Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Google+
Seasick Steve kommt in den Alten Schlachthof

Konzert Seasick Steve kommt in den Alten Schlachthof

Nichts Genaues über sein Leben weiß man nicht und trotzdem: Der – wahrscheinlich – 76-jährige Seasick Steve aus den USA gehört zu den beseelten Bluesmusikern älteren Jahrgangs, die unermüdlich durch die Welt fahren, um Geschichten zu singen und zu erzählen. Nur in Europa hat der gebürtige Kalifornier damit späte Popularität erreicht. Am Freitag kommt Seasick Steve wieder zu einem Duo-Kontert nach Dresden.

Seasick Steve

Quelle: PR

Dresden. Nicht nur Geschichte wiederholt sich, auch Geschichten kehren wieder. Immer und immerfort. Darunter sind dann solche, die von spät entdeckten Musikerinnen und Musikern verkünden. Von spät wiederentdeckten auch und jenen, die es zunächst in ganz anderen als ihren Heimatländern geschafft hatten – was immer man unter schaffen versteht – und die bald in der Versenkung verschwanden. US-amerikanische Jazzer und Blueser finden seit jeher gern in Nordeuropa und Holland wertgeschätzte Aufmerksamkeit und mehr als einen Wohnort. Frankreich ist auch ganz weit vor bei Neuwahlen, Deutschland nicht gänzlich ohne Bedeutung. Am Freitag wird die Geschichte von Seasick Steve fortgeschrieben. Was bislang geschah oder geschehen sein könnte, gibt es schon an dieser Stelle.

Platten mit exemplarischen Titeln beispielsweise. Dass man „einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen kann“, zum Beispiel. Oder schlicht das Wörtchen „Billig“ als Statement, der Spruch, wonach man durchaus mit „nichts beginnen kann und das meiste davon behält“. Oder dass es einzig wichtig ist, „das Pferd zwischen sich und dem Boden zu halten“. Dass Steve Wold als Seasick Steve noch immer durch die Welt reist, große Säle füllt, dass ihm auch erstaunlich junge Blues-Jünger kniend verehren, namhafte Kollegen mit ihm auftreten wollen, dass er sich scheinbar ganzheitlich vom Druck des Geschäfts befreit hat und ausschließlich mit dem Spaß an der Freude dealt, mag in erster Linie ihn selbst überraschen. Andere Outlaws, denen es ebenso ergehen darf oder durfte, weiß er an seiner Seite. Namen? Aber gern! Calvin Russell und Townes van Zandt, Charles Bradley und Sharon Jones, Sixto Rodriguez und David Munyon. Tot oder lebendig …

Alles große Künstler! Doch neben der Musik hatten oder haben sie Geschichten zu erzählen, von denen man glaubt oder hofft, dass sie stimmen. Oder diese Menschen geben einem gleich das Gefühl, es käme überhaupt nicht darauf an. Auch Hans Albers ist nicht zur See gefahren, er tat nur so. Zeitlebens. Seasick Steve redet gern über seine Zeit auf US-amerikanischen Gleisen – als minderjähriger Hobo wohlgemerkt, nicht als zahlender Fahrgast. 1941, wie er sagt, in Kalifornien geboren, sei die Straße nach einem eher schwierigen Zuhause eine erste Heimat gewesen. Jobs für Essen gab es zuhauf, etwas Festes nicht. Der Blues soll schon Ende der Vierziger für ihn praktizierte Musik gewesen sein, nicht nur Lebensgefühl. 20 Jahre später spielt er ihn mit anderen und man hört ihm zu. Könnte aber auch sein, er war wirklich ausschließlich Sessionmusiker, dann Grunge-Produzent, hatte sogar eine musikferne Ausbildung wie der britische Biograph und Autor Matthew Wright aufzuschreiben wusste. Und er verkündet, Steve Wold hieße Steven Leach. Allein Wrights Beweisführung, auch zu anderen „geänderten“ Lebensfakten, ist löchrig.

Nach 2000 wird Seasick Steve in Europa ansässig, erst in Norwegen, dann in England, später wieder in Norwegen. Man wird öffentlich auf ihn aufmerksam so, wie man auf andere stößt, die fünf Jahrzehnte jünger sind. Steve umringen fortan Frau, Freunde, Fans, Förderer – Labelmanager und Konzertveranstalter, die sich etwas von ihm erwarten, ohne dass er je versprochen hätte, er könnte es einlösen. Von öffentlichen Charts geht es in private Playlists, von der Royal Albert Hall und dem Glastonbury Festival ins Wohnzimmer zurück. Warum nicht? John Paul Jones, der fliegende Ex-Led-Zeppelin, meldet sich auch dort bei ihm.

Seasick Steve spielt, während er auf der Bühne parliert, mit selbstgebauten Saiteninstrumenten. Wie Jack White auch. Oder das Duo Buke and Gase. Filter eines Fords dienen als Resonanzkörper, Zigarrenschachteln sind dabei, Autoschilder, Bretter, Schrott. Logisch, dass dieser Folk und Blues kantig ist, schräg, rau, kehlig. Ungepflegt. Das er vor Energie strotzt. Vor Kraft und diesem so typischen Augenzwinkern, ja Flunkern. Und logisch, dass er mit Seele zu tun hat. Geschichten kann man erfinden, Doktorarbeiten abschreiben, mit der Authentizität klappt es nicht!

2017 ist Seasick Steve wieder mit dem schwedischen Drummer Dan Magnussen unterwegs, wieder im Alten Schlachthof, wo man den Bärtigen schon zu lieben gelernt hat. Mit dabei ist besagte Doppel-CD „Keepin‘ The Horse Between Me And The Ground“, CD 1 elektrisch verstärkt und mit Gästen an Fiddle, Harmonica, Bass, Piano, CD 2 schlicht akustisch. Die Platten müssen die Liederliste von zwei Live-Stunden aber keineswegs bestimmen. Seasick Steve entscheidet nach Tagesform, gern auch abends.

+ + Seasick Steve, Vorprogramm: Duke Garwood, Freitag, 20 Uhr, Alter Schlachthof

Von Andreas Körner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr