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Musiker der Staatskapelle gestalten Porträtkonzert für Sofia Gubaidulina

Im Residenzschloss Musiker der Staatskapelle gestalten Porträtkonzert für Sofia Gubaidulina

Die diesjährige Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina wird nicht nur in Orchesterkonzerten vorgestellt, die Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle Dresden widmet ihr ein eigenes, außergewöhnlich umfangreiches Porträtkonzert, das am Sonnabend in der Schlosskapelle des Residenzschlosses stattfindet.

Die diesjährige Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Die diesjährige Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina wird nicht nur in Orchesterkonzerten vorgestellt, die Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle Dresden widmet ihr ein eigenes, außergewöhnlich umfangreiches Porträtkonzert, das am Sonnabend in der Schlosskapelle des Residenzschlosses stattfindet. Die Orchestermusiker Robert Oberaigner (Solo-Klarinettist) und Petr Popelka (Stellv. Solo-Kontrabassist) berichten im Gespräch von der neuen Lust an der zeitgenössischen Musik im Orchester:

Das Porträtkonzert am Sonnabend stellt wohl in seiner ganzen Gestaltung und der Art, wie die Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina vorgestellt wird, etwas Neues im Spielplan der Kapelle dar. Der Impuls dazu kam aus dem Orchester heraus, von Ihnen beiden - wie kamen Sie auf die Idee?

Robert Oberaigner: Wir saßen bei dem wunderbaren Opernfestival im finnischen Savonlinna beisammen und sprachen viel über neue Musik. Wir schätzten uns auch beide glücklich, dass es in unserem Orchester diese Einrichtung des Capell-Compositeurs gibt. Allerdings konnten wir meist nur wenige Stücke präsentieren - auch die Kammerabende leben ja gerade von der Abwechslung und den verschiedenen Interessen der Kapellmusiker. Dennoch dachten wir, dass es für uns wie für die Zuhörer eine große Chance ist, wenn ein Capell-Compositeur vor Ort ist. Der direkte Kontakt zur Komponistin oder zum Komponisten ist uns wichtig, nicht nur, dass wir die Stücke spielen. Daher haben wir nach und nach dieses Porträtkonzert entwickelt. Es ist eigentlich wie eine Art Meisterklasse - aber eben für das Orchester. Wir lernen dabei immens hinzu.

Die Staatskapelle Dresden schenkt sich selbst eine Meisterklasse? Das klingt ja erst einmal absurd, Sie beherrschen doch alle Stile auf allerhöchstem Niveau...?

Oberaigner: Es ist im übertragenen Sinne gemeint: Wir wollen viel intensiver die Sprache dieser Kompositionen entdecken und uns auch vom Komponisten erklären lassen, das ist ja eine große Bereicherung. Und gleichzeitig werden dies auch die Zuhörer erfahren können.

Petr Popelka: Sehen Sie, es sind über dreißig Musiker in diesem Kammerkonzert beteiligt und das ist ja ein freiwilliges Engagement. Es ist also bei den Kollegen ein sehr großes Interesse da, Neues zu spielen. Auch für die Komponisten ist das Signal wichtig, dass wir Musiker die neuen Werke gerne spielen. Wir hoffen, das spricht sich auch außerhalb Dresdens herum.

Oberaigner: Man kann es auch einmal aus einer anderen Perspektive sehen. Wir sind zwar fit durch unser Studium mit den ganzen Etüden und dem Pflichtrepertoire, aber wie halten wir uns eigentlich im Orchester-Berufsleben musikalisch und auch geistig fit? Das geht ja eigentlich nur über das Neue, über die Herausforderung. Ich habe von Petr, der ja auch komponiert, einmal eine Uraufführung gespielt. Er hat mir die Noten hingelegt und ich hatte keine Ahnung, wie ich das spielen soll. Aber er weiß genau, was er schreibt und ich musste neue Spieltechniken lernen. Und das bereichert enorm.

Wer gestaltet eigentlich die Kammermusiken der Staatskapelle, und wie fließt die neue Musik oder die Musik des Capell-Compositeurs dort ein?

Popelka: Die Kammermusik der Staatskapelle gestalten wir Musiker seit Jahren selbst. Für die Programme gibt es einen Kammermusikbeirat. Der Vorsitzende Friedwart Christian Dittmann hat immer ein offenes Ohr für solche Ideen und auch gerade für neue Musik. Er hat dieses Projekt sehr unterstützt. Die Entscheidung, wer Capell-Compositeur wird, liegt in der Hand der Orchesterdirektion und des Chefdirigenten.

Was ist das Besondere des Konzertes am Sonnabend?

Oberaigner: Wir beleuchten nicht nur einige Werke, sondern auch den Werdegang der Komponistin Sofia Gubaidulina sowie die Einflüsse, die ihr Werk bestimmen. In Sofia Gubaidulinas Denken und Schreiben spielen Johann Sebastian Bach und Anton Webern eine bedeutende Rolle - daher führen wir am Sonnabend auch Werke dieser Komponisten auf. Außerdem hatten wir die schöne Idee, dass Sofia Gubaidulina auch bestimmt, von welchem Komponisten sie gerne Musik in ihrem Porträtkonzert hören würde. Die Zuhörer werden daher auch den russischen Komponisten Viktor Suslin (1942-2012) kennenlernen. In zwei Pausenblöcken können die Zuhörer mit der Komponistin und mit den Musikern zudem ins Gespräch kommen.

