Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Google+
Silvestertradition im Theater: „Dinner for one“

Comödie Dresden Silvestertradition im Theater: „Dinner for one“

An der Comödie Dresden wird in dem Stück „Dinner for One“ von René Heinersdorf auch die Vorgeschichte von Miss Sophie und Butler James enthüllt. Zeitweise gibt es Applaus im Minutentakt.

Voriger Artikel
„Der Amateur“ gewinnt
Nächster Artikel
Karat-Sänger Claudius Dreilich im Interview
Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  „The same procedure as every year?“ Eine Frage, die in good old Germany zu Silvester gehört, wie Butler James zu seiner Miss Sophie. Der legendäre Sketch „Dinner for One“ hat längst nicht nur Kultstatus erreicht, sondern schaffte es als „weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion“ sogar ins Guinessbuch der Rekorde. Schon deshalb sollte die neue Produktion der Dresdner Comödie wie geschmiert laufen, zumal sich Silvester ebenso unausweichlich nähert wie die nächste Steuererklärung. Nun spielt man die Geschichte nicht einfach eins zu eins, denn das würden noch nicht mal die als abendfüllend erachten, die ein Vorspiel von fünf Minuten als vollkommen ausreichend ansehen. Den Sketch von Freddie Frinton nutzte René Heinersdorf nur als Aufhänger, um eine Komödie ganz eigener Art zu stricken.

Dorothea Kriegl und Christian Kühn sind zunächst die beiden Reporter Björn und Leni, die sich (auf strafrechtlich relevante Weise!) Zutritt zum altehrwürdigen Haus der legendären Miss Sophie verschaffen und dann – dank eines Tagebuchs, das sie versteckt unter den Bohlen einer Treppenstufe entdecken – herausfinden, was Millionen von Fans bisher nur erahnen konnten. Es wird insbesondere geklärt, welche Beziehung Miss Sophie zu den vier Gästen hatte, denen sie alljährlich beim Dinner anlässlich ihres Geburtstages zuprostet, als da wären bekanntlich Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom. Vermittelt wird auch, welche Rolle Butler James spielte, wenn er keine Rolle spielt.

Kriegl verkörpert auch die junge Miss Sophie, Comödien-Intendant Kühn wechselweise sämtliche Männerfiguren, munter wird von der Vergangenheit ins Heute und zurück gewechselt. Maske und Kostüm haben also alle Hände voll zu tun. Jede Figur hat eine eigene Physiognomie, eine andere Sprechweise. Von Schneider ist zwar Norweger, gleichwohl aber die Karikatur eines Monokel-Militärs, wie ihn die Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“ zu Kaiserreich-Zeiten auch nicht besser hingekriegt hat. Pazifisten findet er natürlich „ekelhaft“. Ein solcher ist Mister Pommeroy. Und nicht nur das: Er ist auch noch stockschwul, wobei er in einer schwachen Minute dann allerdings doch mal den Verführungskünsten Miss Sophies erlag. Ja, Miss Sophie ist ausgesprochen nymphoman veranlagt. Wenn Männer von ihr abhängig sind, dann kommt sie in Wallung, legt alle Distinguiertheit ab und dann die Kleider, wobei das Finale des inoffiziellen Wettkampfes „Miss Sophie sucht den Superstier“ natürlich, so viel Sitte und Anstand herrscht dann doch, die Treppe hinauf im Schlafzimmer stattfindet. Schließlich kommt es – unerwartet – zu einem Kampf. Am Ende sind vier Männer tot, wobei Kühn in der Rolle des Journalisten Björn sarkastisch fragt, ob Miss Sophie nach diesem zu einem „Club der toten Liebhaber“ führenden Gemetzel nun „traumatisiert oder erotisiert“ war.

So wie Regisseur Woody Allen 1972 in seinem Film darüber aufklärte, „was man schon immer über Sex wissen wollte, aber sich nie zu fragen traute“, so erhält man in dieser alles in allem kurzweiligen, unbedingt als brigadefeiertauglich zu erachtenden Inszenierung auch Antworten auf offene Fragen, etwa wie das berühmteste aller Tigerfelle überhaupt in der Wohnung landete. Nach der Pause wird der legendäre Kult-Sketch durchgespielt, dem aber auch die eine oder andere eigene Note verliehen wird. Jetzt gibt es – nachdem anfangs manche Länge zu kritikastern wäre – Applaus im Minutentakt. Und zwar zu Recht! Kühn treibt einem als mit zunehmender Schlagseite die Tafel umrundender, einmal gar aus der Blumenvase trinkender Butler James die Tränen in die Augen. Dem Charme der Vorlage wird Reverenz erwiesen, aber Mimik und Körpersprache Kühns haben bei diesem Geburtstagsritual ihren ganz eigenen Reiz.

Aber auch damit ist noch nicht das Ende erreicht. Plötzlich meldet sich eine Stimme aus dem Off, meldet sich die Regie, sind Kriegl und Kühn einfach zwei Schauspieler, die eben geprobt haben und nun beim Abschminken auf offener Bühne mit Regie und Beruf hadern. Es gibt Prozeduren im Leben, auf die man gerne verzichten würde, auf das des „Dinners for One“ nicht.

Vorstellungen: 29. Dezember bis 14. Januar, Comödie Dresden, nicht ganz täglich

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr