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Rotkäppchen und der böse Ehemann - "Monster Poems" von Nora Gomringer

Rotkäppchen und der böse Ehemann - "Monster Poems" von Nora Gomringer

Dies hier ist kein Text für das Männermagazin "GQ", und das ist wohl auch der Grund, warum er veröffentlicht werden konnte. Denn glaubt man einem Gedicht von Nora Gomringer, beißt der "Karpate" immer zu, "bevor sie das veröffentlichen.

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Nora Gomringer

Quelle: Jürgen Bauer/Voland & Quist

" "Das" bezieht sich auf die Frage nach der Technik Draculas, der für die Poetin der "rumänische Dissident mit dem harten Akzent" ist. "Du funkelst. Alle sagen 'bleich'. An der Tür hatte ich erlauscht: 'Tot'. Was wissen die Flüsterer?"

Nora Gomringer veröffentlichte schon ein paar Gedichtbände beim Dresdner Verlag Voland & Quist, auch mal mehrere in einem, grob nach Themen geordnet. Doch mit ihrem im Frühjahr 2013 erschienenen "Monster Poems" widmet sie sich gleich stapelweise den gesammelten Ängsten, die durch mediale Horrorwesen, innere Schrecken und märchenhafte Gewalttäter bebildert werden. Unterstützt wird Gomringers Vorhaben vom Illustratoren Reimar Limmer, der trashige bis antiquierte Bilder zu unheimlichen Collagen montiert und jedem Gedicht damit noch einen Extraschrecken mitgibt.

Bekannte Figuren werden zeitgemäß interpretiert. Bei Gomringer ist Rotkäppchen eine sich spät, aber schließlich doch zur Wehr setzende, gequälte Ehefrau ("Jäger"). Auch Sylvia Plath, die tragische, amerikanische Schriftstellerin, die ihren Kopf in den Backofen steckte, während nebenan ihre zwei kleinen Kinder schliefen, geistert durch die Monstergedichte, in einer unglücklichen Ehe mit dem fiktiven Norman Bates, aus dem Horrorklassiker "Psycho". Hitchcocks Duschszene ist zum Markenzeichen für den "Master of Suspense" geworden, genau wie der spektakuläre Selbstmord Plaths in die Deutung ihrer Gedichte stets mit reinspielt. Grausame Realität und blutige Phantasie treffen häufig aufeinander in den "Monster Poems".

An anderer Stelle teilen sich der filmische Serienmörder Freddy Krüger und der KZ-Folterer Josef Mengele die Massenmorde des 19. Jahrhunderts ("Widergänger"). Dazwischen stecken jede Menge Gruselfiguren aus dem Fernsehen, dem Kino und den eigenen Alpträumen. Auch weniger horrortaugliche Figuren wie Richard "The" Gere kommen drin vor, das blonde Gift von nebenan ("Evatar"), überfrachtete Babys und überforderte Eltern, die versäumten, sie an den richtigen Stellen einzuschmieren "mit Zeit und Geld", damit sie nicht auseinanderbrechen.

Der sprachliche Mix und stilistische Originalität sind Nora Gomringers Ding. Anglizismen? Nein. Hier wird gleich die ganze Sprache gewechselt. Sie hat sie vor Ort gelernt, die amerikanische Aussprache ist tadellos, als hätte sie die heiße Kartoffel noch im Mund. Die deutsche Sprache beherrscht sie sowieso. Ihr Vater selbst hat sie damals in den 1950ern noch einmal ein bisschen neu erfunden, als er die Poesie konkreter machte und damit das Genre weitete. Die Tochter hat gut geerbt, hat mit ihr, der Sprache, etwas gemacht, ein Buch danach benannt und nie wieder aufgehört, an ihr herum zuschrauben. Das aktuelle Ergebnis hat einen beeindruckend lebendigen Zeilengang, die Angst kommt mit der Pragmatik ins Geflecht, wird nicht selten übermannt und verliert den Schrecken. Noch öfter ist es andersherum.

"Monster Poems" wurde von der Autorin komplett auf Audio-CD eingesprochen, und so kann man sich abends, mit der Bettdecke überm Kopf, von Nora Gomringer in den Schlaf gruseln lassen. Denn es ist so, wie Michael Jackson, der Meister des fiktiven und später immer realeren Horrors, es in einem seiner Klassiker besang: "For no more mortal can resist / the evil of the thriller." Niemand kann ihm widerstehen, dem Bösen. Das war in den Märchen schon so und bei Dracula nicht anders. Also bleibt es auch in den schauderhaft-schönen Gedichten von Nora Gomringer.

Monster Poems von Nora Gomringer, 2013. erschienen bei Voland & Quist, 64 Seiten, 17,90 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2013

Juliane Hanka

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