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Poet Fouad EL-Auwad in Dresden: Die Westpolitik gegenüber Syrien ist unglaubwürdig

Poet Fouad EL-Auwad in Dresden: Die Westpolitik gegenüber Syrien ist unglaubwürdig

Zwischen kehligen Konsonanten lässt er die Vokale lang tönen. Mit der Stimme von Fouad EL-Auwad bekommt die Poesie des Arabischen den Klang einer geheimnisvoll anmutenden Musik.

Für Gedichte wie dieses, das er zu Beginn seiner Lesung im Dresdner Stadtmuseum in Originalsprache vorträgt, findet der 1965 in Damaskus geborene, heute in Aachen lebende Autor seit Monaten kaum Zeit. "Ich schreibe mehr politische Beiträge als Literatur", berichtet er.

Sorge um Syrien, sein Heimatland, treibt ihn um. Fast täglich telefoniert er mit Schwester und Brüdern, die in Damaskus leben. Manchmal hört er im Hintergrund Schüsse und Schreie. Als es mit friedlichen Demonstrationen gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad begann, sei es auf den Straßen noch um Demokratie gegangen, sagt er. Doch mittlerweile hätten Islamisten in den Oppositionsgruppen das Sagen. Unterstützt von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei, auch mit Waffen. "Es ist ein religiöser Krieg geworden."

Auch ein Stellvertreter-Krieg zwischen den USA und Russland. Leidtragende sind die Minderheiten, darunter die rund zweieinhalb Millionen Christen, reichlich zehn Prozent der Bevölkerung. Fouad EL-Auwad gehört zu ihnen. Weil sie sich den muslimischen Kämpfern nicht anschließen, werden Christen von den Rebellen pauschal zu Anhängern Assads erklärt. "Deswegen beschießt diese sogenannte Opposition immer wieder willkürlich christliche Viertel in Damaskus. Friedhöfe wurden geschändet, Kirchen bombardiert - nur weil sie christlich sind." Jahrhunderte lang hätten Muslime, Juden und Christen friedlich zusammengelebt, alle genossen Religionsfreiheit. "Auf einmal kämpfen sie gegeneinander."

Das Problem im Orient, meint Fouad EL-Auwad: "Religion ist tief in der Gesellschaft verankert." Aus dieser Erfahrung heraus ist er zu der Erkenntnis gelangt: "Alle Religionen sind undemokratisch, weil sie den Glauben an einen einzigen Gott vertreten. Also kann man nur eines sein: entweder Demokrat oder religiös. Ich bin Demokrat." Seine eigene christliche Religion versteht er lediglich als kulturelle Identität.

Das gibt ihm die Freiheit zum künstlerischen Spiel mit christlichen Elementen. Zum Beispiel in seinen "elf Geboten", in denen es heißt: "Du sollst nicht denken", "dich nicht verirren", "nicht erinnern", "nicht vergessen" oder "nicht enden". "Dürfte ein Muslim so etwas?", fragt er. In seinen Versen finden wir das "Licht der Schwärze". Da altern Mythen wie Bäume, errichtet er einen "Hügel der Philosophen", Zöpfe werden aus der Zeit geflochten, aus Blitzen Teppiche gewebt. In dichten Naturmetaphern geht es um Simulation des Eigentlichen, um Angst, Unheil, Geschichte oder Wahnsinn. Er preist Lebensfülle, Sinnlichkeit, die Schönheit des weiblichen Körpers. "In solch schwierigen Zeiten sollte man am besten Liebesgedichte lesen", sagt er.

Die Diskussion um ein militärisches Eingreifen des Westens nach vermuteten Chemiewaffenangriffen hält er für unglaubwürdig. "Was hat es mit Verteidigung der Demokratie zu tun, wenn man nur kurz eingreifen will, aber Assad an der Macht lässt? Was wollen sie denn bombardieren?" In den Monaten vor den angeprangerten Chemiewaffeneinsätzen seien möglicherweise hunderttausend Menschen gestorben. "Warum hat da niemand eingegriffen?" Wer wirklich Frieden wolle, müsse zuerst die Grenzen dicht machen für Waffenlieferungen. Doch angesichts der internationalen politischen Entwicklungen sieht er wenig Hoffnung. "Ich rechne damit, dass es noch schlimmer wird."

Bittere Zeiten für Poesie. Dennoch. Am Ende fragt ein Zuhörer Fouad EL-Auwad, was er zu Beginn auf Arabisch vorgetragen habe. Der antwortet: "Ein Liebesgedicht."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.09.2013

Tomas Gärtner

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