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„Natürliche Spannungsverhältnisse“: Kreuzkantor Roderich Kreile im DNN-Interview

Dresdner Kreuzchor „Natürliche Spannungsverhältnisse“: Kreuzkantor Roderich Kreile im DNN-Interview

Fünf Kruzianer der 12. Klasse sind von der Leitung des Dresdner Kreuzchores von der diesjährigen Sommertournee ausgeschlossen worden (DNN berichteten). Sie waren Chorproben ferngeblieben, weil sie an einer Abschlussfahrt ihres Abiturjahrgangs teilnehmen wollten. DNN befragten dazu Kreuzkantor Roderich Kreile.

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Roderich Kreile

Quelle: Astrid Ackermann

Dresden. Fünf Kruzianer der 12. Klasse sind von der Leitung des Dresdner Kreuzchores von der diesjährigen Sommertournee ausgeschlossen worden (DNN berichteten). Sie waren Chorproben ferngeblieben, weil sie an einer Abschlussfahrt ihres Abiturjahrgangs teilnehmen wollten. Kruzianereltern kritisieren seit langem die hohe Belastung der Schüler, die insbesondere im Zusammenhang mit der 800-Jahr-Feier die Kinder an Leistungsgrenzen geführt habe. Und seit langem gibt es Interessenskonflikte zwischen Chorleitung und Kreuzgymnasium, wie die für den Chor zuständige Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (LINKE) gegenüber DNN bestätigt hat. befragte Kreuzkantor Roderich Kreile zu den aktuellen Vorkommnissen. Er wird am Sonntag in Konstanz zum ersten Mal ein Konzert auf der gegenwärtigen Sommertournee des Kreuzchores leiten.

Herr Kreile, nach dem unentschuldigten Fernbleiben von fünf Zwölftklässlern bei Proben für die Sommertournee haben Sie entschieden, dass diese Schüler nicht an der Tournee teilnehmen dürfen. Gab es nur diese Möglichkeit, auf die Vorgänge zu reagieren?

Roderich Kreile: Gemessen an der Schwere dieses Versäumnisses gab es keine andere Möglichkeit, vor allem weil schon im Vorfeld Unregelmäßigkeiten auftraten, die mit dem einen oder anderen Kruzianer besprochen wurden. Wir haben sehr sorgfältig geprüft, auch mit der Schule gesprochen und sind einmütig zu dem Ergebnis gekommen, dass dies die Arbeitsgrundlagen und das Vertrauen, das wir in unsere Jungen haben müssen, so nachhaltig geschädigt hat, dass ein Ausschluss von der Tournee tatsächlich das gegebene Mittel war.

Sie reisen gerade mit dem Chor durch Deutschland, und es fehlen dabei überhaupt die Männerstimmen der 12. Klasse, weil die Jugendlichen aus dieser Klassenstufe entschieden haben, sich mit ihren suspendierten „Kollegen“ zu solidarisieren. Wie kompensieren Sie diesen Ausfall für die Konzerte der Tournee?

Es sind jüngere Stimmen in die Besetzung nachgerückt. Wir konnten das bereits im April während der Abiturzeit bei einem Konzert in Eisenach erfolgreich ausprobieren. Natürlich wachsen diese jüngeren Kruzianer in ihre Rolle hinein, und die Tournee hat sich ja auch erfolgreich angelassen.

Hat es ähnliche Vorkommnisse schon früher gegeben? Und wie hat die Chorleitung dann darauf reagiert?

In meiner Amtszeit kann ich mich nicht an ähnlich gravierende Vorfälle erinnern. Dieses ist ein außergewöhnliches Ereignis gewesen.

Von Seiten der Elternschaft, auch von etlichen Kruzianern wird seit langem beklagt, dass die Chorarbeit den Jugendlichen zu viel abverlange, dass für schulische und andere Belange zu wenig Freiraum bliebe. Wie stellen Sie die Situation dar?

Nachdem wir in den letzten Jahren mit Ausnahme des Jubiläumsjahres 2016 die Anzahl der Auftritte und die Anzahl der Proben immer weiter zurückgeschraubt haben, kann ich nun sagen, wir sind jetzt von der Belastung der Kruzianer her weit unter dem Stand früherer Jahre. Ich fürchte, ein weiteres Zurücknehmen ist im Interesse der Arbeitsfähigkeit und des Rufes des Dresdner Kreuzchores nicht mehr möglich.

Große Schwierigkeiten gibt es ja offensichtlich in der Abstimmung zwischen Chor und Schule, auch wenn beide Seiten offiziell immer wieder äußern, dass man gut miteinander arbeite. Ein Artikel in der Schülerzeitung des Kreuzgymnasiums, für den die Abiturientin Charlotte Kaiser inzwischen einen Nachwuchsjournalistenpreis erhalten hat, hatte das vor kurzem ganz klar benannt und dabei u.a. Sie, die Direktorin des Gymnasiums, Lehrer und auch Kruzianer zitiert. Was sind denn die entscheidenden Schwierigkeiten im Miteinander von Chor und Schule?

Das Anforderungsprofil, das heutzutage an Schüler, aber auch an die zuständigen Institute gestellt wird, hat sich ja deutlich erweitert. Die Schule möchte natürlich auch die Kruzianer zu möglichst vielen schulischen Veranstaltungen verpflichten, während die uralte Aussage, dass Kruzianer nicht bei allen teilnehmen können, nach wie vor gilt. Daraus erwachsen natürliche Spannungsverhältnisse, die wir versuchen in ständigen Gesprächen zu klären. Nur manchmal stoßen wir dabei an Punkte, an denen man sagen muss: Die Quadratur des Kreises funktioniert nicht.

Und wie, meinen Sie, ist das zu lösen?

Für manche dieser Wünsche von allen Seiten werden wir keine Lösung finden können. Die Schule muss gelegentlich auf Kruzianer verzichten, das ist durch die Natur unseres Institutes gegeben.

Es war eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die Probleme zwischen Schule und Chorleitung klären, verbessern helfen sollte. Was hat diese Kommission erreicht, gibt es sie überhaupt noch?

Die Kommission gibt es noch, sie hat zunächst Grundlagenarbeit geleistet und den Stand analysiert. Jetzt ist diese Arbeit auf eine andere Ebene gehoben: In drei Sitzungen werden Schulleitung und Chorleitung weiter beraten, um die ganz grundlegenden Fragen zur Beziehung zwischen Chor und Schule zu erörtern, und dann wird im neuen Schuljahr diese Arbeitsgruppe weiter fortgesetzt.

Nach der Sommertournee ist Sommerpause. Für die Kruzianer und für Sie. Werden die Vorkommnisse danach noch einmal thematisiert?

Ich denke, dass dies nicht nötig ist, weil wir die Vorkommnisse jetzt aufgearbeitet haben.

Wie bilanzieren Sie das gerade beendete Schuljahr?

Es war ja zweigeteilt: Die erste Hälfte war ja noch unserem Jubiläum verhaftet, auf das ich mit großer Freude und großem Stolz zurückblicke, und dann hat uns allen die deutlich spürbare Entspannung ab Januar gut getan. Und es hat sich auch gezeigt, dass der Chor hochmotiviert herrliche Auftritte absolviert hat, wenn ich zum Beispiel an unser Gedenkkonzert im Februar oder unsere Auftritte rund um die Osterzeit und um Pfingsten denke. Darüber bin ich sehr glücklich.

Und was erwarten Sie vom kommenden Schuljahr?

Wir haben spannende Projekte und eine stabile Nachwuchssituation – ich sehe da sehr zuversichtlich in das kommende Jahr. Nach dem ersten Höhepunkt im September mit Mendelssohns Oratorium „Paulus“ fährt eine kleinere Besetzung nach China. Unseren klassischen Verpflichtungen zu Weihnachten gesellt sich das nahezu Kult gewordene Stadionkonzert hinzu. Zum Gedenktag im Februar singen wir Mozarts Requiem, im Juni bei den Musikfestspielen ein gemeinsames Konzert mit den Wiener Sängerknaben mit einem wunderbaren Programm. Kurz: wir haben ein umfangreiches Angebot.

Von Kerstin Leiße

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