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Pankow ehrt Künstler Detlef Schweiger

Freitag im Schlachthof Dresden Pankow ehrt Künstler Detlef Schweiger

Für Detlef Schweiger schließt sich beim Konzert von Pankow ein Kreis, dessen Umlauf drei Dekaden dauerte. Denn er ist nicht nur Ehrengast und Gestalter des legendären Amiga-Aufruhr-Covers. Nein – er erhielt nun, dreißig Jahren später, auch den Auftrag für die aktuelle Live-Doppel-CD – und wählte dafür eine Anlehnung ans Original.

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Detlef Schweiger mit dem „Aufruhr“-Logo in äußerst passender Verwendung

Quelle: Judith Schweiger

Dresden, . Keiner kann dies dem Ossi mit der Gnade der genauen Geburt nehmen: jene Euphoriephase kurz vor der eigentlichen Wendezeit – ein kurzes wie prägendes revolutionäres Strohfeuer, das heute die relative Gelassenheit vor den kommenden Transformationen begründet. Gemeint ist jene Millisekunde der Weltgeschichte, als die aktive Minderheit jener meist jungen DDR-Bürger – für die der praktizierte Sozialismus zu eng wurde, aber der Westen und dessen klebriger wie bedrohlicher Kapitalismus keine derartige Alternative bot, die stark genug wäre, die Heimat zu verlassen – an eine bessere Zukunft dank eigener Hände Arbeit glaubte.

Ein ganz wichtiger Input in jener Zeit kam von der Ostberliner Rockband namens Pankow und deren Scheibe „Aufruhr in den Augen“, die anno 1987 von Amiga produziert und 1988 herausgegeben wurde. Denn alle, die Anfang Oktober 1989 in der harten Phase, als es noch lange nicht um Helmut und dessen Mark, sondern erst einmal um Demonstrations-, Presse- und Reisefreiheit (in dieser Reihenfolge!) ging, auf der Straße waren, sind ähnlich André Herzberg und Jürgen Ehle draußen rumgerannt und haben eindeutig „Dasselbe Land zu lange gesehn, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt.“ An den verschmitzten Tränen und der Emphase beim Mitsingen dieser Zeile wird man am Freitag im Alten Schlachthof den echten Wendeossi erkennen – darunter auch Detlef Schweiger.

Für den schließt sich beim Konzert von Pankow ein Kreis, dessen Umlauf drei Dekaden dauerte. Denn er ist nicht nur Ehrengast und Gestalter des legendären Amiga-Aufruhr-Covers. Nein – er erhielt nun, dreißig Jahren später, auch den Auftrag für die aktuelle Live-Doppel-CD – und wählte dafür eine Anlehnung ans Original. „Entsprechend ihrer eigenen Ambitionen sehen die Protagonisten eher alterswürdig aus“, schmunzelt der Künstler. Die neue Gestaltung – mit 12-seitigem Booklet in edlem Digi-Pack – sei dabei viel aufwändiger als damals.

Schweigers doppelter Weg auf Pankows Cover bedurfte einer jener Biografien, die man keinesfalls als üblich, aber angesichts der Brüche und Wendungen doch als typisch bezeichnen kann. Schon in der EOS-Zeit, später in der Armeezeit, bemalte er alles, was sich anbot. So auch ganze Jugendzimmer. Zum Studium ging er nach Berlin an die Humboldt-Uni, weil dort die Koryphäen lehrten. Er studierte Kunstpädagogik und Gestaltungstheorie. 1983 hatte er sein Lehrerdiplom, blieb aber als Forschungsstudent in Berlin und widmete sich Malerei und Grafik.

Dann ereilte ihn das verbohrte System: Er sollte als Reserveunteroffizier Studentinnen im Katastrophenschutz striezen – schon die Schulung dazu geriet zur Farce, weil es nur Beschäftigungsshow sein sollte. „Ohne mich“, sagte er – und flog 1986 raus aus Uni samt Karriere und ging zurück nach Dresden.

Dort wurde er – dank Fürsprechern wie Peter Graf und Eberhard Göschel – Mitglied im Verband der Bildenden Künstler des Bezirkes, er wurde als Autodidakt Freiberufler. Damals war das exotisch, aber schnell eröffneten sich ob der Qualität der Kunst neue Wege und Zugang zur bekannten Leipziger Galerie „Eigen+Art“. Damals auch noch mit großen Ölgemälden, so wie Neo Rauch. „Aber Expressionismus! Ich hatte verschiedene Phasen und probiere ständig Neues aus“, erklärt Schweiger. Derartig skribbelte er zuvor auch bei den Livekonzerten in den Berliner Klubs immer im Skizzenbuch herum – und reichte etwas davon mal als Grafikabzug dem Gitarristen Jürgen Ehle. Der brachte das der Band, die – nach einer gewissen Wartezeit – Begeisterung zeigte. „Im Prinzip war das schon das Cover“, sagt Schweiger heute und wundert sich noch immer, dass das alles im Paket damals durch die Zensur ging.

Auf seiner Homepage steht – neben dem Wohnort Künstlerhaus Loschwitz, wo seine beiden Töchter eine gute Kindheit verlebten – noch: „Malerei / Zeichnung / Grafik / Collage / Objekt / Fotografik / Video / Installation / Kunst am Bau und im öffentlichen Raum / Gebäude-Projektion / Klang-Performance…“ So arbeitet Schweiger heute als Berater bei der Ostrale, ist Gründer der Dresdner Klangexperiments Morphonic_Lab (Nummer XVI wartet am 28. Oktober im Barockpalais im Großen Garten) und macht seit langem mit Sardh selbst Musik, genauer Industrial Noise. Damit hat er, so wie jüngst in Breslau, durchaus Erfolg beim Publikum.

Schweiger ist einer, mit dem man stundenlang über alle Facetten Dresdner Kunst in den drei Jahrzehnten zwischen den beiden Aufruhr-Editionen reden könnte. Eine passende Anekdote davon wäre, dass er die aufwändige Innengestaltung mit handgeschriebenen Texten, die auf dem Platteninlett prangen sollten, im Osten nie erschien. Dafür aber im Westen bei der Ariola-Version.

Für mehr davon ist angesichts der Bedeutung von Platte und Konzert leider nicht genügend Platz, denn noch haben diese alten Männer Aufruhr in Augen. Wofür wir sie verehren. Das Konzert zur Scheibe wird eine Werkschau, wobei als Pianist Body Bodag, also der Engerling schlechthin, dabei ist.

Doppel-CD „Aufruhr in den Augen- reloaded“ mit Pankow & Boddi Bodag für 16,95 EUR im Plattenhandel oder bei Buschfunk, live am Freitag im Alten Schlachthof Dresden

http://schweigwerk.de

www.electrocadero.de/pankow

 

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Von Andreas Herrmann

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