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Nüchtern geblieben - Sven Regener veröffentlich seinen neuen Roman "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt"

Nüchtern geblieben - Sven Regener veröffentlich seinen neuen Roman "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt"

Böse Zungen behaupten, unter den liedfernen Schreibaktivitäten des nicht ernannten Chefs leide die Arbeit für die Band. Die Abstände zwischen neuen CDs von Element Of Crime würden immer größer, die Touren seltener, weil Sven Regener neue Bücher schreiben müsse.

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Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Roman. Galiani Berlin. 508 Seiten, 22,90 Euro

Quelle: Andreas Doering

Und dann dreht er auch noch Filme! Dabei sind Regeners Romane eher homogene Ergänzungen zur Musik, während alle anderen Crime-Mitglieder ja ebenfalls eigene Projekte verfolgen oder sich auf ihrem nimmermüden Erfolg ausruhen. Gut, über den Film muss noch einmal geredet werden!

Zusammen mit Regisseur Leander Haußmann, der das erste Buch des Freundes ("Herr Lehmann", 2001) zwei Jahre nach Veröffentlichung halbwegs adäquat auf die Leinwand brachte, lieferte Regener in dieser Kinosaison "Hai-Alarm am Müggelsee" ab. Das anarchische Randberliner Treiben war gut gemeint, im absurden Aberwitz auf die Spitze getrieben, letztlich aber vor allem für die Beteiligten ein Vergnügen. Für den Betrachter von außen mangelte es speziell am Gefühl für Timing. Sven Regener spielte an der Seite von Leander Haußmann einen Taucher, erst mit seinem fünften Buch aber ist er 2013 wirklich aufgetaucht.

Dass aus "Herr Lehmann" eine Trilogie werden könnte, hatte Regener, heute 52-jährig, von Anbeginn konzipiert. Dass schon das erste Buch derart einschlagen würde, freilich nicht. Regener hatte stets vor, seinen in jeder Lebenssituation schwimmenden Helden auf drei Zeitebenen zu durchleuchten. So holte er ihn kurz nach dem Mauerfall von Kreuzberg aus zunächst in den verunglückten Armeedienst ("Neue Vahr Süd", 2005) zurück, dann ließ er ihn voller Hoffnung den Ortswechsel von Bremen nach Berlin vollziehen ("Der kleine Bruder", 2009). Das vierte Buch ("Meine Jahre mit Hamburg Heiner", 2011) war dann eine Art witzige Logbuch-Reportage übers Bandleben. Die Trilogie blieb Trilogie. Als man damit rechnen konnte, Regener wäre vielleicht doch noch etwas eingefallen, das Herr Lehmann buchtauglich durch- und erlebt haben könnte, lässt er ihn nun ganz außen vor. Dafür ist ein anderer Typ aus Lehmanns Umfeld wieder da: Karl Schmidt. Der Kumpel, der Künstler, der Durchgedrehte. Die Wende hatte Schmidt in der Psychiatrie verbracht, im Wahn zwischen "Konstruktion und Dekonstruktion" hatte er zuvor seine letzten Arbeiten zerkloppt, seinen Freund mit glasigen Augen ermahnt, er möge immer "schön an die Elektrolyte denken" - und war zusammengebrochen.

Nun sind bereits die Mitt-Neunziger Jahre im Gange. Karl ist nach Hamburg gegangen, hat einen Entzug gestartet und durchgestanden, lebt in einer therapeutischen WG, arbeitet in einem Kinderheim, ist auf Limo und Kaffee statt Alkohol und harten Pülverchen. Die Pillen von Frau Doktor hat er abgesetzt, kalkulierend, dass ein paar dunkle Gefühle sich schon fertigmachen, um ihn fertigzumachen. Doch Schmidt fühlt sich gewappnet.

Mit "Ich sah Raimund Schulte lange bevor er mich sah", beginnt seine Geschichte. Der berühmte erste Satz - der Fingerzeig. Wenn es gut kommt. Und es kommt ein weiteres Mal gut, wenn Sven Regener als rasender Milieureporter ansetzt, um Figuren ins Schwadronieren zu schicken, in endlos anmutende Rede-Kaskaden, wenn er mit ihnen der Banalität des Alltags gleichsam lapidare, wärmende und skurrile Seiten abgewinnt. Erfunden ist das alles schon, doch erfunden klingt es in den seltensten Momenten.

Besagter Raimund, zufällig in der Eisbar "La Romantica" in Hamburg-Altona sitzend wie Karl, ist nicht nur ein alter Bekannter aus Berliner Tagen, sondern eine Art personifizierter Wegweiser für Karl. Mit ihm könnte es rausgehen ins wahre neue Leben. Er und die anderen zum Teil seltsamen Leute könnten Reibe- wie Wendepunkt sein. Sie könnten ihm das Lämpchen am Ende eines langen Tunnels halten, durch den sich Karl Schmidt gekämpft hatte. Gut, er muss nach Berlin zurück, doch das muss nicht schlecht sein.

502 Seiten lang bleibt Karl Schmidt nüchtern und drogenfrei, das sei verraten. Muss er auch, denn Raimund Schulte und Ferdi engagieren Karl genau deshalb. Er ist nicht nur ein Netter, sondern Garant für die sichere Fahrt der "Magical Mystery Tour", einer zehntägigen Techno-DJ-Reise quer durch Deutschland, von Berlin nach Bremen, München, Schrankenhusen-Borstel, zum Szene-Event nach Essen und wieder zurück. "Magical Mystery Tour" - hatten das nicht auch die Beatles gemacht und waren gescheitert? Sicher, und es wird ja auch der Running Gag. Doch Raimund und Ferdi betreiben das erfolgreiche Elektro-Label BummBumm, ihre Künstler heißen Anja und Dubi und Hosti Bros. Geld ist kein Problem, sondern wurde zuhauf verdient, es kann also nur schiefgehen. So setzt sich ein überladener Kleinbus mit Komabrett zum Schlafen, zwei Meerschweinchen, Plattenkoffern und einem knappen Dutzend Menschen in die Spur - Menschen zwischen kleiner Junge und Mann, taffem Mädchen und Frau. Und am Ende vielleicht einem neuen Liebespaar.

Spätestens als "Herr Lehmann" als CD-Box, gelesen vom Autor, erschien, hörte man beim eigenen Lesen aller nachfolgenden Bücher automatisch Sven Regeners Stimme. Wie er in seine lustvoll gedrechselten Wort-Erfindungen und Schachtelsätze mit ihrer Punktfeindlich- und Kommafreundlichkeit eintauchte, sie bis zur Atemnot mit hübschem nordischen Restdialekt ausführte und damit in ihrer Wirkung sehr verstärkte. Das ist bei "Die Rückkehr des Karl Schmidt" nicht anders. Das ungekürzte Hörbuch erscheint parallel und ist Genuss. Wie hat er im DNN-Interview vor Jahren so treffend gesagt? "Nur ich weiß, wie die Figuren klingen." Genau, auf herzzerreißend natürliche, manchmal kopfschüttelnd schlichtgemütige Art komisch, tragisch, glücklich und verloren.

als Audiobook und CD-Box bei Roof Music/Tacheles!, 39,99 Euro

Sven Regener auf Lesetour in Dresden: 22. Januar 2014, Theater Wechselbad

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.09.2013

Andreas Körner

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