch, den anderen Gott des Neuen Testaments, den liebenden, Mensch gewordenen Christus.

Ich theoretisiere da nicht. Was mir sehr nahe ist, ist die Gottesvorstellung Hölderlins. Die ist synkretistisch. Hölderlin verbindet heidnisches griechisches Altertum mit seiner evangelischen Theologie. Dionysos und Jesus sind für ihn beide Halbgötter, weil sie beide Todeserfahrungen haben. Beide sollten Nachfolger ihres Vaters werden. Ich habe einen Luther-Psalm mit wenigen Strichen umgesetzt in die antike, also heidnische Form der Elegie. Bei allem Ernst, wer Gedichte schreibt, ist auch immer spielerisch unterwegs.

Wann sind die „Psalmen“ in diesem Band entstanden?

In „Gegenreden“ (2015) sind schon zwei Psalmen drin. Der Auslöser war 2013 ein Auftragswerk der Kulturstiftung St. Matthäus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, eine Collage zum 130. Psalm. Es ist die große Grundsituation, dieses „De profundis“, dieses absolute Unten-Sein, bei Luther heißt es „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Wer hat nicht mit knapp 60 wie ich diese Erfahrung des Ganz-Unten gemacht? Wenn man das erlebt hat, muss man akzeptieren, dass da etwas ist, das anders, das größer ist, das ich nicht ganz verstehe, das mich letztlich aber aus dem Loch wieder rausholen kann. Das ist etwas Menschliches. Nach diesem Auftragswerk habe ich dann auch ganz andere Texte geschrieben. Aber die Rückkehr zum Psalm hat mich seither begleitet. Ich hatte die Bibel am Bett. Ich habe unterschieden zwischen weltlichem und nicht ganz so weltlichem Gedicht.

Groß geworden sind Sie, wie Sie einmal gesagt haben, in einer gottlosen Welt. Wann und wie haben Sie Bekanntschaft mit der Bibel gemacht?

Als ich zwölf war, habe ich gemeinsam mit einem Schulfreund beschlossen, die Bibel zu lesen. Wir haben es nicht konsequent gemacht – sie war zu dick. Ich bin auf völlig eigenen Wegen zur Bibel gekommen, die sehr stark mit der bildenden Kunst tun hatten, mit Bildern von Rubens zum Beispiel, Caravaggio oder Matthias Grünewald. Da habe ich dann die Geschichten in der Bibel nachgelesen.

Bereits in dem Band „Gegenreden“, in dem Gedicht „Pflicht“, werden im Abendland Tempel renoviert, „in die zu beten keiner eintritt“. Bedauern Sie das?

Es ist die Situation eines Steinmetzen, der traurig ist, dass die Kirchen leer bleiben. Die Abläufe besonders in den norddeutschen protestantischen Kirchen kommen mir sehr profan vor, da wird nur noch über die Welt geredet. Dieser Steinmetz aber kennt noch ein altes Lied, er ist Hüter einer alten Tradition, aber er kommt sich vor wie der letzte, der es noch weiß.

Sind Sie auch so ein Steinmetz?

Das ist schon in gewisser Weise ein Selbstporträt. Ich versuche mich allen Maßstäben der abendländischen Tradition zu stellen, und nicht nur denen. In den Psalmen ist eine Ghasele drin, eine orientalische Gedichtform. Einerseits bin ich sprachlich im Heute, es gibt etwas Modernisierendes, Spracherweiterndes. Andererseits bewahre ich. Ich spreche eben nicht die Sprache des Marktes. Ich bewege mich in dieser abendländisch-christlich-jüdisch-pagan-griechischen Tradition. Aus dieser Welt kommt mein Bilderschatz. Ich verbeuge mich erst mal vor dem, was war. Das könnte man auch ein konservatives, kulturbewahrendes Element nennen. Ich bin kein abgehobener Sprachspieler. Ich bin ein Mensch mit allen Sinnen. Dichtung fängt mit diesem „De profundis“ an, dass ich in einer Situation bin, ein Mensch bin, liebe, heirate, Kinder habe, sterben werde. Ich bin eben ein verdammt altmodischer Dichter.

Aber die schönen Kirchen sind leer...

Volle Kirchen sind auch nicht wiederzugewinnen. Die gleichen Leute, die aus diesen Kirchen rausgehen, verteidigen oft eine starke, konservative Religion, den Islam. Das ist irre, wie der Mainstream einer Gesellschaft, welche die Aufklärung vor sich herträgt, jede noch so konservative Form des Islam hinnimmt. Ich bin der Meinung, dass sich hier etwas auszehrt. Nicht dramatisch. Es fehlt eben etwas. Wie wenn es keine Gedichte mehr gibt. Wenn Gedichte nicht spirituell sind, sind sie gar nichts. Ein Gespräch zwischen zwei Menschen ist leer, wenn es nicht ernst ist. Das Spirituelle, Transzendente ist der Ernst zwischen Menschen. Wenn wir einander ins Auge schauen und über etwas Wesentliches reden, dann ist Religion, Konfession egal. Mein Sprechen ist ernst. Eine Herausforderung ist es allemal.

Sind Sie nach einer langen Reise an dem Punkt angekommen, wo Sie „Gott“ sagen können?

Ich bin nicht beim Gebet gelandet und bleibe da. Ich schreibe gleichzeitig auch andere Gedichte. Ich habe eine Menge Liebesgedichte geschrieben, jetzt gehe ich gewissermaßen rückwärts, ich kann die Liebe erweitern auf eine andere Person. Im Hohelied Salomos der Bibel zum Beispiel ist es das geliebte Gegenüber. In solch eine Richtung geht es bei mir auch. Ich setze auf ein Gegenüber. Meine Art, Gedichte zu schreiben, war immer auf ein Du gerichtet. Ob da die geliebte Person ist oder Gott, ist, formal betrachtet, austauschbar. Liebesgedichte sind schön und gut, aber wenn man noch mal über eine Grenze geht, dann ist man einer anderen Gewalt ausgesetzt. Es fasst mich etwas an, was diese Wucht hat. Vielleicht hat das mit der Wucht dessen zu tun, warum ich überhaupt Gedichte schreibe. Zu dieser Erfahrung bekenne ich mich.

Viele Menschen akzeptieren keine transzendente Größe über sich, sondern sehen sich selbst als höchste Instanz.

In dem Moment, wo du dich zu einer höheren Instanz bekennst, Gott sagst, gibst du deine Freiheit auf, wird gesagt. Das ist ein Fehlschluss, ein schlichtes Weltbild. Unter dem Sternenhimmel oder in der Wüste bist du klein. Doch du kannst hingehen, einen Garten pflanzen. Aber das machst du in einer Welt, die du nicht bereitet hast und zu deren Zerstörung du auch kein Recht hast.

Am 21. September, 19.30 Uhr, liest Uwe Kolbe im Stadtmuseum Dresden (Museumscafé) aus seinem Essay „Brecht. Rollenmodell eines Dichters“. Eintritt: 6 / erm 4 Euro

Von Tomas Gärtner

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