Damit wird ja auch die Distanz aufgehoben. Ließe sich neue Musik in einer Art Gemeinschaft von Publikum, Musikern und Komponist besser oder anders aufführen?

Wir denken, dass man das Schaffen eines Komponisten auf diese Weise viel besser beleuchten und ein Porträt zeichnen kann – zusätzlich zu den Orchesteruraufführungen, die es unbedingt auch geben muss. Vielleicht ist es eine Art Verbeugung – der Capell-Compositeur ist für uns jedenfalls kein bloßer Titel, sondern eine spannende Einrichtung, die das Orchester ungemein anregt.

Haben Sie bei diesem Projekt denn viel Überzeugungsarbeit leisten müssen?

Oberaigner: Nein, eigentlich nicht. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass neue Musik meist dann am besten gespielt ist, wenn sie freiwillig gespielt wird. Wenn es verpflichtend wird, ist es schwierig. Die Lust entscheidet – und es haben sich viel mehr Kollegen gemeldet, als wir dachten. Die Stücke sind ja teilweise sehr schwierig und wir haben den Anspruch, diese Stücke genauso gut zu spielen wie ein „normales“ Sinfoniekonzert, dafür ist ausreichend Zeit zum Üben erforderlich.

Popelka: Man merkt sofort, wer Lust drauf hat. Und es gibt ebenso viele Kollegen, die sich melden, wenn man ein Alte-Musik-Projekt hat. Die Bandbreite der Interessen, aber auch die Kompetenz der Musiker in diesen speziellen Bereichen ist bei uns enorm – und das ist aber sicher auch etwas, was das Orchester viel stärker zeigen darf.

Wird die Staatskapelle nun ein Neue-Musik-Orchester? Und soll das Format dieses Porträtkonzertes fortgesetzt werden?

Oberaigner: Wenn man in Dresden der Tradition im Orchester treu bleiben will, dann muss man neue Musik und Uraufführungen spielen, denn genau das ist auch ein Teil der Tradition der Staatskapelle. Das betrifft ja nicht nur die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern das Neue war zu DDR-Zeiten ebenso selbstverständlich, und früher sowieso, jede neue Symphonie war ein Ereignis! Die Schlosskapelle ist außerdem ein historisch bedeutsamer Uraufführungsort für die Kapelle, mit einer besonderen Atmosphäre. Wir haben also einen Auftrag, den wir gerne erfüllen.

Im letzten Jahr gab es vom Publikum her für den großartigen György Kurtág eher wenig Zuspruch, woran liegt das?

Oberaigner: Vielleicht ist der kleinere Rahmen eines solchen Kammerkonzertes ja gerade hilfreich, und vor allem muss man ins Gespräch kommen.

Popelka: Eigentlich benötigt die Musik diesen Austausch nicht – weder die von Kurtag noch die von Gubaidulina, sie ist stark genug. Aber es ist ein zusätzliches Angebot. Es soll keinesfalls belehrend sein, sondern ein Angebot darstellen für die, die eben mehr über den Capell-Compositeur erfahren wollen als es in einem Orchesterkonzert möglich ist, wo wir in den Programmen ja auch Abwechslung bieten wollen.

Bislang wurden ältere, renommierte Komponisten mit der Residenz betraut, was ist mit der jungen Generation oder Dresdner Komponisten?

Oberaigner: Wir haben schon viele Ideen, wer in Zukunft Capell-Compositeur werden könnte, sicher auch jüngere Komponisten, die nächsten Generationen sind sehr spannend! Auf jeden Fall wollen wir auch dieses Porträt-Format beibehalten, es ist eben grade für die Zuhörer interessant, denen das Orchesterstück oder die Uraufführung alleine eben nicht reicht, und die den Komponisten noch in anderen Facetten erleben wollen.

Popelka: Ich war jüngst in Luzern bei einem Kurs von Wolfgang Rihm und Olga Neuwirth, da waren gleich zwölf junge Komponisten, die allesamt äußerst spannend waren. Wir haben noch genug Noten zu spielen. Von in Dresden wirkenden Komponisten, etwa Mark Andre, werden wir an anderer Stelle in den Kammerkonzerten auch Stücke spielen.

In Dresden gibt es ja bereits seit einigen Jahren das Netzwerk „KlangNetz Dresden“, das sich zeitgenössischer Musik widmet. Ist ihr Projekt dort eingebunden? Und wie sieht es mit der Oper aus? Im vokalen Bereich sind sicher auch spannende Entdeckungen zu machen.

Popelka: Es gibt seit vielen Jahren einen Austausch mit der Musikhochschule, und auch die ersten Residenzen der Capell-Compositeure waren in dieses Netzwerk eingebunden. Vielleicht sollte man das jetzige Porträtkonzert zum Anlass nehmen, um diese Zusammenarbeit in Zukunft wieder zu intensivieren. Ebenso strecken wir auch unsere Fühler zur Oper aus, sicher wird es auch Kammerabende mit Talenten etwa aus dem Jungen Ensemble geben, hier sind wir auch schon mit vielen Ideen beschäftigt.

Von Alexander Keuk

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