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Riesensaal ohne Flair - DNN-Rezensent Christian Ruf blickt auf die Dresdner Saison zurück

Riesensaal ohne Flair - DNN-Rezensent Christian Ruf blickt auf die Dresdner Saison zurück

Was war, was wird? Was war herausragend, wo konnten Erwartungen dagegen nicht erfüllt werden? Auch im Kulturbereich wird mittlerweile oft und gern nach Höhepunkten und Enttäuschungen gesucht, die eine Saison, ein Jahr, eine Spielzeit geprägt haben.

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Finnick (Sam Claflin) und Katniss (Jennifer Lawrence) im zweiten Teil der Trilogie "Die Tribute von Panem".

Quelle: Murray Close

Eine Aufgabe, der sich nun im Sommer in lockerer Folge auch Autoren der DNN-Kulturseiten stellen. Sie fassen ihre ganz persönlichen Favoriten und Impressionen zusammen, erzählen in komprimierter Form von ihren Eindrücken zwischen Bravos und Kopfschütteln. Es ist mehr ein Rück- als ein Ausblick, und er soll subjektiv und damit streitbar sein. Vielleicht ein Anlass, auch als Leser vor diesem Hintergrund sein ganz persönliches Resümee zu ziehen - oder sich bewusst mit dem Fazit unserer Autoren auseinanderzusetzen. Heute erinnert sich Christian Ruf.

Das herausragende Ereignis

Das waren für mich persönlich dann doch all die Bücher und Ausstellungen anlässlich des 300. Geburtstages von Friedrich dem Großen, dieser sicher umstrittenen, aber eben deshalb auch schillernden Persönlichkeit der Geschichte. Musikalisch war das Konzert von Bruce Springsteen in Leipzig kaum zu toppen, auch wenn ich von seinen Auftritten 1984 in Münchner Olympiastadion und 1995 im Dresdner Kulturpalast noch einen Tick mehr hingerissen war. Die Wiederaufnahme der "Lohengrin"-Inszenierung von Christine Mielitz in der Semperoper aus dem Jahr 1983 war ebenfalls traumhaft. So viele Jahre hat sie schon auf dem Buckel - und lässt doch so viele Regieoper-Arbeiten mit ihrem Billig-Effektgeheische ganz alt aussehen. Fasziniert hat mich insbesondere der Film "Samsara", diese bildgewaltige Meditation von Mark Magidson und Ron Fricke über den Kreislauf des Lebens. Ist leider außer mal in einer Sonntags-Matinee-Vorstellung in der Ufa sonst nie in Dresden gelaufen.

Überraschendster Künstler

Meine persönliche Neuentdeckung ist Krishna Das. Das ist ein Amerikaner, der sich seit den 1970er Jahren Kirtans, religiösen indischen Liedern, die die Namen Gottes preisen, verschrieben hat, mir aber trotz etlicher Indien-Touren bislang völlig unbekannt war. Was an CDs von ihm in einem Laden in Kathmandu da war, habe ich mitgenommen und höre sie immer wieder gern. Dann wäre das die zweiteilige großdimensionierte, kinetisch-interaktive Lichtskulptur, die Rosalie für die "Weltenschöpfer-Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste entworfen hat. Die "Helden" Wagners sind Torsi, als mediale Lichtinstallation im Raum schwebend, die über Sensoren mit live rekomponierten Musikfragmenten aus Wagners "Der Ring des Nibelungen" agieren. Angenehm im Gedächtnis geblieben ist auch die Lesung von Denis Scheck und Andreas Fröhlich bei Thalia Dresden. Der Literaturkritiker Scheck ist einfach beneidenswert eloquent und witzig. Und der Synchron- und Hörspielsprecher Fröhlich riss als deutsche Stimme von Gollum von den Sitzen.

