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„Turandot“ im Staatstheater Cottbus

Giacomo Puccini „Turandot“ im Staatstheater Cottbus

Puccinis dramma lirico blieb ein Fragment. Zur Uraufführung, am 25. April 1926, legte der Dirigent den Taktstock nieder, wo die Komposition zu Ende war. Schon einen Tag später aber, knappe drei Monate danach, zur Deutschen Erstaufführung in Dresden, wurde die oftmals bis heute übliche Fassung mit dem von Franco Alfano vollendeten Schluss aufgeführt, wie jetzt auch in Cottbus.

„Turandot“ im Staatstheater Cottbus

Quelle: Marlies Kross

Cottbus. Puccinis dramma lirico blieb ein Fragment. Zur Uraufführung, am 25. April 1926, legte der Dirigent Arturo Toscanini den Taktstock nieder, wo die Komposition zu Ende war: „Hier endet das Werk des Meisters“. Schon einen Tag später aber, knappe drei Monate danach, zur Deutschen Erstaufführung in Dresden, wurde die oftmals bis heute übliche Fassung mit dem von Franco Alfano vollendeten Schluss aufgeführt, wie jetzt auch in der Neuinszenierung des Staatstheaters Cottbus.

Eigentlich – auch im Sinne Puccinis – ein versöhnlicher Schluss. Die Liebe siegt nach blutiger Handlung. Bis dahin wurden 26 jungen Prinzen, die um die so schöne wie eiskalte Prinzessin Turandot freiten, die sich aber nur dem hingeben will, der drei Rätsel löst, der Kopf abgeschlagen. Als dann Kalaf, der junge unbekannte Prinz der Tataren im chinesischen Exil, die Rätsel löst und dennoch die Eisprinzessin, die noch immer darauf aus ist, zu rächen, was vor vielen hundert Jahren einer Ahnfrau durch männliche Gewalt angetan wurde, nicht bereit ist, ihr Versprechen einzulösen, gibt er ihr eine Chance. Sie solle seinen Namen erraten, dann gebe er sich in ihre Hand.

Das kostet noch ein Leben. Die Sklavin Liù, die heimlich Kalaf liebt und seinen Namen kennt, sich hingebungsvoll um seinen Vater, den entthronten, alten und kranken Tatarenkönig Timur kümmert, gibt ihn auch unter der Folter nicht preis, sie nimmt sich das Leben.

Also eigentlich sollte nach 27 Toten mit dem Morden Schluss sein. In der Cottbusser Neuinszenierung aber nicht. Regisseur Martin Schüler sieht das Werk im Kontext der Entstehungszeit. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, nationale Strömungen erstarken auch in Italien, der Faschismus wird bald mit Benito Mussolini an der Spitze bejubelt werden.

So spielt jener Augenblick, in dem Kalaf erstmals die Prinzessin erblickt und sich in sie verliebt, keine wesentliche Rolle – eher der Umstand, dass dieser junge Aufstreber seine Chance wittert. Auch wenn die augenblickliche Herrschaftsform für die ministeriellen Buchhalter des Todes, die Minister Ping, Pang und Pong, ein bequemes Auskommen sichert, die Zukunft ist unsicher, der Kaiser von China ist alt und kann jeden Moment abdanken.

Also verraten sie dem smarten Kalaf die Lösungen der Rätsel und erhoffen dann mit ihm die Fortsetzung ihres bequemen Lebens. Und schon legt er seine pludrige Folklore-Hose ab, Bart dazu und Zopf auch, die weiße Anzuguniform haben die Minister im Schrank, schon ist er da, der junge Diktator mit schneeweißer Weste. Wenn alle aufgeregt bei Nacht mit Taschenlampen (!) nach seinem Namen suchen, kann er nur kräftig gähnen. Liùs Tod nimmt er ungerührt in Kauf, der alte Vater ist ihm schnuppe.

Es ist zu spät für Turandot, die nach dem Tod der jungen Sklavin einen Anflug von Berührung zeigt, sogar davon singt, dass der Name des fremden Prinzen „Liebe“ sei. Da hat sie sich geirrt. Wenn unter ihrer Herrschaft bisher 26 Köpfe rollten, dann lässt Kalaf in wenigen Minuten schon vier abschlagen: Sie selbst muss dran glauben, die Minister auch. Blutige Aussichten mit diesem neuen starken Mann an der Spitze eines tausendjährigen Reiches. Willkommen, Mussolini in China.

Und das alles im weißen Rahmen des opulenten Bühnenbildes von Walter Schütze, das sich schon bald rot einfärbt. Man hätte es sehen können, lässt sich aber ablenken von kitschnahen Chinabildern mit roten Lampions und Drachenornamentik. Opulent ist auch der musikalische Anspruch dieser am Ende im Takt beklatschten und kräftig bejubelten Aufführung.

Vor allem kraftvoll und rampengerecht, höhensicher und beeindruckend singen die Sopranistin Soojin Moon die anspruchsvolle Partie der Turandot und der Tenor Martin Shalita die nicht minder fordernde des unbekannten Prinzen. Es ist nicht die Kraft, aber die Sensibilität der Berührung des über 80-jährigen Tenors Max Ruda als greiser Kaiser, die zum besonderen Erlebnis dieser Aufführung wird. Debora Stanley als Liù verfügt über die lyrischen Ansprüche ihrer Partie. Mit Ausflügen in die Gefilde der Commedia dell’arte überzeugen Heiko Walter, Hardy Brachmann und Dirk Kleine als Ministertrio Ping, Pang und Pong. Andreas Jäpel ist der bestechliche Mandarin, Ulrich Schneider der entthronte Tatarenkönig Timur.

Die Mitglieder des Opernchores mit denen des Extra-, Kinder- und Jugendchores sowie weiterer Gäste in der Einstudierung von Christian Möbius überzeugen zwar in überwältigenden Klangkaskaden, mehr aber noch in den zarten, feinsinnigen Passagen von hoher Qualität des Pianogesanges.

Am Pult des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus aber lässt Evan Christ mit der Feinheit der Durchdringung dieser Partitur immer wieder aufhorchen. Im Spiel des Orchesters vernimmt man wunderbar und beglückend jene Zwischentöne, die man bei den Solisten der beiden Hauptpartien schon mal vermisste.

nächste Aufführungen: Restkarten für den 24.Mai, Vorbestellungen möglich für 8. Oktober unter Tel. 0355/ 78242424

www.staatstheater-cottbus.de

Von Boris Gruhl

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