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Performance „Kill your...“ auf beweglicher Bühne

Festspielhaus Hellerau Performance „Kill your...“ auf beweglicher Bühne

Im Rahmen der Ausstellung „Rekonstruktion der Zukunft – Raum, Licht, Bewegung, Utopie“ im Festspielhaus Hellerau stellten Cindy Hammer, Johanna Roggan, Anna Till und Joseph Hernandez ihre Performance „Kill Your...“ im rekonstruierten Saal von Adolphe Appia vor.

Performance „Kill your...“ auf beweglicher Bühne

Quelle: Stephan Floß

Dresden. „Als 1911 der Theaterreformer Aldolphe Appia, der Rhythmiker Émile Jaques-Dalcroze, der Architekt Heinrich Tessenow und der Künstler Alexander von Salzmann in Hellerau zusammentrafen, schufen sie mit dem Großen Saal des Festspielhauses den Idealraum für das Theater des 20. Jahrhunderts. Die von Appia aus flexiblen Elementen konstruierte Bühne und von Salzmanns schattenfreier Lichtraum eröffneten ganz neue Ausdrucks- und Inszenierungsmöglichkeiten“, heißt es in der Ankündigung zum Projekt „Rekonstruktion der Zukunft – Raum, Licht, Bewegung, Utopie“ in Hellerau. Und man kann dies weiter führen, denn mit der Auflösung der Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum war es auch möglich, Theaterformen in allen Genres zu entwickeln, die bis heute in zeitgemäßen, vor allem in performative Formen, angewendet werden. Für zwei Abende gehörte dieser Raum mit seiner „Rekonstruktion der Zukunft“ drei Tänzerinnen und einem Tänzer der Dresdner Freien Szene. Zur Uraufführung kam die Performance „Kill Your ...“ von Cindy Hammer, Johanna Roggan, Anna Till und Joseph Hernandez.

Zunächst aber kann man sich, wenn man diesen Raum betritt, schon fragen, das soll es sein? So sieht diese „Rekonstruktion der Zukunft“ aus? Aber schon sind diese Gedanken weg, gekillt eben, man wird sofort zum Teil dieses Raumes, betritt zunächst diese Bühne selbst, bewegt sich zwischen dieser strengen, auch labyrinthischen weißen Landschaft aus Podesten und Treppen, um sich erst dann in die Zuschauerreihen zu setzen, umgeben von weißen Stoffwänden.

Die beteiligten Künstler bringen beste Voraussetzungen für dieses Projekt mit: Cindy Hammer hat gerade ein dreiteiliges Projekt abgeschlossen, in dem sie sich mit Filmgenres beschäftigt; Johanna Roggan erhielt vor einem Monat in der Semperoper den Förderpreis des Sächsischen Tanzpreises für ihre genreübergreifende Auseinandersetzung mit aktuellen Themen „Das Eigene I Heimat“; Anna Till hat sich mit der Berliner Tänzerin Christina Ciupke in dem Projekt „undo, redo and repeat“ wichtigen Protagonisten der deutschen Tanzgeschichte gewidmet; Joseph Hernandez ist Solist im SemperoperBallett, Choreograf und Performer, jüngst war seine außergewöhnliche Choreografie zu Musik von John Cage anlässlich der Dresdner Ausstellung über den Mystiker Jacob Böhme zu erleben.

Zunächst bewegen sie sich tastend, so wie das auch die Blicke der Zuschauer tun. Dann nimmt man sie immer stärker wahr, ihre körperlichen Dialoge, ihre Korrespondenzen zu diesen Formen der Elemente der Appia-Bühne, zur Höhe, zur Weite, immer wieder auch zum Boden. Sie erkunden die Geheimnisse, das Labyrinthische, sie verschwinden, dann sieht man nur eine Hand, einen Fuß, einen Kopf, einen Rücken, bevor sie dann wieder da sind. Man mag auch Zitate aus der Entwicklung des modernen, freien Tanzes, am Ort des Ursprunges wahrnehmen. Sie führen stille Dialoge. Anna Till aber, in so humorvoller wie ironischer Moderation, erläutert mit Angaben der Höhe von Podesten, Anzahl der Stufen und Hinweisen auf das Material die technischen Einzelheiten, frei nach dem Motto: Glotzt nicht so romantisch! Die anderen nehmen einander Bewegungsthemen ab und variieren sie. Das ist spannend, denn da entstehen aus dem Nichts poetische Bilder.

Die Künstler reagieren aufeinander, miteinander, sie nehmen die Klänge und Rhythmen des sensiblen Sounds der Musik von Johannes Till auf, korrespondieren mit den Lichtstimmungen von Falk Dittrich in der landschaftlichen Anordnung der Bühnenelemente der französischen Künstler Yannick Cosso und Jordan Pallagès: Diese Landschaft lebt, das Weiß hat Farben, man sieht auf einmal nicht Treppen und Podeste, sondern Täler und Hügel, Himmel und Erde.

Und dann sind sie da, diese Momente der Freiheit. Immer wenn es den Künstlern gelingt, den Zuschauer visuell in ihre Kommunikation mit einzubeziehen. Da ist sie, diese Kraft der Stille und der Konzentration, die Ahnung davon, wie wichtig es ist, für Momente den Alltag zu verlassen, um dann wieder zurückzukehren. Genau das machen Cindy Hammer, Johanna Roggan, Anna Till und Joseph Hernandez ganz humorvoll, am Ende. Rhythmische Gymnastik, eine Endlosschleife, wenn eine Utopie zur Methode wird, ist der Moment gekommen, in dem man denkt, so jetzt reicht es aber. Und genau in diesem Moment geht das Licht aus.

Das von Hector Solari kuratierte Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“, mit Ausstellungen, Installationen, Internationalen Gastspielen und Uraufführungen geht bis zum 11. November.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind jeweils eine Stunde vor und nach der Veranstaltung sowie ab sofort freitags und samstags ab 15 Uhr und am 11. November zur Langen Nacht im Festspielhaus bis Mitternacht.

Informationen zum Programm: www.hellerau.org

Von Boris Gruhl

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