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Romeo und Julia am Elbufer - Mark Knopfler macht Dresden für ein paar Minuten zum Elbverona

Romeo und Julia am Elbufer - Mark Knopfler macht Dresden für ein paar Minuten zum Elbverona

"Beginn pünktlich um 20 Uhr" steht auf der Eintrittskarte für das Konzert von Mark Knopfler. Und eine Minute nach 20 Uhr tritt Knopfler mit der legendären Fender Stratocaster auf die Bühne, macht eine kurze Geste, die halbwegs als Gruß durchgehen kann - dann legt der Mann, der Rockgeschichte geschrieben hat, mit seinen Musikern los.

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Er kann's noch immer, auch mit 63: Mark Knopfler, musikalischer Haudegen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Mit "What It Is", einer gemächlichen Ode an das raue und doch geschätzte Edinburgh vom 2000er-Solo-Album "Sailing To Philadelphia", geprägt durch folkloristisches Flötenspiel, verhaltenen Marschrhythmus und Knopflers typische Fingerzupftechnik. Das Lied besitzt die gleiche melodische Magie wie Klassiker "Sultans of Swing", verfügt über ein perlendes Leitmotiv, das sich nachhaltig in die Gehörgänge schraubt und geraume Zeit dort verweilt. Es folgt "Corned Beef City", eine countryeske Sicht aufs Trucker-Tagelöhnerleben on the road mit walzendem Groove und intensivem Slide-Guitar-Einsatz.

Nach drei Liedern verliert der mittlerweile 63-jährige stilprägende Gitarrist, Sänger und Komponist Knopfler dann doch ein paar Worte. Lobt Platz und damit verbundene Kulisse, verspricht einen langen Abend. Am Ende sollte die Spielzeit zwei Stunden, zehn Minuten betragen. Mission accomplished, Mission erfüllt. Es sei denn, man nimmt die drei Stunden zum Maßstab, die die nur geringfügig älteren Berufskollegen Springsteen oder Maffay bei ihren Konzerten jeweils in der Regel absolvieren.

Mit einem für Musiktraditionen brennenden Herzen spielt Knopfler, dieser altmodische Musikant im wirklich positivsten Sinne, sich bodenständig und unaufgeregt durch seine Lieder, die in drei, vier Strophen umfassenden Geschichten von kleinen Leuten mit großen Problemen erzählen. Schon jenen Zeiten, Ende der 1970er-Jahre, als in der Rockszene gerade der Punk explodierte (im Westen jedenfalls), lebte die Musik Knopflers aus einem Gefühl der Verlassenheit, der beinahe beiläufigen Virtuosität. Inmitten all der verschwenderischen Melodieseligkeit seiner Stücke dominiert eine lässige Ökonomie der Mittel. Show is' nich', aber die Fans kommen wegen der Musik, wissen es zu schätzen, dass fast eine Art lockere Session-Atmosphäre vermittelt, auf jegliche Form von Reizüberflutung verzichtet wird. Man folgt willig Knopflers vorexerziertem Berufsethos, auf jeglichen Anflug von Spektakel zu verzichten, auf dass nur ja nichts von der zentralen Botschaft - der Musik! - ablenkt.

Rock allein ist es beileibe nicht, dem der auf jegliche Star-Allüren verzichtende und sich dafür lieber als Gralshüter erzählbarer Geschichten erweisende Knopfler huldigt. Es ist ein Stil-Kollektiv, eine Mischung aus Celtic-Folk, Country, Cajun und Blues. Man wäre geneigt, von einer Weltmusik-Melange zu sprechen, aber andererseits ist der Sound hart, kommt sehr dröhnend und druckvoll daher - bis auf, keine Regel ohne Ausnahme eben, ein paar intime ruhige Momente. Da wäre etwa "Marbletown". In der Urversion knapp vier Minuten lang, weitet sich der auf Akustikbasis gestartete Blues-Shuffle zum gut zehn Minuten langen Improvisationsintermezzo, bei dem Glenn Worf am Kontrabass und John McCusker (bekannt auch aus der Battlefield Band) an der Violine sich gegenseitig die Bälle zuspielen wie Messi, Iniesta und Villa im Strafraum. Auch hat Knopfler Haudegen um sich versammelt, die ihr Handwerk verstehen, die auf einen Blickkontakt hin einsteigen in das Tiki-Taka der Töne. Zum Einsatz kommen - und zwar nicht zu knapp - Geige und Bouzouki, Tin Whistle und Uilleann Pipes (der irische Dudelsack also, der nicht mit dem Mund, sondern über einen mit dem Ellenbogen betätigten Blasebalg mit Luft versorgt wird). Schon vom Instrumentarium her ist also deutlich zu ersehen, dass keltischer Folk den Arrangements erheblich seinen Stempel aufdrückt.

Die sonore Stimme Knopflers haut nicht vom Hocker. Hat sie eigentlich noch nie. Trotzdem trifft Knopfler ins Herz all jener, die bereit sind, sich den Texten auszuliefern. Und das sind viele. Knopfler ist ein generationenübergreifendes Phänomen. Auch wenn das Gros des Publikums mit ihm in die Jahre gekommen ist, der Abend am Elbufer war deutlich mehr als nur eine Altherren-Mugge für Freunde des gepflegten Fingerpicking.

Am größten war der Jubel allerdings doch, als ein Klassiker wie "Romeo And Juliet" angestimmt wird. Da gingen noch mal so viele Handys zum illegalen Filmen in die Höhe, nahmen sich rechts und links zuhauf die Pärchen in den Arm, war Dresden für diesen Moment nicht Elbflorenz, sondern Elbverona. Wer befürchtet hatte, der Song sei abgenutzt, wurde eines Besseren belehrt. Das Lied berührt wie eh und je. Nicht minder Jubel brandete auf bei den ersten Tönen von "Telegraph Road", in dessen epischer Weite sich unbeschwerte E-Gitarren-Läufe zu einem Melodram verdichten. Es war das letzte Stück vor den beiden Zugaben "Shangri-La" und "Local Hero", dann hatte der wie im Flug vergangene lange Abend doch ein Ende.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2013

Christian Ruf

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