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„Toleranz“ gewinnt Sonderpreis beim Sächsischen Jugendkunstwettbewerb

Freitaler Sommermärchen aus der Spraydose „Toleranz“ gewinnt Sonderpreis beim Sächsischen Jugendkunstwettbewerb

Freitaler Schüler überwinden ihre Vorurteile und ergattern mit einem Wandkonzept zum Thema „Toleranz“ und dank mutiger Eigeninitiative den Sonderpreis der Jury beim Sächsischen Jugendkunstwettbewerb.

Die von den Freitaler Kids gestaltete Wand in dem Garagenkomplex in Freital-Niederhäßlich.

Quelle: Florian Bölike/privat

Freital. Hinter jedem Schüler-Projekt steht meist ein engagierter Betreuer: Der Graffitikünstler, Sozial- und Kunstpädagoge Florian Bölike ist solch ein Macher. Er will etwas bewegen, Kindern und Jugendlichen die „Sprache der Straße“ näherbringen. Seit knapp zwei Jahren betreut er an der Freitaler Waldblick Oberschule unter Federführung der dortigen Kunstlehrerin Nicole Seidel das Graffiti-Ganztagsangebot „Paint Club Academy“.

Im letzten Schuljahr fanden sich acht Schülerinnen und Schüler zwischen elf und 14 Jahren, die Lust darauf hatten, mit Farbe aus der Spraydose künstlerisch aktiv zu werden.

Auf Umwegen kam ziemlich schnell das Thema „Toleranz“ ins Spiel. Denn die Schüler unterhielten sich untereinander mit abfälligen, pauschalisierenden Aussagen über Menschen aus anderen Herkunftsländern. Das hörten sich die beiden Kunstpädagogen nicht lange unkommentiert an. Ausführlich wurde über die bestehenden Vorurteile gesprochen. Schnell war klar, das könnte auch Thema des Schulkunstprojekts werden, das im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ von dem Aktion Zivilcourage e.V. gefördert wird.

Doch bevor es richtig losging, sollten die Teilnehmer „das Fremde“ auch kennenlernen. „Es bringt ja nichts, wenn ich einfach nur sage ‚Ihr müsst tolerant sein’ und sie kennen ‚die Anderen’ gar nicht,“ findet Florian Bölike. Also organisierte er eine Exkursion nach Berlin und besuchte mit den Kids das temporäre Kunstprojekt „The Haus“ mit 160 Streetart-Künstlern aus aller Welt in einem Abrissgebäudekomplex mitten im Zentrum der Hauptstadt, an dem einige seiner eigenen ehemaligen Streetart-Lehrer beteiligt sind. Auf ihrem Ausflug lernten die Kinder nicht nur urbane Kunst der Spitzenklasse kennen.

Die Freitaler Kids mit ihren Betreuern Florian Bölike (links) und Nicole Seidel (rechts)

Die Freitaler Kids mit ihren Betreuern Florian Bölike (links) und Nicole Seidel (rechts)

Quelle: Florian Bölike/privat

Sie besuchten auch einen multikulturellen Wochenmarkt, durchstreiften die bunten Kreuzberger Straßen und unterhielten sich mit Leuten, die sie vorher nur aus der Ferne und durch ihre Vorurteilsbrille kannten. Nebenbei hören die Kinder hier zum ersten Mal von der negativen Außensicht, mit der ihr Heimatort seit den rechtsradikal motivierten Aktivitäten der jüngsten Vergangenheit wahrgenommen wird.

Zurück in Freital entwickelten die Kids gemeinsam mit ihren Betreuern aus den gesammelten Erfahrungen ein Wandkonzept zum Thema „Toleranz“.

Eine urbane Fläche für ihr Kunstprojekt gab es auch schon. Der Vorstand eines benachbarten Garagenkomplexes in Freital-Niederhäßlich stellte ihnen einige freie Wände auf ihrem Gelände zur Verfügung – ohne in die künstlerische Gestaltung einzugreifen oder hineinzureden. Florian Bölike erzählt begeistert
von diesem immensen Vertrauensvorschuss. Er weiß aus anderen Projekten, wie komfortabel diese Lage ist, zumal sie mit all dem Streetart-Equipment aus Spraydosen, Atemmasken, Schutzfolien und Co. lediglich über die Straßen laufen müssen, und schon sind sie an ihrer Freiluftgalerie.

