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Schriftsteller Uwe Tellkamp verteidigt in Dresden die "Charta 2017"

Unterstützung für rechte Verlage Schriftsteller Uwe Tellkamp verteidigt in Dresden die "Charta 2017"

Aus seiner jüngsten Veröffentlichung „Die Carus-Sachen“ liest Uwe Tellkamp noch. Dann aber soll es auch ums Aktuelle gehen, kündigt Buchhändlerin Susanne Dagen im Kultur-Haus Loschwitz gleich zu Beginn an. Sie erneuerte ihre Kritik an der Erklärung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Uwe Tellkamp

Quelle: dpa

Dresden. Aus seiner jüngsten Veröffentlichung „Die Carus-Sachen“ liest Uwe Tellkamp noch. Dann aber soll es auch ums Aktuelle gehen, kündigt Buchhändlerin Susanne Dagen im Kultur-Haus Loschwitz gleich zu Beginn an – um ihre Petition, „Charta 2017“ genannt, zu deren Erstunterzeichnern Uwe Tellkamp gehört, Reaktion auf die Auseinandersetzungen während der Frankfurter Buchmesse.

Das schmale „Carus“-Büchlein ist ein Auszug aus Uwe Tellkamps neuem Roman. Noch ist offen, wann „Lava“, so der Arbeitstitel, erscheint. 2018 jedenfalls noch nicht, teilt Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Postpischil auf Anfrage mit.

Erzählt wird darin, so verrät Uwe Tellkamp, aus der Perspektive von Fabian Hoffmann, dem Cousin von Christian Hoffmann, Hauptfigur im „Turm“ (2008). Der verlässt das konservativ-bürgerliche Milieu des Turm-Viertels, wird nicht zu Erweiterter Oberschule (EOS) und Abitur zugelassen, arbeitet als Filmvorführer, seine Eltern sind Bürgerrechtler. „Er ist ein Chronist von heute“, erläutert der Autor.

Es gibt Rückblenden in die DDR-Zeit. In „Carus“ sind es die frühen Achtziger. Im Mittelpunkt steht Fabians Vater, Hans Hoffmann, Toxikologe, der modernes Spezialistentum ablehnt, sich als geistiger Nachfolger von Romantikern wie Carl Gustav Carus (1789-1869) versteht: „Sie verlieren sich nicht im Speziellen, das sie gleichwohl kennen, sondern versuchen sich einen Begriff des Ganzen zu bewahren“.

Stärker indes treibt den Autor im Moment die Art und Weise öffentlicher Debatten in Deutschland um. Bisweilen hörbar erregt zitiert er Passagen aus seinem Tagebuch. Darin dokumentiert er, was er aus Zeitungen beispielsweise über Sprachregelungen, nicht gedruckte Texte erfuhr. All das, was er mit dem Begriff „Klappe-Halten-Befehl“ zusammenfasst. „Das ist DDR Zwei-Null“, entrüstet er sich, die „Anmaßung, für mich als Leser denken zu wollen“. Er erinnert sich an die zu DDR-Zeiten übliche Praxis, in der Schule bei Aussagen, Argumenten nicht nach deren Plausibilität zu fragen, sondern woher sie stammten. Falls vom „Klassenfeind“, aus dem „Deutschlandfunk“ zum Beispiel, erübrigte sich jede Diskussion über Inhalte. „Das kotzte mich an“, bekennt er.

Dass der „Spiegel“ Rolf Peter Sieferles „Finis Germania“ – Kritiker wie Jan Grossarth in der FAZ lasen darin „rechtsradikale Inhalte“ – heimlich von seiner Sachbuch-Bestsellerliste nahm, wertet Tellkamp als „Zensurversuch“. Er plädiert dringend dafür, sachlich zu bleiben. „Es geht um gelebte Meinungsfreiheit.“ Die müsse für alle Seiten gelten, für links wie rechts. „Ich wünsche mir, dass Diskurs möglich bleibt und Argumente zählen.“

Er vermisst öffentliche Erregung, wenn beispielsweise die Kolumnistin Sibylle Berg mit Blick auf die Auseinandersetzungen während der Frankfurter Buchmesse auf der Internetseite spiegel.de verbreitet: „Vielleicht ist der Schwarze Block, die jungen Menschen der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen, die einzige Bewegung neben einem digital organisierten Widerstand, die eine Wirkung hat. Es wird nichts mehr von alleine gut. Die Regierung wird uns nicht retten. Allein eine Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus kann den Schwachsinn des Hasses und der Menschenverachtung stoppen.“ Aus Beunruhigung über all das habe er Susanne Dagens Petition unterzeichnet. „Man muss irgendwann den Kopf aus dem Elfenbeinturm stecken.“

Die Buchhändlerin erneuerte ihre Kritik an der Erklärung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der als „rechtsorientiert“ geltende Verlage zugelassen, zu Beginn seiner Frankfurter Buchmesse aber erklärt hatte, er sehe sich verpflichtet, sich „aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten“. „Es geht darum, uns zu sagen, welche Meinung wir haben sollen und dass eine andere die falsche ist“, sagt Susanne Dagen. Bis gestern Abend hatten mehr als 6500 Personen die Petition unterschrieben. Buchhändler, die Susanne Dagen darum gebeten habe, hätten alle abgesagt. „Ihr Grund: Angst. Ich verstehe dich gut, habe ich ihnen gesagt – umso schlimmer.“

Eine Frau im Publikum kritisiert, der Bezug zur „Charta 77“ erscheine ihr angesichts der Tatsache, dass heute jeder seine Meinung frei äußern dürfe, „überdimensioniert“.

Tellkamp räumt ein, die Unterzeichner heute seien nicht so bedroht wie die tschechischen Dissidenten damals. Gleichwohl sieht er die Gesellschaft am Anfang einer Entwicklung, bei der dem Denken „Korridore“ vorgegeben werden. „Wehret den Anfängen!“, ruft er. Er wisse, was es bedeute, geschnitten, nicht eingeladen, ausgegrenzt zu werden.

Der in Radebeul lebende Dichter Jörg Bernig berichtet aus dem Publikum heraus, nach seiner umstrittenen „Kamenzer Rede“ im September 2016 seien „Denunzianten-Briefe“ in der TU Dresden oder bei der Sächsischen Akademie der Künste eingegangen mit Forderungen, ihn nicht zu Lesungen einzuladen oder gar durch einen „Ehrenrat“ entfernen zu lassen.

Als seine Akademie-Kollegen ihn zum Vizesekretär der Klasse Literatur und Sprachpflege wählten, solle dies der damalige Präsident Wilfried Krätzschmar zu verhindern versucht haben. „Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen vor dem, was da auf uns zukommt“, sagt er. „Es ist schon da.“

Besonders erzürnt Uwe Tellkamp, wenn westdeutsche Journalisten Ostdeutschen pauschal demokratische Fähigkeiten absprechen, sie Ralph Bollmann etwa in der FAZ „Migranten im eigenen Land“ nennt. „Die Töne verschärfen sich“, meint Tellkamp. „Aber das muss man als Autor aushalten. Ich kann nur meine Meinung sagen und damit ins Gespräch einsteigen – in einem Land, in dem viel im Argen liegt.“

Uwe Tellkamp: Die Carus-Sachen. Mit Zeichnungen von Andreas Töpfer. Edition Eichthal. 96 S., 18 Euro

Von Tomas Gärtner

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