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"Pegida ist keine Naturkatastrophe, die man hinnehmen muss"

Volker Lösch im Interview zu "Graf Öderland" "Pegida ist keine Naturkatastrophe, die man hinnehmen muss"

Regisseur Volker Lösch inszeniert am Dresdner Staatsschauspiel "Graf Öderland" mit Texten von Pegida-Kundgebungen. Im DNN-Gespräch berichtet er über die Arbeit am Stück, seine Erfahrung mit Rassismus in Dresden und die Rolle der CDU.

Quelle: Archiv

Dresden. Sie inszenieren Graf Öderland von Max Frisch am Staatsschauspiel. Der Untertitel lautet „Wir sind das Volk“. Gibt es einen Bezug zur aktuellen Situation in Dresden?

Wir haben für die Inszenierung mit Pegida-Anhängern gesprochen. Passagen aus den Gesprächen sowie Zitate aus diversen Reden fließen in die Bühnentexte ein. Außerdem gab es intensive Gespräche mit den beteiligten Schauspielern und dem Team über ihr Lebensgefühl aktuell in Dresden. Wir haben auch mit einem syrischen Flüchtling gesprochen.

Ist das Phänomen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein Neues in Dresden?

Schon 2007 war das Thema für uns am Staatsschauspiel. In diesem Jahr habe ich „Woyzeck“ von Georg Büchner inszeniert, wir haben vorher das Publikum per Fragebogen unter anderem über seine Erfahrungen mit Ausländern befragt. Es war schon damals erschreckend, was für Antworten wir bekamen. Die „nettesten“ waren noch die unreflektiert-naiven Antworten wie „Ich habe gute Erfahrungen mit Ausländern gemacht, vor allem beim Döner auf der Rothenburger Straße.“ Damals war der deutlich spürbare Extremismus der Mitte noch unter der Oberfläche, war auf die Ränder der Stadtgesellschaft beschränkt. Jetzt ist das Eis gebrochen - und die offen geäußerten Ressentiments werden von einer breiter Basis toleriert.

Wo sehen Sie die Ursachen für den ungebrochen hohen Zulauf bei der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung?

Zunächst einmal gibt es die nicht spezifischen Gründe, die für ganz Deutschland gelten : es gibt kein wirksames Gegenkonzept zum Neoliberalimus, der die Kluft zwischen arm und reich immer größer werden lässt und immer mehr Zukunftsängste schafft - Ängste davor, abgehängt zu werden. Diese Ängste äußern sich dann in Wut, die sich gegen vermeintlich Schuldige wendet : Flüchtlinge, Politiker, Linke und die sogenannte "Lügenpresse". Und dann gibt es die lokalen Besonderheiten  Dresdens Stadtpolitik, Dresdens Bürgerschaft und die Geschichte Dresdens.

Die Dresdner CDU wirbt immer wieder für einen Dialog mit den Pegida-Anhänger. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Das ist doch pure Heuchelei. Das hätten sie mal vor einem Jahr machen sollen, als die Fronten noch nicht so verhärtet waren, aber auch da haben sie es nicht ernsthaft betrieben. Die CDU spielt hier eine unsägliche Rolle. Erst vermittelt sie seit vielen Jahren ihren völlig undifferenzierten Standpunkt  „Alles, was nicht CDU ist ist links, und damit schlecht und nicht wählbar“, und macht damit jede Form von Kritik und politischem Dialog im  Ansatz zunichte. Und dann verhält sie sich passiv zu den durch diese Politik mit verursachten Zuständen: Es ist ein Skandal, dass sich die CDU nicht an den Gegen-Demos zu Pegida beteiligt. Sie gibt der Öffentlichkeit damit das Signal: "Es ist völlig in Ordnung, dass mitten in unserer Stadt jede Woche rassistisch und fremdenfeindlich gehetzt wird. " Das ist keine Politik, das ist eine Bankrotterklärung.

Das Staatsschauspiel und Sie zeigen seit Monaten klare Kante gegen Fremdenhass und Rassismus. Gibt es dafür Reaktionen?

Das Theater hat schon böse Mails und die obligatorischen „Wir kriegen euch alle“ - Briefe bekommen. Am Rande der Demos sind wir beschimpft worden, und es wurde auch schon mal Kolleginnen ins Gesicht gespuckt. Alles in allem sind die Reaktionen aber größtenteils zivil.

Wie lange wird Pegida noch durch Dresden laufen?

Die Bewegung wird sich so lange halten, wie die Stadt, wie die Öffentlichkeit mehr oder weniger passiv bleibt. Pegida ist aber keine Naturkatastrophe, die man einfach so hinnehmen muss. Rausgehen und sich dagegen wehren!

"Graf Öderland" hat am 28. November Premiere am Staatsschauspiel Dresden

Interview: Julia Vollmer

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Nein, Öderland will Regisseur Volker Lösch nicht im Elbtal bei Dresden verorten. Öderland ist vielmehr ein Synonym für Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, das nicht die Freiheit ermöglicht, die man sich erträumt.

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