Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / -2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Peter Herrmann wird 80 Jahre

Dresdner Künstler Peter Herrmann wird 80 Jahre

Der Dresdner Maler Peter Herrmannn wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Aktuell sind seine Werke in der Galerie Poll in Berlin zusehen. Ende des Jahres widmet sich die Galerie Ines Schulz in Dresden dem Künstler in einer Ausstellung.

Peter Herrmann: Zwei Maler und ein Hund, Öl auf Leinwand, 2012.

Quelle: Repro Galerie Ines Schulz

Dresden. Nur wichtige Bilder sind künstlerisches Ereignis und zeitgeschichtliches Zeugnis zugleich. Zu diesen raren Ausnahmen gehört Peter Herrmanns „Meine Freunde“, 1976 im Jahr der Biermann-Ausbürgerung entstanden und durch Geschick bereits in der DDR in die Sammlung des Cottbuser Museums gelangt. Es zeigt eine Gruppe Unverwechselbarer, bärtig, rauchend, nonkonform. Ihr Ort erscheint als eremitische Behausung, fast eine Malerhöhle, wo sie sich unter „russischer Beleuchtung“ im kargen Atelier zur Gemeinschaft vereinen.

Eine Atmosphäre zwischen französischer Bohème und osteuropäischer Dissidenzkultur, zweckfrei, l’art pour l’art, der gelebte Gegenentwurf zur Präsentationsästhetik der Kollektivmaler des Sozialismus. Ihr Magier, Jürgen Böttcher-Strawalde, zeichnet mit demonstrativer Souveränität seine utopische Visionen gleichsam mit dem Zauberstab in die stickige Luft (oder ist es ein maßstabsvergrößerter Zigarillo?). An seiner Seite drei Dresdner Maler, welche die tumbe Zukunftsrhetorik der Genossen mit der melancholischen Liebe zur großen Infragestellung der Moderne tauschten. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes sind diese längst Avantgardisten ihrer Zunft und lauschen doch mit ernsthafter Konzentration dem ideenreichen Gefährten – es sind Peter Graf, Eberhard Göschel und eben Peter Herrmann.

Peter Herrmann hat die selbstbestimmte Gemeinschaft der Malerfreunde stets als lebensbereichernd begriffen. Das schloss Konflikte nicht aus, sondern machte diese erst wertvoll. Immer wieder hat er die Künstlerfreunde, dabei ein Bildmuster der Romantik variierend, gemalt und diesen Freundschaften in stilvoll zelebrierten Künstlerfesten einen Rahmen der Erinnerung geschaffen. Solcherart erprobte Integrität und Moralgesinnung sind sicher keine ästhetische Wertkriterien, gewiss.

Aber im Fall des Malers Peter Herrmann, dessen 80. Geburtstag zum Anlass einer der seltenen Statusanzeigen einer starken und heute vollends zu Unrecht in der alten Heimatstadt marginalisierten Dresdner Künstlergeneration wird, zeigt eben auch, dass Kunst und Moral sich nicht ausschließen müssen. Ja, man könnte sogar behaupten, dass sie sich in diesem Werk geradezu bedingen, steigern und im wahrsten Wortsinne aufrecht Zueinanderstehen.

Der „aufrechte Gang“, mit dem Volker Braun, ein anderer Dresdner, den Sozialismus zur lebbaren Lebensform der Massen formen wollte, ist eine schwer zu erlangende Fortbewegungsart, heute wie damals. Für Peter Herrmann galt die geerdete, bodenständige und selbstbewusste Weltaneignung hingegen von Anbeginn als gegebene Lebensform. Schon als Kind kam der am 18. Mai 1937 in Großschönau Geborene, katholisch von der Mutter erzogen, mit der Kunst in Berührung. Das Arbeitszimmer seines Großvaters in der Dresdner Hans-Sachs-Straße 17, einem Porzellanmaler, bei dem die Familie nach der Flucht nicht willkommen, aber doch untergekommen war, wurde zum Ort ersten suggestiven Staunens, dass bis heute im künstlerischen Werk prägend geblieben ist. Nicht das Pathos eines „Jahrhundertschritts“ à la Mattheuer, nicht der kühl-analytische Zugriff auf Themen und Bildpersonal konnte so zu seinem künstlerisches Thema werden.

