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Sechs Uraufführungen an der Dresdner Musikhochschule

Projekt der Opernklasse Sechs Uraufführungen an der Dresdner Musikhochschule

„Inventarisierung von Erfahrungen“ – das klingt reichlich abstrakt. Wie können in einer durch-digitalisierten Welt Erfahrungen inventarisiert werden? Diesem Thema war jetzt ein übergreifendes Projekt der Dresdner Musikhochschule (HfM) gewidmet. Sechs Uraufführungen kamen dabei heraus, keine großen Opern, gewiss, aber doch sechs Uraufführungen fürs Musiktheater.

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In dem Projekt der Dresdner Musikhochschule „Inventarisierung von Erfahrungen“ wurden Uraufführungen fürs Musiktheater präsentiert.

Quelle: Marcus Lieder

Dresden. „Inventarisierung von Erfahrungen“ – das klingt reichlich abstrakt. Wie können in einer durch-digitalisierten Welt Erfahrungen inventarisiert werden? Diesem Thema war jetzt ein übergreifendes Projekt der Dresdner Musikhochschule (HfM) gewidmet. Sechs Uraufführungen kamen dabei heraus, keine großen Opern, gewiss, aber doch sechs Uraufführungen fürs Musiktheater. Dass es dabei erst recht sehr abstrakt zugehen dürfte, war zu vermuten.

Die Idee dazu hatte Barbara Beyer, Leiterin der Opernklasse an der HfM: „Wir haben durch die jährlichen Opernproduktionen sowieso eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste. Durch dieses Uraufführungs-Projekt hat sich eine weitere Kooperation beider Hochschulen und intern in der Musikhochschule zwischen den verschiedensten Fachbereichen ergeben.“

Von der Autorin und Performerin Edit Kaldor kam der Anstoß zu diesem Projekt. Im Berliner HAU-Theater erlebte Barbara Beyer ein Performance, in der es um Ohnmachtserfahrungen ging: „Eine Sache von hoher Komplexität.“ Sechs Studierende der Kompositionsklasse waren sofort fasziniert und haben in etwa eineinhalb Jahren Ideen entwickeln können. Laut Programmzettel lernten sie zunächst die Stimmen der Gesangsstudierenden kennen, für die sie komponieren sollten. Wenn dem tatsächlich so war – eineinhalb Jahre sollten dafür wohl ausreichen –, betrieben die Studiosi ihren Erfahrungs(!)austausch mit höchst unterschiedlicher Intensität. Auch wenn winterliche Unpässlichkeiten mehrere Interpreten zum Ende des Projekts sehr geschwächt haben, die gesangstechnische Herausforderung ist mitunter arg diffizil und alles andere als stimmschonend gewesen. Einen Eindruck vom Stand der Gesangsausbildung sollte man aus dem Gehörten nicht ableiten wollen.

Wer aber im vierten Studienjahr Gesang studiert, verlangt sicherlich nach Herausforderungen sowohl stimmtechnisch als auch darstellerisch. Auch der Anspruch, auf Augenhöhe mit Instrumentalisten zu arbeiten, ist mehr als berechtigt. Unter der musikalischen Leitung von Milko Kersten agierte ein studentisches Ensemble in teils origineller Besetzung, das mit großer Umsicht geführt wurde und den Saal – die Probebühne des HfM-Neubaus – trotz diffiziler Platzierung sehr akkurat bespielte.

Gestaltet wurde dieser Raum durch die Bühnenbild- und Kostümklasse der HfBK-Professorin Barbara Ehnes. Aufgeklebte Raster strukturierten die Wände, als sollte das Inventarisieren visuell unterstrichen werden. Konsequent wurden Publikum und Akteure in graue Schutzwesten gehüllt und vermischten sich auf drehbaren Hockern, wurden gemeinsam Teil der Aktionen. Dass die sechs etwa fünf bis zehn Minuten kurzen Stücke ineinander verschränkt aufgeführt worden sind, hat die Konzentration auf das Kompositorische gelenkt. Pädagogische Akzente sollten aber an einer solch renommierten Ausbildungsstätte nicht außer Acht gelassen werden.

Die sechs Stücke, bewusst als Petitessen angelegt, boten ein Spektrum vom Banalen bis hin zur Extremsituation. Eine „Inventarisierung von Erfahrungen“, siehe oben, muss dieses Spektrum wohl abbilden. Das reichte von Barblina Meierhans und ihrer performativen Installation mit Endlos-Schleifen über Nico Sauers Adaption aktueller Charts bis hin zur äußerst nüchternen Liebes-Erklärung von Susanne Hardt. Was berührt dabei mehr – das eindringliche Theremin, die ins Äußerste getriebene Geräuschstörung durch Baustellenlärm oder die x-fache Wiederholung „knackiger“ Begierde? Wie nahe geht die Adaption der Stimmen berühmter Zeitgenossen von Elvis bis Lenin?

Am originellsten und überzeugendsten, weil musikalisch klug arrangiert, schien Alberto Arroyos „Nefas, Nykteris“ zu wirken, ein Stück um eine blinde Frau. Um deren Erfahrungswelt darzustellen, verfiel man auf die nur konsequente Idee, den Besuchern auch noch Schlafbrillen aufzusetzen. Wer nichts sieht, ahnt vielleicht, wie es ist, sich ohne Sicht in einer schrillen Welt zu orientieren?

Zugleich hat diese Erfahrung unfreiwillig auch sehr deutlich auf das hingelenkt, was außerhalb dieser „Blindheit“ allzu offensichtlich gewesen ist: Das geradezu rigide eingebremste Spiel der Sänger-Darsteller. Wenn dieses Projekt wesentlicher Ausbildungsteil der schon bald ins wahre Musiktheater-Leben verabschiedeten Sängerinnen und Sänger sein soll, dann ist das Sitzen auf Drehhockern, das Schlürfen durchs Gestühl, das Deklamieren zu Videoeinspielungen ein äußerst bescheidenes Zeugnis pädagogischer Arbeit.

Da Erfahrungen ja durchaus auch lustvoll sein dürfen, hätte ein solches „Sixpack“ sowohl den Ausführenden als auch dem Publikum deutlich mehr Lust auf neues Musiktheater machen können. Musikalisch gelang das letztlich durch die Verschränkung konkreter Musik mit krudem Geräusch und Adaptionen aus Pop und Barock. Barbara Beyers Regie blieb trotz dieser ambitionierten Angebote auffallend verhalten. Das gemeinsame Engagement der Studierenden beider Dresdner Kunsthochschulen aber ist eine wieder mal vielversprechende Erfahrung gewesen.

Von MICHAEL ERNST

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