Aber sind auch alle Garagen- und restlichen Anwohner davon genauso begeistert? Dem Großteil der Leute gefällt es, dass die Kinder der Schule das Gelände gestalten, erzählt Florian Bölike. Sie erhalten viel Zustimmung und Ermunterung. Zwar gab es auch Einzelfälle, in denen der passionierte Streetart-Künstler angepöbelt wurde, was er den Kindern denn da für einen Mist beibringe, aber letztlich gehört das für Bölike auch dazu. Kunst im öffentlichen Raum soll schließlich zum Diskurs anregen und gerne auch mal aufregen.

Auf den Inhalt ihrer „Toleranzwände“ sind die Kids und ihre Betreuer jedenfalls zu Recht stolz. Drei Wände konzipierten und gestalteten sie: eine braune, eine weiße und eine bunte Wand. Die braune Wand symbolisiert die teilweise vorurteilsbelastete, teilweise begründete und teilweise unbegründete Sicht von außen auf das sächsische Freital – altbacken, rechtsgesinnt und ewiggestrig.

Die weiße Wand steht für die Sicht (einiger) Freitaler Bürger – unschuldig, mit ‚weißer Weste’, da man sich im Hinblick auf vergangene, rechtsradikal motivierte Ausschreitungen (und deren stille Befürwortung) keiner Schuld bewusst sei. Die bunte Wand bezeichnet Bölike als „unser Bild von Freital“ – wie es sich die Kids wünschen: bunt, vielseitig und aufgeschlossen. Ihr Auftrag als kulturelle Botschafter ihrer Heimatstadt wurde nun auch auswärts gehört. Mit Mut und
Zivilcourage haben die Kinder der Waldblick Oberschule kurz vor den Sommerferien einen Sonderpreis beim 11. Sächsischen Jugendkunstpreis unter dem diesjährigen Motto „Ansichtssache“ gewonnen.

Bei dem Wettbewerb, der jährlich von der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Sachsen e.V. ausgelobt und von einer Fachjury unterstützt wird, hatten sich 230 Jugendliche aus ganz Sachsen mit Werken aus der Bildenden Kunst, Fotografie, Literatur, Tanz, Musik und Medien beworben. Die Freitaler Schüler reichten eine Fotodokumentation ihrer „Toleranzwände“ ein und gaben ihr den Titel „WANDELbar“, weil auch Toleranz Ansichtssache und ein wandelbarer Begriff ist. Gemeinsam fuhren die Kunstpädagogen Florian Bölike und Nicole Seidel mit ihren Projektteilnehmern zur Preisverleihung nach Leipzig.

Als sie erkannten, dass sie mit ihrem konzeptionellen, politischen Graffiti in die Rubrik „Bildende Kunst“ eingeordnet wurden, sahen die Kids ihrer Chancen schwinden. Doch sie ließen sich nicht einfach entmutigen. Ohne das Zutun ihrer Betreuer gingen die Schüler selbst auf die Jury zu und hielten ein mutiges Plädoyer für ihr engagiertes Projekt. Angerührt von der Courage der Mädchen und Jungen, erwog die Jury eine erneute Prüfung ihrer eingereichten Arbeit.

Als die Siegerehrung begann, geschah, was keiner von ihnen zu hoffen gewagt hatte: Das Freitaler Projekt „Paint Club Academy“ gewann einen Preis – und zwar in der eigens für sie ins Leben gerufenen Sonderkategorie „Spartenübergreifend“. Florian Bölike ist sichtlich stolz auf seine Schüler und das Erreichte, das weit über diesen Preis hinausgeht. Unreflektierte, pauschalisierende Aussagen hört er von ihnen kaum noch. Stattdessen haben sie ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie als kulturelle Botschafter ihren Beitrag dazu leisten können, ein buntes und vielschichtigeres Bild für die Freitaler, aber auch von den Freitalern zu zeichnen.

Von Susanne Magister

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