Gegen das Konstrukt einer Ideen- oder Floskelmalerei setzte Peter Herrmann die Poesie des Urbanen und die Welt fantastischer Eigenwelten. Am Anfang waren es eher stille (Alp-)Traumbilder, Fluchtszenen und Trümmerlandschaften, die er den Momenten des deutschen Traumas widmete. Dieses hatte er 1944, als Siebenjähriger auf der Flucht von Breslau nach Dresden, wenig später dort in der Bombennacht des Infernos selbst erlebt. Die Skepsis gegenüber den politischen Mächten verstärkte sich in einer ungeliebten Lehre zum Chemiegraphen, dem Beruf des Vaters, die er kündigte, als der Betriebsleiter seine Bewerbung zum Kunststudium vor aller Augen demonstrativ mit den Worten zerriss, so ein Element wie Herrmann müsse sich dieses Privileg erst hart erarbeiten.

Was danach kam, ist längst kanonisierte Kunstgeschichte: Der legendäre Volkshochschulkurs 1953 mit Strawalde, bei dem er Ralf Winkler (A.R. Penck), Winfried Dierske, Peter Makolies und die bereits im Gruppenbild gewürdigten Personen kennenlernte, wurde zum Kristallisationskern der rebellischen Dresdner Maler, die zumeist Autodidakten blieben und den Kunstbetrieb der DDR herausforderten. Bereits 1961 in einer Ausstellung in der Ostberliner Akademie der Künste, spätestens aber mit ihrer Gruppenschau 1965 im Puschkin-Haus, wurden Peter Herrmann und sein Freundeskreis zu inkriminierten Wiedergängern der Moderne, die sich fortan allen Spielarten staatlicher Repression zu erwehren hatten. Die Freunde versuchten dies keinesfalls mit konspirativer Abschottung, sondern mit einer ins Offene zielenden Spannkraft. Von ihrem Nimbus, ihren Ausstellungsformaten (etwa im Leonhardi-Museum), ihren taktisch-gewitzten Unterwanderungsversuchen des Offiziellen (wie bei der Obergrabenpresse) profitierte die Dresdner Kunstszene bis weit in die 1980er Jahre hinein. Irgendwann kippte aber das Schwarz in die Bilder – 1980 musste Penck seine Bilder auf den LKW Richtung Westen packen. Viele folgten und auch Peter Herrmann verließ im Januar 1984 das geliebtes Elbtal, wo er seinen Rotwein bei den verdutzten Kellnern auf Französisch bestellt hatte.

In seiner neuen Stadt, in Berlin, musste man nicht lange auf eine authentische Fortsetzung der erprobten Lebensform warten. Größere Stadtquartiere, Details (...die Berliner Köter) und neue Freunde traten hinzu, so als wäre alles in gewisser Weise ganz folgerichtig verlaufen. Seinen in Dresden entwickelten Bildthemen blieb Peter Herrmann weitgehend treu: urbane Stadtszenen, berührende Elternbildnisse und wieder der Topos unverstellter Freundesbilder finden sich neben gewürdigten Momenten seiner vitalen Reiselust; vieles nun auf größere Leinwände mit aufgehellter Palette gebracht. Das sich jetzt ins Bild drängende „Luftige seiner Farbigkeit“, so brachte es Hans-Hendrik Grimmling auf den treffenden Punkt, einer der ebenfalls aus der DDR vertriebenen und wohl unerwarteten neuen Malerfreunde in Westberlin, „sind bei Peter Herrmann immer hingebungsvolle Formulierungen großer Kleinigkeiten“.

Aktuelle Bilder von Peter Herrmann sind noch bis zum 3. Juni zu sehen in der Galerie Poll, Berlin, Gipsstr. 3, geöffnet Di-Sa 12-18 Uhr

Ausstellung „Bilder“ vom 19. Oktober bis 18. November in der Galerie Ines Schulz

Von Paul Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr