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Olaf Böhme zu Gast in der Herkuleskeule

Olaf Böhme zu Gast in der Herkuleskeule

Die Lage ist ernst. Bis vielleicht noch vor wenigen Jahren kannte so ziemlich jeder Mensch wenigstens einen Lieblingswitz, den er wann immer Gelegenheit war, zum Besten gab, wenn auch manchmal die Pointe versemmelnd. Aber nun stirbt der klassische Witz scheinbar aus.

Dresden. Jedenfalls mehren sich die Nachrufe auf eine Kunstform, der wie keiner anderen der Spagat zwischen Hochkultur und Alltagssprache gelang. Ist es so, segnet der klassische Witz, dem Sprachwissenschaftler einen klassischen Aufbau in vier Schritten bescheinigen, nämlich Exordium, Expositio, Complicatio und Pointe (auch ohne Latinum ist offensichtlich, dass der Witz einer sehr klaren Struktur folgt), das Zeitliche? Und wer ist schuld? Ist der Witz ein Opfer der feigen Ironie der Postmoderne? Von 9/11? Der Political Correctness?

Olaf Böhme versichert jedenfalls in seinem Programm "... weeßte", mit dem er sich nach langer Krankheit und damit einhergehender Bühnenabstinenz zurückmeldet, dass der klassische Witz tot ist. Auf ein "Kennt ihr den" wartete man bei ihm jedenfalls in der Tat vergeblich, konnte man bei Böhmes Programmen ja schon immer.

Es waren in gewisser Weise "Erinnerungsfestspiele", die Böhme, der auch etliche Gedichte aus alten "Herr Pichmann"-Zeiten zu Gehör brachte, abhielt. Denn ganz ohne seine Kultfigur, den "betrunkenen Sachsen", geht die Chose nicht. Er kommt nicht los von ihr, da ergeht es ihm wie jenem Typen, der ständig beteuert, dass er nicht Stiller sei, letztlich aber kapituliert und sich ins Schicksal fügt. Also gibt Böhme - es ist ja in der Tat nicht auszuschließen, dass da Klärungsbedarf herrscht - einen Crashkurs in Sachen betrunkener Sachse, wobei die berühmte Krawatte nicht am Hals, sondern am Stuhl hängt. Natürlich kommt er alsbald auf "die Mutti" zu sprechen, jene Frau, die er nur ehelichte, weil er am Tag der Hochzeit betrunken war, weshalb es zu einem völligen Blackout, aber eben auch einem Ja-Wort vor dem Altar kam. Danach habe er nie wieder auch nur einen Tropfen angerührt, lallt der betrunkene Sachse, der es er nun wie der gallige Polizist Hubert in der Polizei-Serie "Hubert & Staller" hält. Der trank auch einmal und nie wieder: am Tag der Eheschließung. Aber hatte der Sachse eigentlich nicht immer einen intus?, wird sich so mancher Leser dieser Zeilen fragen. Nun, der Sachse wäre nicht der Sachse, wenn er nicht auch darauf eine befriedigende Antwort hätte, die aber an dieser Stelle bewusst verschwiegen werden soll.

Böhme und sein mal mehr, mal weniger abstinentes "Bühnen-Alter ego" führen eine Art Gespräch, betreiben ein Frage-und-Antwortspiel, überraschende Wendungen und Erkenntnisse inklusive. Wie viel betrunkener Sachse in ihm stecke, wird Böhme oft und gern gefragt. 1:1 ist da jedenfalls nichts, andererseits ist auch nicht alles erfunden. So manche (mit dem Witz verwandte) Anekdote verrät ja oftmals mehr über eine Persönlichkeit als ganze Biografien - das ist in Böhmes Fall nicht anders.

Nun ist an sich nicht alles, was Böhme verklickert, vom ihm eingeräumtermaßen "so der Hammer" - aber wie er so manchen scheinbar banalen Satz sagt, das hat dann doch große Auswirkung auf das für das Abfeuern von Lachsalven zuständige Spaßzentrum irgendwo im Klein- oder Großhirn. Mitunter rätselt Böhme selbst, warum die Leute jetzt lachen würden, erklärt sich den Sachverhalt aber mit der geradezu philosophischen Erkenntnis: "Es segelt jeder in seiner Welt".

Überhaupt fällt an diesem kurzweiligen Abend das eine oder andere Stück Lebenshilfe für die versammelte Fangemeinde ab, ob der Sachse nun konstatiert, dass man ohne Smart-Phone aber auch so was von raus ist, oder ob Böhme fragt, ob es nicht vielleicht besser wäre, einfach mal nicht zu denken, da doch das ständige Denken nicht wirklich was gebracht habe. Die Weihnachtszeit genießen? Nichts leichter als das. "Einfach mal hinsetzen und zusehen wie die Kerze runter brennt", empfiehlt Böhme.

von Christian Ruf

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