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Nur noch emanzipatorisch: Premiere "Emilia Galotti" im Dresdner Schauspielhaus

Nur noch emanzipatorisch: Premiere "Emilia Galotti" im Dresdner Schauspielhaus

Warum hält sich Lessings Theaterklassiker "Emilia Galotti" so hartnäckig auf den Spielplänen? Zeitgleich zum Beispiel auch in Leipzig? Der sozialpolitische Zündstoff des 18.Jahrhunderts ist passé, adlige Willkür gegen bürgerliche Tugend kein Thema mehr. Die dialektische Fortschreibung, die Enge dieser Tugenden wiederum auch nicht.

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Sebastian Wendelin (Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla) und Lea Ruckpaul (Emilia Galotti).

Quelle: Matthias Horn

Zumindest in unserem Kulturkreis wird kein ahnungsloses Mädchen mehr nach Elternwunsch verheiratet. Und dann kommt der Dresdner Inszenierung von Sandra Strunz auch noch das wahrscheinlich bekannteste Zitat "Die Kunst geht nach Brot" abhanden, weil auf die Rolle des Hofmalers Conti verzichtet wird-

Was tun also mit diesem Werk? Als reine Liebestragödie von sozialer und gesellschaftlicher Brisanz entkernen? Die Regisseurin, die in Dresden schon so bemerkenswerte Stücke wie Dirk Lauckes "Für alle reicht es nicht" inszeniert hat, dreht die komprimierte Geschichte in Richtung Frauenemanzipation. Und ästhetisiert natürlich, ein trendiger Ausweg aus der gegenwärtigen Verlegenheit im Umgang mit tradierten Stoffen. Zum Beispiel durch ein raffiniert von Volker Hintermeier gebautes Spiegelkabinett, wohl inspiriert durch Emilias Selbstbetrachtung "wie aus dem Spiegel gestohlen". Ein Spiel mit Brechungen, Reflexionen, Eitelkeiten, mit dem alter ego. Ein weiteres Stilmittel sind choreografisch wie in einem Pas de deux überhöhte Dialoge, die den Text in eine Meta-Ebene heben, Tragik und Schärfe sublimieren. Gern mehr erfahren hätte man über den singenden und spielenden Chor der verflossenen oder gegenwärtigen Haremsdamen des Prinzen, eine stimmige und auch kulinarische Zugabe zu Lessing.

Das ist ganz appetitliches Theater. Auch der Kostüm-Mix zwischen Mittelaltermarkt, Bürgerhaus und Swingerclub von Daniela Selig. Aber was wird mit der Geschichte des Prinzen Hettore Gonzaga, der gewohnt ist, alle begehrten Frauen zu kriegen und eben auch diese Emilia aus dem Hause Galotti, die just an diesem Tag den Grafen Appiani heiraten soll?

Bösewicht Kammerdiener Marinelli greift nach fehlgeschlagener Intrige zu plumper Gewalt, lässt die Hochzeitskutsche überfallen, Appiani erschießen und Emilia beim Prinzen in "Schutzhaft" nehmen. Die aber ist lieber tot als entehrt, welchen Dienst ihr der eigene Vater schließlich mit einem Dolch tut.

Den dramaturgischen Bekenntnissen von Ole Georg Graf folgend, wird die neueste Dresdner Inszenierung (eine sehr zupackende hinterließ Tobias Wellemeyer in den Neunzigern) von starken Frauen bestimmt. Man freut sich nicht nur, die wieder zu Kräften gekommene Christine Hoppe als Mutter wiederzusehen. Sie bringt auch gleich diese stille frauliche Souveränität, diese defensive Überlegenheit auf die vertrauten Bretter mit. Ganz anders beherrscht auf unnachahmliche Art Karina Plachetka als Ex-Geliebte Orsina die Rampe. Mit wenigen köstlichen Auftritten brilliert sie in der ebenso charmanten wie bissigen Entlarvung der Tatsachen.

Dagegen weisen die meisten Män- ner einen ziemlichen Schaden auf. Sebastian Wendelin, häufig nuschelnd, ist weniger Souverän als Psychopath, auch wenn er anfangs ehrlichen Liebesschmerz glaubhaft machen kann. Ensemble-Neuling Ben Daniel Jöhnk muss als Marinelli manchmal schon mephistophelisch daherkommen. Und Tom Quaas als Vater erweist sich nach anfänglich geradezu rührenden Szenen einer Ehe schließlich doch als ein cholerischer Patriarch.

Was macht in dieser Konzeption die junge Lea Ruckpaul, zweifellos eine Bereicherung im ohnehin hochklassigen Staatsschauspiel-Ensemble? Schon im stummen Prolog sehen wir eine mädchenhaft schüchterne, verlegene Emilia, und sie bleibt lange nur Ob- jekt und Spielball. Ausgerechnet nach der Entführung geht sie aber auf ero- tische Selbstentdeckungsreise beim Prinzen.

Man fragt sich schon zur Pause, wie die Regie die Kurve noch kriegen will hin zu jener Heldin, die lieber stirbt als die Grenzen bürgerlicher Moral zu überschreiten? Kommt dann noch einen Zahn schärfer, als sie sich wie im SM-Studio am Kreuz hängend vom Prinzen mit Goldfarbe anstreichen lässt. Plötzlich aber ist sie wieder Opfer, und es kracht erst recht vor Unlogik, als sie sich wie eine Jeanne d`Arc an die Spitze des Chores der zu einer Frauenwehr mutierten Prinzgebrauchten stellt.

Emilia stirbt am Ende gar nicht richtig. Wie dieser Lessing auch, dem man heute wahrscheinlich nur noch diese emanzipatorische Lesart abgewinnen kann.

Wieder am 16.10.; 14. und 26.11.; 28.12.; 8. und 15.1. im Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.10.2013

Michael Bartsch

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