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Premiere "Adieu, Herr Minister" auf dem Dresdner Theaterkahn

Premiere "Adieu, Herr Minister" auf dem Dresdner Theaterkahn

Ziemlich schick, aber eher ein bisschen clean als wirklich cool ist die Bleibe des Energieministers. Aber das ist nicht der Grund, dass er sich gerade gar nicht zu Hause fühlt.

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Zwei Pistolen, ein Problem: eine ominöse Frau (Beate Laaß, l.), ein Minister (Frank Sieckel), eine Prostituierte (Cornelia Kaupert).

Quelle: PR

Auch das Ego will sich aus dem Staub machen, fühlt sich nicht mehr wohl in dem korrekt, aber ein bisschen langweilig gekleideten Typen, der gerne so eine blasierte Überlegenheit zur Schau stellt. Kann den Anblick des eigenen Gesichts nicht mehr ertragen, das jetzt ständig auf allen TV-Kanälen zu sehen ist, nachdem der Herr Minister seinen Rücktritt erklärte. Weil er sich das schöne Architektenhaus (von denen eins aussieht wie das andere - Bühne: Tom Böhme) von der Baufirma hat sponsern lassen als Gegenleistung für reichlich öffentliche Aufträge und einer dieser miesen Journalisten dahinter gekommen ist und ihm zu allem Überfluss auch noch die Frau ausgespannt hat. Da bleibt nur noch der Griff zur Dienstpistole bzw. die Frage, wie man den Schuss am besten ansetzt.

Ein Psychodrama? Jedenfalls steht nun nach der "Grönholm-Methode" ein weiteres Stück des Katalanen Jordi Galceran auf dem Spielplan des Theaterkahns, und der Protagonist bekommt erst einmal mit, wie schwer es ist, eine derartig zugespitzte Situation glaubhaft über eine Rampe zu bekommen, hinter der die Erwartung eher auf Klamauk und Klamotte eingestellt ist. "Adieu Herr Minister" hat gerade erst in Darmstadt seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt, und Frank Sieckel muss bei seinem Brettl-Debüt schon einige Register ziehen, um am Ende nicht doch nur Erwartung und Vorurteile zu bedienen. Übersetzung (Stefanie Gerhold) bzw. Regie (Peter Kube) haben die Handlung in irgendeinem deutschen Ländle angesiedelt. Da heißt der Minister nicht nur Carsten, sondern auch noch Lusch, wird von keinem Personenschutz gestört, hat vorm Abdrücken alle Zeit der Welt, so dass ihm gerade noch die Nummer eines Callcenters einfällt, wo er sich zum ersten und letzten Mal im Leben eine Nutte bestellt. Doch ehe diese eintrifft, klingelt eine Frau, die sich als Mitarbeiterin der städtischen Gaswerke vorstellt (Beate Laaß) und ihm angeblich Sicherheitskappen für die Gasbrenner andrehen will, in Wahrheit aber ganz anderes im Sinne hat. Ebenso wie die Dame vom ältesten Gewerbe (Cornelia Kaupert), die ihre Dienstleistung dann doch nicht anbringen kann, ihre Vergütung umso resoluter einzutreiben weiß.

Da entpuppt sich das Ganze dann doch als Räuberpistole nahezu im Wortsinn, und noch deutlicher als bei der berühmten "Mausefalle" von Agatha Christie verbietet sich die Vorab-Enthüllung der Zusammen-hänge. Denn Galcerans Spiel mit Klischees und Vorurteilen läuft letztlich darauf hinaus, das kritische Urteilsvermögen nicht nur der Figuren, sondern vor allem des Zuschauers auf die Probe zu stellen - in einem Verwirrspiel zwischen Sein und Schein, in dem es vor allem um Scheine geht, in der jeder mit den ihm gegebenen Mitteln seinem Vorteil nachjagt und allen anderen etwas vorgaukelt. Das System der Korruption wird dabei weniger entlarvt als ein windig-gewiefter, zwischen Selbstmitleid und -überschätzung schwankender Charakter vorgeführt, dessen Gegenspieler auf den ersten Blick als vom wahren Leben Geschlagene erscheinen. Auf den zweiten geben sie eine kleinbürgerliche Möchtegern-Mafia, die in geradezu abenteuerlichen Konstellationen ein abgekartetes Spiel treibt, hinter dessen Widersprüche der Beobachter oft gar nicht schnell genug kommen kann, wenn da aus Rivalinnen Schwestern werden, ein dumpfer Ehemann Marko (Paul T. Grasshoff) zum Berufskiller mutiert - angeheuert, um sich selber umzubringen. Oder die "Ablöse" für sein eigenes Ausscheiden als Ehemann einzutreiben, die der schwer verliebte Minister zu zahlen bereit scheint, trotz eines sabbernden Schwiegervater-Krüppels (Dietmar Burkhard) als Dreingabe, der als Mitleidsgenerator die doppelt undankbarste Rolle zu spielen hat, so oft auch die Situation ins vermeintliche Gegenteil switcht, und das macht mühsam im Zaum gehaltene Wut mehr als glaubhaft.

Wem wird am Ende das mühsam Ersparte des Herrn Ministers wirklich zufallen? Wer mit dem letzten Vorhang auch nur diese Frage beantwortet sieht, dem ist nicht zu helfen.

Peter Kube hat gut daran getan, nicht nur den nackten Wahnsinn einer Klapptürenkomödie zu inszenieren, sondern auch etwas Distanz und einige Konkretheit des Anscheins zu bewahren. So behauptet das Stück, das sich (im Unterschied zur "Grönholm-Methode") scheinbar weniger mit Gesellschaftsanalyse als mit dem Eigenleben ausgeflippter Bühnenfiguren beschäftigt, am Ende doch seine Doppelbödigkeit und seinen Hintersinn. Und stellt offenbar auch jene zufrieden, die sich vor allem (und gern auf Kosten von denen "da oben") amüsieren möchten. nächste Aufführungen: 22., 24. Oktober

www.theaterkahn.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.10.2013

Tomas Petzold

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