Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Premiere des Dokumentarfilms „Wir sind Juden aus Breslau“ in Dresden

Lebenswege Premiere des Dokumentarfilms „Wir sind Juden aus Breslau“ in Dresden

„Wir sind Juden aus Breslau – Überlebende Jugendliche und ihre Schicksale nach 1933“ lautet der Titel eines Dokumentarfilms, der in ausgewählten Kinos hierzulande zu sehen ist. Bei einer speziellen Premiere am 18. Januar, 19 Uhr im Programmkino Ost sind die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies zu Gast.

Voriger Artikel
„Samson et Dalila“ an den Landesbühnen in Radebeul
Nächster Artikel
Erstmals in Dresden: Bundesjugendballett in der Semperoper

Gerda Bikales musste während der Nazizeit aus Breslau fliehen.

Quelle: Screenshot aus Film

Dresden. Der Jüdische Friedhof von Breslau (Wrocław) südlich des Stadtzentrums kommt Besuchern heute vor wie aus der Zeit gefallen. Er ist gespickt mit eindrucksvollen Steinmetzarbeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Friedhöfe oft Parklandschaften voller Kunstwerke waren. Auf den Grabsteinen stehen zuhauf Namen, wie sie für jüdische Familien in Deutschland typisch waren und die heute viele nicht mehr kennen: Grünberger und Glücksmann, Silberstein oder Honigmann. Ferdinand Lassalle, neben August Bebel und Wilhelm Liebknecht geistige Ahnherr der SPD, ist hier begraben. Während deutsche Friedhöfe nach 1945 systematisch eingeebnet wurden, hat der jüdische trotz weitgehend deutscher Inschriften die Zeiten überdauert und erinnert an eine mittlerweile weit entfernte Vergangenheit, in der Breslaus jüdische Gemeinde die drittgrößte im Deutschen Reich war.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die schlesische Industrie- und Kulturmetropole Breslau rund 25 000 jüdische Einwohner. Deren Gotteshäuser wurden in der NS-Zeit weitgehend zerstört – mit Ausnahme der Synagoge Unter dem Weißen Storch in der Breslauer Altstadt. Diese wurde 1827 bis 1829 nach Plänen des angesehenen Architekten und Baurats des Breslauer Magistrats Carl Ferdinand Langhans errichtet, dem Sohn des berühmten Carl Gotthard Langhans, der u.a. in Berlin das zum Nationalsymbol avancierte Brandenburger Tor erbaute. Um der Synagoge Unter dem Weißen Storch das Gepräge eines jüdischen Sakralbaus zu geben, hat Carl Ferdinand Langhans die Dekorationsmuster der korinthischen Pilasterkapitelle mit orientalisierenden Motiven wie Palmetten, Papyrus- und Akanthusblättern erweitert. Nach Jahrzehnten des Verfalls wurde die Synagoge umfassend saniert und steht seit 2010 Besuchern wieder offen.

„Wir sind Juden aus Breslau – Überlebende Jugendliche und ihre Schicksale nach 1933“ lautet nun der Titel eines Dokumentarfilms, der in ausgewählten Kinos hierzulande zu sehen ist. Bei einer speziellen Premiere am 18. Januar, 19 Uhr im Programmkino Ost sind die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies zu Gast und stellen sich Fragen des Publikums.

Filme, die das Schicksal von Überlebenden der Schoah dokumentieren, sind mittlerweile fast schon ein Genre für sich. Hier sind es 14 Zeitzeugen, die in den Fokus gerückt werden. Da wäre etwa Fritz Stern, geboren 1926 in der Stadt an der Oder, wo er das Maria-Magdalenen-Gymnasium besuchte. Im September 1938 gelang es seiner Familie, in die USA auszuwandern. Stern studierte an der Columbia University in New York Geschichte und war bis zu seinem Tod am 18. Mai 2016 ein sowohl in den USA als auch in Deutschland angesehener Historiker und Experte der deutschen Geschichte. Eine andere interviewte Zeitzeugin ist Anita Lasker Wallfisch. Die Cellistin ist eine der letzten Überlebenden des Frauenorchesters von Auschwitz-Birkenau. Im November 1944 wurde sie mit ihrer Schwester Renate in das KZ Bergen-Belsen verschleppt. Dort erlebte sie im April 1945 die Befreiung durch die britischen Truppen. 1946 wanderte sie nach London aus, drei Jahre später begründete sie das English Chamber Orchestra.

Deutlich wird, wie vielfältig die Lebenswege ausgefallen sind. Thematisiert werden der Verlust der Familie im KZ, Zwangsarbeit, Flucht, freiwilliger Kriegseinsatz wie auch die Versuche, sich andernorts ein neues Leben aufzubauen, ob nun in Israel (es gibt sogar eine melancholische Reminiszenz an den Idealismus der frühen Kibbuzim), England oder den USA. Einige der Interviewten nehmen sogar den Weg in die frühere Heimat auf sich, reisen ins heutige Breslau, wo sie einer deutsch-polnischen Jugendgruppe begegnen. Abraham Ascher, ein New Yorker Historiker, der 2006 eine Pionierstudie zur Geschichte der Breslauer Juden in den Jahren 1933–1941 veröffentlichte, tritt mit den Schülern auf jenen Balkon, von dem vor 80 Jahren Hitler zu jubelnden Breslauer Nationalsozialisten sprach.

Eine Rolle im Film spielt auch der Wiederaufbau einer jüdischen Gemeinde in Breslau. Diese Einbindung macht, so die Ankündigung zum Film, „die Fallhöhe deutlich, der Kontrast zum Vergangenen, zum unwiderruflich Verlorenen“. Heute im katholisch geprägten Breslau, gibt es gerade mal noch etwa 350 Angehörige der Jüdischen Gemeinde (Deutschland, zumal Berlin, ist für jüdische Migranten deutlich attraktiver), für die sich auch der amtierende Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz engagiert, wie der Film vermittelt. Das Breslauer Stadtoberhaupt verkörpert ein Gegengewicht zur neuen, nationalistischen und von einer durchaus breiten Gefolgschaft unterstützten Regierung in Warschau. Und was die Doku gleichfalls zeigt: Aufzüge von Nationalisten und Antisemiten beim Polnischen Nationalfeiertag – und eine Gegendemo, mit dem Stadtoberhaupt an der Spitze.

Premiere am 18.1., 19 Uhr, im Programmkino Ost

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr