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Tanzcompagnie Go Plastic untersucht das Thema Männlichkeit und macht daraus einen Tanz-Western

Neue Männer, altes Genre Tanzcompagnie Go Plastic untersucht das Thema Männlichkeit und macht daraus einen Tanz-Western

In einem der Trailer zum Tanzstück "Go west, young men" stehen drei Männer nebeneinander. Rücken an Rücken, die Arme leicht angewinkelt, im Begriff ihren unsichtbaren Colt zu ziehen. Eine Pose die jeder gleich versteht, ein typisches Western-Element.

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Klassischer Western trifft auf die Gegenwart: "Go west, young men" von Go Plastic.

Quelle: PR

Dresden. Aus der Vorrecherche "Right behind you", die im April im Societaetstheater noch sehr fragmentarisch aufgeführt wurde, entwickelte die Dresdner Tanzcompagnie Go Plastic nun das Stück für die große Bühne. Eine knappe Stunde getanztes Männerbild, am Freitag und Sonnabend im großen Saal des Festspielhauses Hellerau.

Auf dem großen Tisch im Go Plastic-Büro in einem Neustädter Hinterhaus liegen Zigaretten, ein Laptop und ein Handy, das ständig vibriert. Es gehört Cindy Hammer. Sie ist nicht nur die Künstlerische Leiterin der Compagnie, die sie 2010 mit einem Musiker gründete, sondern auch die Choreografin dieses Stückes. Gemeinsam mit Susan Schubert, seit 2012 das zweite weibliche Gesicht von Go Plastic, erzählt sie vom aktuellen Projekt. Ein reines Männerstück sollte es werden. Ihr erstes überhaupt. Normalerweise, also in den letzten acht Produktionen, tanzten immer Frauen mit, öfter auch sie selbst. Aber ein Western ist nun mal extrem männlich.

Und mit Klischees arbeiten sie gern, nicht zuletzt, um sie ad absurdum zu führen. Das funktioniert diesmal auch strukturell. "Zwei Frauen entwerfen die Choreografie für fünf Männer", sagt Hammer lächelnd. "Das ist die Umkehrung des Tanzstandards. Denn eigentlich inszenieren ja immer noch Männer die Schönheit und die Ästhetik des weiblichen Körpers, besonders im klassischen Handlungsballett."

Hier werden nun fünf recht unterschiedliche Männer inszeniert. Joseph Hernandez tanzt sonst im Ballett der Semperoper. Jared Marks und Christian Novopavlovski sind, genau wie Hammer und Schubert, Absolventen der Dresdner Palucca-Schule. Alexander Miller ist Grafikdesigner, Breakdancer und das erste Mal überhaupt bei einem Profi-Tanzstück dabei. Der fünfte Mann wechselt bei jeder Aufführung und wird die ganze Zeit stumm am vorderen Bühnenrand sitzen. Bei der Premiere ist es der Musiker Rummelsnuff, der als muskelbepackter Seemann ja selber als allerdickstes Klischee von Männlichkeit durchgeht.

Aber was bedeutet Männlichkeit heute? Diese Frage stellten sich Hammer und Schubert vor ungefähr einem Jahr. Sie recherchierten zurück ins 19. Jahrhundert und stießen auf den populären Ausruf "Go west, young man". Mit einer Art göttlichem Auftrag sollten die neuen Amerikaner damals den "unzivilisierten" Westen besiedeln. In den 1990ern wurde er dann zum Schlachtruf für die Schwulen-Bewegung, die Pet Shop Boys holten ihn mit ihrem Song "Go West" in den Mainstream.

Nach dem Einlesen ins Thema arbeiteten Go Plastic einen Fragebogen aus und verschickten sie im Bekanntenkreis. Im Blick hatten sie vermeintlich eingestaubte Stichwörter wie Reviergedanke, Macht oder Ehre. 30 Fragebögen kamen zurück, mit acht Männern führten sie Interviews, darunter waren die Tänzer, ihre Väter und Zufallsbekanntschaften, die sie in der Bar ansprachen. Das erwartbare Ergebnis: Männer sind heute vielschichtig. Sie leben in unterschiedlichen Beziehungs- oder Familienformationen, beschreiben das Mannsein aber durchaus auch mit konservativen Werten. Von Beschützerinstinkt, Verantwortungsbewusstsein und dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit war da zu lesen. Von vermeintlich männlichen Eigenschaften wie Loyalität oder Eigensinnigkeit, aber auch von Sensibilität, Empathie und von gut zuhören können, was als typisch weiblich gilt. Nur die Frage nach einem Männerideal konnten die meisten nicht beantworten. "Gibt's das noch?" sagten einige, oder "Ich wurde nicht als typischer Mann erzogen." Optisch ist es etwas leichter. Bärte sind männlich. Im Stehen pinkeln. Oder eben die Sache mit dem Ziehen des Colts.

Die gesammelten Meinungen müssen jetzt auf der Bühne als greifbare Bilder funktionieren, Gesten müssen in Bewegungen umgesetzt, aus Assoziationsspielen muss so etwas wie eine Handlung werden. Wer frühere Arbeiten von Go Plastic kennt, der ahnt, es wird eher abstrakt. Collage, Montage und einige Videosequenzen. Klassische Western-Szenen treffen auf ihre zeitgemäße Interpretation. "Es ist kein Retro-Western. Es geht um junge Männer von heute und um ein Genre, das eigentlich tot ist", sagt Cindy Hammer. Über allem schwebt die Frage: Wie kann man die Erzählzeit eines dreistündigen Westerns auf die Bühne übertragen, in einer Zeit, in der nichts mehr lange dauern darf? "Es gibt so viel Ablenkung, auch im Theater", sagt Susan Schubert und Hammer ergänzt: "Aber hier kannst du nicht weg. Du kannst keine Kippe rauchen oder eine SMS schreiben. Wir müssen es also spannend machen."

"Go west, young men" wird morgen und am Sonnabend jeweils 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau als "Linie 08 Special" aufgeführt, gemeinsam mit dem Tanzstück "Talk to me" von Wagner Moreira.

von Juliane hanka

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