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Uraufführung für den ersten Abend nach Erwin Strittmatters "Laden" am Staatstheater Cottbus

Uraufführung für den ersten Abend nach Erwin Strittmatters "Laden" am Staatstheater Cottbus

Wer bestimmt, was der Mensch tut? Was treibt Esau Matt zurück "unter Eechen", wo nicht nur die Gerüche und Gefühle seiner Kindheit wieder aufleben, sondern auch seine Urangst, dass die eigene Existenz allein vom Wohlwollen der Mitmenschen abhängen könnte? Warum seine Zeit mit Erinnern vertun, wenn die Wahrhaftigkeit dieses Erinnerns von jener Urangst getrübt wird.

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Strittmatters Laden erhält auf der Cottbuser Bühne Gestalt: Szene mit Oliver Breite als Esau Matt (r.).

Quelle: Marlies Kross

Man wird verantwortlich, auch wann man als einzelner den großen Gang der Dinge nicht ändern kann. Mit dieser Einsicht wird Esau über die Lebensweisheiten seines Großvaters Esau hinauswachsen - und Erwin Strittmatters "Laden" zu einem Jahrhundertroman. Zu einem brandenburgischen Nibelungenlied, mit dem Augenzwinkern des Autors gesagt. Viel davon hat bei aller Ernsthaftigkeit die Stückfassung von Holger Teschke, die das Staatstheater Cottbus jetzt als Uraufführung auf die Bühne des Großen Hauses bringt. Der erste Abend umfasst im Wesentlichen die beiden ersten Teile des Romans, der zweite soll im September folgen.

Die Inszenierung von Mario Holetzeck erscheint einerseits als Wanderung Esaus durch die eigene Vergangenheit, wobei der längst Erwachsene wieder die Rollen seiner Kindheit und Jugend einnimmt, mit aller verfügbaren Naivität die ersten bittersüßen Erfahrungen seines Lebens nachvollzieht. Anderseits erscheint sie wie das Blättern in einem Album, in dem die Episoden und Anekdoten einer kleinen Dorfgesellschaft festgehalten sind, die gleichwohl von den Sensationen des großen Weltgeschehens geprägt werden, seien es nun Kriege oder technische Errungenschaften wie Elektrizität und Telefon. Gundula Martin hat dazu einen schlichten weißen Bühnenraum geschaffen mit mehrfachen Rahmen, in bzw. auf denen die Schulklasse sich einfindet, das Ensemble sich immer wieder zu sprechenden Gruppenbildern versammelt oder wo sich der Protagonist im Rückblick sanft schaukeln lässt.

Im Blick auf ein Milieu, das sparsam bei Bedarf eingeschwenkt (die Ladeneinrichtung) oder eingeschoben wird (ein Stück blühende Heide), sich aber noch deutlicher durch die historisierenden Kostüme (Susanne Suhr) mitteilt und von daher von reichlich nostalgisch sehnsüchtigem Zauber überstrahlt wird. Da gönnt man sich sogar einen ebenso ansehnlichen wie umgänglichen Schimmel unter dem Hintern des Barons von Leeßen, und Esau wird mit seiner vergeblich angebeteten Ilonka auf einer uralten BMW davontuckern. Trotzdem konzentriert man sich auf Wesentliches, den Kern der Schriftsteller-Biografie nach dessen eigenem Rezept: "90 Prozent Wahrheit plus 10 Prozent Erlogenes." Der gerade wieder ins Ensemble zurückgekehrte Oliver Breite bewältigt die geforderte Spannweite zwischen Zweifel und Desillusion an der Schwelle zum Alter und der unverdorbenen Unbefangenheit der Jugend ebenso einfühlsam wie unspektakulär. Wobei die Verdrängungen und Skrupel, die (auch im Hinblick auf neuere Erkenntnisse zu Strittmatters Biografie) als Grundmotiv der gesamten Aufführung behauptet werden, erst einmal nur sporadisch und nur bedingt motiviert aufscheinen.

