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Nostalgie-Trip in der Messe mit Otto

Dresden Nostalgie-Trip in der Messe mit Otto

Deutschlands wohl berühmtester Friesenjunge steht wieder auf der Bühne. Während seiner „Holdrio Again“-Tour hat der 68-Jährige am Mittwoch Halt in der Messe Dresden gemacht.

Alterserscheinungen zeigen sich lediglich im Haarwuchs: Otto am Mittwochabend in der Messe Dresden.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  An sich ist es ja mittlerweile kein gesellschaftlicher Konsens mehr, dass der Mensch in Würde zu altern habe – das offenbart sich beim Blick ins Weiße Haus wie auf all jene Silberrücken, die sich eine Harley Davidson als Rentner-Rollator anschaffen und auf Steppenwolf machen. Aber es gab und gibt immer wieder Unterhaltungskünstler, die sich nochmal neu erfinden. Harald Juhnke trat in späten Jahren in tragischen Charakterrollen auf, Dieter Hallervorden wollte nicht mehr der Nonsens-Didi, sondern wieder ernsthafter Kabarettist sein. Und was macht Otto Waalkes, der im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag feiern kann? Er hüpft nach wie vor wie ein besessener Irrwisch über die Bühne, zieht Grimassen, juchzt, jodelt und kräht zur Gitarre seine „Hänsel und Gretel“-Variationen. Selbst wenn er den Bildungsauftrag ernst nimmt, Englisch-Lektionen gibt, erreicht der Spaßfaktor ob des Nonsens Werte, die ab durch die Decke gehen wie der Schulz-Zug, nur viel dauerhafter. „Slapstick“, das heißt laut Otto – Englisch-Lehrer müssen jetzt ganz tapfer sein, wenn sie weiterlesen – „Schlappschwanz“, „Flatrate“ bedeutet „Flachlegen“.

Nun war Otto, der seine erste TV-Show hatte, als hier im Osten Erich Honecker gerade mal ein Jahr das Amt des Generalsekretärs des ZK der SED bekleidete, mit seinem Programm „Holdrio Again“ in der Messe Dresden zu Gast. Ein Heimspiel, etliche Otto-Sketche, Lieder, Reime und Geräusche gehören auch in hiesigen Breiten längst zum kollektiven Gedächtnis.

Damit das Heimweh nicht so groß wird, strahlte das Bühnenbild friesisches Ambiente aus: links war eine Miniaturausgabe des Otto-Hus’ in Emden, rechts ein gelb-rot gestreifter Leuchtturm. Von der ersten Minute an unterstrich der Entertainer, dass er nicht viel braucht, kaum mehr als seinen Körper und seine Klampfe, um seine Zuhörer in Begeisterung zu versetzen. Okay, Mehl und ein Kännchen Öl vielleicht noch, mit denen er die ersten Reihen bepudert und bespritzt. Alterserscheinungen zeigen sich lediglich bei Ottos Haarwuchs. Gut, die immer mehr raumgreifende Glatze bietet „zusätzliche Werbefläche“, aber letztlich bekämpft er die Skindisierung des Hauptes, indem er „haarshippt“ – analog dem populären „parshippen“.

An sich wollte Otto ja Liebeslieder zu Gehör bringen, aber da er viele Kinder im Saal ausgemacht hatte, sang er „lieber was Versautes“. Besorgte Tugendwächter konnten sich aber letztlich entspannen: Der einst so überbordende Anarcho-Witz von einst ist de facto milder und familientauglicher geworden, was wohl vorzugsweise die üblichen Feuilleton-Hochkultur-Apparatschiks zu kritikastern haben werden. Ottos Gags waren eh selten hochpolitisch, sondern immer alltagstauglich, oder leicht darunter.

Das Lied „Friesenjung“, angelehnt an Stings „Englishman In New York“, sangen viele der Zuschauer lauthals mit, ebenso – und zwar textsicher – all die Schlager, die Otto so parodiert und persifliert. Genial mal wieder seine Hänsel-und-Gretel-Varianten, da geht es mit „Hyäne“ Fischers „Atemlos“ durch den Wald, wird frei nach Max Giesingers Song „Wenn sie tanzt“ verkündet „Wenn sie backt, ist sie so anders“. Auch „Herbert Grönemeyer“ singt, versteht aber den Sinn des Märchens nicht, jedenfalls fragt er immer wieder „Was soll das?“

Otto hat sich definitiv sein juveniles Wesen bewahrt, geht mit der Zeit, lässt Sentimentalität zu, legt dadurch, dass er einigen seiner Klassiker Updates verpasst, aber auch den Grundstock für neue Erinnerungen. Eine Glanznummer: Der Ausflug in Ottis Bäckerei, bei dem Rolf Zuckowskis Original (die „Weihnachtsbäckerei“) herrlich umgetextet wird und es nun etwa heißt: „In Ottis Bäckerei, wird aus jedem Dreck ein Brei.“

Ja, es wird immer wieder sehr albern, hier und da meinethalben sogar peinlich, aber auch Blödelei („Wie heißt ein Tier mit einer halben Pobacke? Halbes Hähnchen“) und Kalauer muss man erst mal so hinkriegen, dass die Pointe sitzt. Ich glaube, man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man einräumt, dass man Sprüchen wie „Beim Melken wurd’s dem Melker klar, dass die Kuh ein Bulle war“ bei entsprechend aufgeputschter Stimmung und Offenheit im Humorverständnis sogar dann etwas abgewinnen kann, wenn man sich nicht vorher mit friesischem Wein, gezapft in sieben Minuten, abgefüllt hat.

In einer Tour wurde das Publikum einbezogen, musste es je nach Platz jaulende Wölfe oder quäkende Kröten imitieren – lediglich die linke Saal-Seite versagte bei der Hyänen-Parodie komplett. Nur kurzzeitig zeigte sich Otto verdutzt, kicherte dann einfach sein berühmtes Kojoten-Kichern: „Äckh, äckh, äckh!“ und bedachte die „Versager“ auf der Linken mit Blicken, die zeigen, dass er von seiner Fähigkeit, physiognomische Kabinettstückchen erster Güte zu zeigen, nichts verlernt hat.

Von Christian Ruf

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