Enttäuschte Erwartungen

Der so großspurig als "Riesensaal" apostrophierte große Saal im Schloss. Das ist keine "Rückkehr", sondern eine recht banal ausgefallene Neuschöpfung. Da möchte man einigen Jubelpersern doch zurufen: "Von den Polen lernen, heißt restaurieren lernen." Das nun als Stadtmuseum atmende Königsschloss in Breslau atmet Geschichte, hat Flair. Das hat das Teil von Peter Kulka im Dresdner Schloss nicht mal ansatzweise.

Das Konzertprogramm der Filmnächte ist befürchteter Weise mal wieder weitgehend überraschungsfrei. Ewig die selben - zugegebenermaßen umgehend ausverkauften - Stammgäste. Enttäuschend war auch die Wiederbegegnung mit James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner". Die erstmalige vollständige Neuübersetzung ins Deutsche raubte mir die aus Jugendtagen stammende Illusion, die Lektüre der Bücher Coopers sei denen der Schwarten Karl Mays vorzuziehen. Vor allem das simple Schwarz-Weiß-Zeichnen der Charaktere sorgte dafür, dass der Lack ab ist. Aber wie sagte Max Planck mal so schön: "Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts."

Was fehlte in der Saison?

Ich bin kein Rheinländer, halte aber einige Artikel des Rheinischen Grundgesetzes für gute Antworten auf diese Frage. Artikel 1: Et es wie et es. ("Es ist, wie es ist.") Das heißt: Sieh den Tatsachen ins Auge. Artikel 2: Et kütt wie et kütt. ("Es kommt, wie es kommt.") Füge dich in das Unabwendbare; du kannst ohnehin nichts am Lauf der Dinge ändern. Artikel 4: Wat fott es, es fott. ("Was fort ist, ist fort.") Jammer den Dingen nicht nach. Artikel 5: Et bliev nix wie et wor ("Es bleibt nichts wie es war.") Sei offen für Neuerungen. Artikel 11: Do laachs de disch kapott. ("Da lachst du dich kaputt.") Bewahr dir eine gesunde Einstellung zum Humor.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Auf das Festival "montalbâne", die Tage der mittelalterlichen Musik in Freyburg an der Unstrut im kommenden Juni. Waren dieses Jahr die Musikkulturen des mittelalterlichen Spaniens Schwerpunkt, also inklusive der jüdischen und vor allem muslimischen, so stehen 2014 Tarantellen aus Neapel und Balladen von den Höfen der Visconti oder Este im Fokus. Sehr gespannt bin ich auch auf den zweiten Teil der Film-Triologie "Hunger Games" (deutsch: "Die Tribute von Panem") mit der schauspielerisch einfach unglaublich guten Jennifer Lawrence in der Hauptrolle. Ist übrigens auch ein hübscher Seitenhieb auf die Rolle von Medien in einer Diktatur, die das Volk mit Spielen ruhigstellt - was lange gelingt.

Und dann wäre da der zweite Teil von Peter Jacksons Fantasy-Epos "Der Hobbit" nach dem gleichnamigen Buch von John R. R. Tolkien ab Dezember. Story, Bilder und Musik ziehen einen einfach in den Bann, sind ein Gesamtkunstwerk. Dagegen sind viele andere hochgejubelte Produktionen aus Deutschland oder Frankreich schlicht langweilig. Und ich denke, dass ich mit Sicherheit von Karl Marlantes neuem Buch "Was es heißt, in den Krieg zu ziehen" fasziniert sein werde, in dem es - wie ein Blick auf die Kapitelüberschriften zeigt - um "Lügen", "Treue", "Schuld" und auch "Heldentum" geht. Der Vietnam-Veteran hat schon in seinem Kriegsroman "Matterhorn" bewiesen, dass er gut schreiben kann, dass er bei seiner profunden Auseinandersetzung mit Gewalt nicht den Kick verschweigt, der neben der Angst mit einem Kampfeinsatz einhergehen kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.08.2013

Christian Ruf

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