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Poetischer Sommer im Societaetstheater nach Federico Garcia Lorca

Poetischer Sommer im Societaetstheater nach Federico Garcia Lorca

Wieviel Streit verträgt die Liebe? Wieviel Masken braucht der Hass? Das diesjährige Sommertheater, mit dem die Gruppe Dramaten seit vorigem Freitag im Societaetstheater gastiert, gibt darauf zwar keine Antworten, dürfte aber beim Publikum neben kräftigem Unterhaltungswert auch derlei nachdenkliche Fragen auslösen.

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Die sehnsüchtige Schustersfrau und ein Knabe als einziges Wesen, das unverstellt lieben und zuhören kann: Kathleen Gaube (l.) und Katja Lawrenz.

Quelle: Detlef Ulbrich

Und doch ist es kein schwermütiges Stück, das man sich da in den Garten geholt hat (bei schlechtem Wetter wird im Gutmann-Saal gespielt), sondern die pure Poesie einer "tollen Volkskomödie".

Federico Garcia Lorca hat "Die wundersame Schustersfrau" mit komödiantischer Leichtigkeit geschrieben, die nur scheinbar seicht unterhaltsam ist. Denn er hat darin durchaus jene Blutrünstigkeit vorweggenommen, mit der ihn die Franco-Faschisten nur wenige Jahre später als einen der wichtigsten und kritischsten spanischen Autoren auslöschen sollten. Sein Leichnam ist bis heute unauffindbar. Allerdings ist hier (noch) nicht die diktatorische Gewalt angeprangert, deren Regime allein in Spanien zigtausende Menschen zum Opfer fielen, sondern die hintergründig versteckte Mordlust vom gierigen Nachbarn nebenan. Das macht dieses Stück zeitlos und trägt dazu bei, dass es im Grunde überall auf der Welt funktioniert. Denn wie schnell werden als kultiviert geltende Menschen wieder zu bigott religiösen Triebtätern?

Das Stück, dem der Dresdner Komponist Udo Zimmermann übrigens 1982 mit seiner gleichnamigen Oper im hiesigen Sprachraum zu neuer Popularität verhalf, fängt seine Welthaltigkeit an einem spanischen Dorfplatz ein, in einer Schusterwerkstatt, die zwischenzeitlich zur Schenke mutiert. Denn der Schuster, ein alter Junggeselle, der erst sehr spät geheiratet hat, ist von seiner streitsüchtigen jüngeren Frau bald derart genervt, dass er nicht länger bei seinen Leisten bleibt, sondern das Weite sucht. Dabei hatte er die junge Schöne doch so sehr geliebt. Die ist fremd am Ort, wird von den eingesessenen Weibern angegiftet und von deren Mannsbildern begafft und begehrt. Für eine Weile gefällt sie sich in dieser Sonderrolle und kokettiert damit, doch schon sehr bald wünscht sie sich nichts lieber als die krude Normalität. Und vor allem den Liebsten, egal, um wie viele Jahre älter er ist. Denn nun spürt sie, dass die Liebe eine gemeinsame ist.

Dramaten-Regisseur Volker Metzler hat dieses Volksstück durchaus komödiantisch angelegt, ohne jedoch vordergründig auf Witz und Komik zu setzen. Er braucht auch als Ausstatter nur wenige Requisiten, um einen Hauch von Exotik entstehen zu lassen. Hier ein Paar Schuhe, da ein paar Blumen, überall unechte Bärte, mal einen ausgestopften Bauch, dann Hosenrollen, dicke Zigarren und falsche Brüste. Vor allem aber darf er sich auf engagierte Protagonisten verlassen. Kathleen Gaube als wirklich wundersame Schustersfrau betört nämlich nicht nur ihren Mann und diverse andere Galane, sondern auch das weibliche (ihr private Taschentücher spendierende) und männliche (sich auf Befehl teilweise von den Plätzen erhebende) Publikum. Michael Heuser als Schuster ist so kauzig, wie er unverstellt ehrlich ist. Das spielt er selbst in seiner Verwandlung als Spielmann, der eine Moritat seiner selbst präsentiert, die der einsam gewordenen Schusterin so sehr zu Herzen geht, dass die Liebe zum Ehemann schier neu entflammt.

In behutsamen Extempores wird mal darauf hingewiesen, dass der Kaffee "aus Togo" kommt und immer mal wieder das Publikum mit einbezogen wird. Manch ein Satz klingt auch bloß so, als wäre er für Dresden nachträglich bearbeitet: "Die Amtspersonen hier im Ort sind alle Dummköpfe, Schlappschwänze und Hampelmänner." Damit ist der dicke Dorfbürgermeister gemeint, der sich seiner vier Verflossenen brüstet, vor Geilheit schier platzt, aber wenn es ihm passt, dennoch auf die Moral pochen will. Wolfgang Boos spielt diesen Part ebenso wie eine Reihe andere in raschem Kostümwechsel wunderbar überzeichnet und kommt damit bestens beim Publikum an. Eine Sonderrolle an Poesie trägt Katja Lawrenz als Junge im Matrosenanzug bei, scheinbar das einzige Wesen, das unverstellt liebt und noch zuhören kann. Dramaturgin Franziska Fuhlrott gibt nobel die spanische Grande; fünf Darsteller in gut einem Dutzend Rollen - sie werden Lorca gerecht, spiegeln den Stand des Dramaten-Projekts und garantieren den Gästen im Garten nicht zu lau unterhaltsame Sommerabende.

Michael Ernst

nächste Aufführungen: heute, 27. und 30.6., jeweils 20 Uhr

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2012

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