Ganz unaufdringlich und ohne Anflug von Überlegenheit nimmt Breite seine Position unter den kindlichen Darstellern ein (Elisabeth Görz, Johannes und Daniel Wingrich, unter der ständig den Rohrstock schwingenden Fuchtel des Lehrers Rumposch). Auch wenn er Zeugnisse des werdenden Dichters ablegt und immer "mehr hinter den Dinge sehen" möchte. Je weniger sich dieser Esau in den Vordergrund spielt, um so mehr gelingt das, werden die vielen Figuren des Dorfpanoramas lebendig. Aufgrund des epischen, anekdotischen Erzählens braucht das seine Zeit, doch dann entwickeln sie sich alle zu unverwechselbaren, in ihrer Tragik und Komik doch sympathischen Originalen.

Holetzeck setzt nicht auf dramatische Akzente, die ohnehin kaum vorhanden sind, sondern auf genaue Figurenzeichnung, nahe am Text und glaubhaft im Dialekt, wobei er sich auf das hoch motivierte Ensemble verlassen kann. Susann Thiele behauptete sich nicht nur als geschäftstüchtige Mutter Helene mit ihren "Hieneroogen" die stets, wenn's kritisch wird, in Ohnmacht fällt, sondern auch als Frau gegenüber der jugendlich kessen, dabei so anschmiegsamen und warmherzigen Hanka (Laura Maria Hänsel). Michael Becker zeigt nicht nur das von Weisheit und manchmal Güte überglänzte Gesicht des Großvaters, sondern auch den berechnenden Stinkstiefel dahinter. Amadeus Gollner ist der von ihm belehrte, kujonierte, ausgenutzte Schwiegersohn, der sich auch als Opportunist pfiffig zu behaupten weiß und dessen (Nicht-)Leidenschaften durchaus nachvollziehbar sind. Selbst Dorf-Mulitfunktionär Rumposch (Kai Börner), von vornherein eher als Karikatur angelegt, behauptet durchaus menschliche Züge. Erst recht natürlich der schräge Kriegsheimkehrer Phile (Thomas Harms), der mit seiner knarzenden Tuba allzu heimatlichen Motiven ein jazziges Feeling verpasst.

Im zweiten Teil des Abends untermalen dann die Musiker Susanne Paul, Dietrich Petzold und Lu Schulz aus dem Graben ein völlig anderes, ein abgehoben bürgerliches, penetrant intellektuelles, vom Aufkommen der faschistischen Ideologie geprägtes Milieu. Die autoritäre Schärfe, mit der Gymnasiallehrer Dr. Apfelkorn seine Unsicherheit überspielt, wird ebenso eindringlich fühlbar wie das Fluidum der für Esau unerreichbaren Sphäre, in der sich die singende, tanzende, halb mondäne, halb asketisch intellektuelle Ilonka (Johanna Emil Fülle) bewegt. Auch die Mitschüler Wullo (Johannes Kienast) und Frede (Oliver Seidel) entwickeln sich zu Typen, die ein kommendes Desaster vorausahnen lassen.

Mag sein, dass diese betont inszenierte Fremdheit (zumal mit Wullo als Wessi-Urtyp) das Gegenbild der einfachen Dorfwelt mit ihren scheinbar weitgehend durchschaubaren Beziehungen ein wenig zu sehr verklärt. Wer war ich, wer bin ich, das waren die wichtigsten Fragen am Ende für Esau-Erwin ebenso wie etwa für eine Christa Wolf. Wenn Theater etwas beitragen will zur Bestimmung von, zur Gewissheit über Identität, dann darf es bei seinem Publikum nicht gleich deren Unerbittlichkeit einfordern, sondern durchaus auch ein paar Brücken bauen. Das Premierenpublikum jedenfalls hat das Angebot sehr dankbar aufgenommen. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 13., 19., 23.6.

www.staatstheater-cottbus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.06.2012

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