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Seid bereit! Dresdner Schulmuseum schickt Kinder in den DDR-Unterricht

Seid bereit! Dresdner Schulmuseum schickt Kinder in den DDR-Unterricht

Das Dresdner Schulmuseum modernisiert sich mit studentischer Hilfe konzeptionell: Die neue Sonderschau "Von Fibeln, Poesiealben und Kinderspielen" zum Beispiel wurde gleich als Mitmach-Ausstellung für Kinder konzipiert, das DDR-Unterrichtszimmer neu und stringenter gestaltet.

In Anlehnung an die spektakulären Schauschulstunden "wie zu Kaisers Zeiten" sollen die Kids von heute dort künftig auch DDR-Unterrichtsstunden live erleben.

Walter Ulbricht sächselt heute mal nicht. Der ungeliebte Parteichef schaut eher mahnend aus seinem Fotorahmen auf die leeren Schulbänke. Immerhin: Ihre Kunstleder-Ranzen haben die Kinder noch artig in die Stahlhaken an der Seite eingehängt, bevor sie alle davongestürzt sind. Alle? Nein, nicht alle: Eine Jungpionierin und eine FDJlerin schieben neben der Tafel in voller Montur Zimmerdienst, die Rollbilder mit glücklichen sozialistischen Familien und Werktätigen im Stalin-Kunststil starr im Auge. Man meint das "Seid bereit!" der Pioniere gleich wieder zu hören-

Die uniformierten Puppenkinder, die Eierhandgranaten für den Sportunterricht, die Wimpel und Losungen sind Teil der umgekrempelten DDR-Schulausstellung im Schulmuseum an der Seminarstraße, die nun aufgeräumter und historisch genauer wirkt. "An einigen Stellen sah es früher etwas durcheinandergewürfelt aus", räumt Vereinschef Roland Herrmann ein. "Die neue Konzeption haben sich Lehramtsstudenten von der TU ausgedacht."

Tatsächlich erinnerte das Schulmuseum noch vor ein, zwei Jahren eher an ein Depot als an eine kuratierte Ausstellung, was aber den Ursprüngen der Einrichtung geschuldet ist: Mit kargen Mitteln und ehrenamtlich geboren, nahm man in dem Museum, was man kriegen konnte, und jeder legte sein Lieblingsteil in eine Vitrine - zu Lasten eines straffen Konzepts.

Neben der nun sichtbaren Professionalisierung punktet das Haus seit geraumer Zeit mit pfiffigen Ideen. Wenn etwa Student und Museums-Helfer Franz Neugebauer in seine Schulmeister-Uniform schlüpft und Schulkindern von heute vormacht, wie Unterricht zu Kaiser Wilhelms Zeiten ablief, erntet er meist erstaunte Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Ehrfurcht. Ähnliche Schau-Unterrichtsstunden soll es künftig im DDR-Klassenzimmer geben.

Neugebauer war es auch, der die neue Sonderschau über Poesiealben, Fibeln und Spiele konzipierte und Mitmach-Angebote für junge Besucher einarbeitete. Die können dort zum Beispiel alte Murmelburgen ausprobieren, mit Gänsekiel oder Stahlfeder schreiben und die kalligraphischen Ergebnisse mit nach Haus nehmen, ein eigenes Schulmuseum zusammenbasteln oder ein altes Brueghel-Gemälde zu einem Wimmelbildspiel umfunktionieren.

Ein besonderer Teil der neuen Schau ist jenen Alben gewidmet, in die sich vor dem Beginn des Digitalzeitalters Schüler und Studenten untereinander Gedichte und Gedanken eintrugen. "Ich sammele auch privat Poesiealben und ich fand es interessant, etwas davon auszustellen", sagt der Dichtkunst-Freund mit den Werwolf-Kotletten. Die 15 Büchlein, die er exemplarisch ausgesucht hat, spiegeln nicht zuletzt auch den Wandel von Stilempfinden und politischem Umfeld über die Generationen hinweg wider: "Die älteren Alben aus dem 19. Jahrhundert sind emotional besonders mitreißend", meint er und verweist beispielhaft auf Einträge eines jungen Mannes, der dem Tod auf dem Schlachtfeld entgegensieht, oder, an anderer Stelle, auf Indizien einer verbotenen Liebe von Cousin und Cousine. "Diese Alben sagen eben viel über die Gedankenwelt der Menschen zu verschiedenen Zeiten aus, über ihre Verhältnis zueinander."

iSchulmuseum, Seminarstraße 11, geöffnet Donnerstag, 14-17.30 Uhr, jeder erste Sonnabend im Monat 14-17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Eintritt: drei (Kinder ein) Euro, Tel.: 2130156, Internet: www.schulmuseum-dresden.de

Weckbrodt, Heiko

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