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Murray, Vogler, Wang und Perez im Kulturpalast

Musikfestspiele Murray, Vogler, Wang und Perez im Kulturpalast

Es könnte einer der fast planbaren Höhepunkte der 40. Dresdner Musikfestspiele gewesen sei: Am Pfingstsonntag gastierte der renommierte US-Schauspieler und Comedian Bill Murray zusammen mit dem Cellisten Jan Vogler, Violinistin Mira Wang und Pianistin Vanessa Perez im ausverkauften Kulturpalast.

Schauspieler Bill Murray, Mira Wang (Violine), Vanessa Perez (Klavier) und Jan Vogler (Violoncello) im Kulturpalast.
 

Quelle: Oliver Killig

Dresden.  Es geht so oder so. Jüngst beim Anohni-Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie trat der Chef des Hauses persönlich vors Publikum und drohte. Sollte jemand im Saal ein Mobilgerät oder Fotoapparat benutzen, würde der Auftritt sofort abgebrochen. Charmant war das nicht, wenngleich aufgrund permanenter Respektlosigkeit einiger Besucher angemessen.

Charme und Witz dazu hatte die Variante im sonntäglichen Dresden. Unmittelbar vor Beginn erklang die Stimme von Bill Murray, der sich als Jan Vogler ausgab und alle etwaigen Telefonate, gern auch mit ihm und sehr gern persönlich, auf „after the concert“ verlegte. Murray eben! Das ging ja gut los!

Etwas glamouröser dürfe es beim 40. Jubiläum der Musikfestspiele schon mal sein, bekunden die Veranstalter selbst. Mit Bill Murray wehe ein „Hauch von Hollywood“ durchs Festival. Nun, wer die Karriere des 66-jährigen US-Amerikaners verfolgt hat, weiß, dass das große Blockbusterkino immer nur ein Teil seiner Arbeit ausgemacht hat. In der Unberechenbarkeit lag Murrays Kraft, für die Kollegen genau darin auch das Risiko. Sagt man. Denn Bill Murray ist in hohem Maße selbstbestimmt, man sollte schon mit ihm persönlich reden, wenn man etwas will. Insofern passt es, dass die Beziehung Murray-Vogler in einem Flugzeug begann …

Das gemeinsam kuratierte, skizzierte und ausgeformte Programm von Bill Murray (Gesang, Rezitation), Jan Vogler (Cello), Mira Wang (Violine) und Vanessa Perez (Klavier) präsentiert sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt als im guten Sinne eingespielt, ohne sterile Perfektion als Ziel im Visier zu haben. Eigentlich sollte Dresden die Premiere erleben, die Stadt Wolfsburg aber hatte dann am Freitag zuvor doch noch mit „ihrem“ Auto links überholt. Bis auf wenige, verschämt rot leuchtende freie Einzelplätze zeigte sich der Kulturpalast schon 11 Uhr ausverkauft. Am Ende dann kollektiv jubelnd. Mutmaßlich besonders gut durchmischt waren die Wünsche und Erwartungen an dieses Konzert, denn die Zahl der Filmfreunde dürfte für Musikfestpiel-Verhältnisse hoch gewesen sein. Auch werden sich erfüllte oder nicht erfüllte Wünsche und Erwartungen genau daran orientieren, wo man „herkommt“. In der Filmsektion gab es denn auch einen eher skurrilen Effekt zu vermelden: Im synchronversionsverwöhnten Deutschland hörten einige vielleicht das erste Mal die Originalstimme Bill Murrays. Kein Witz!

Der vielleicht allerbeste Effekt für den Nach-Klang war jedoch ein anderer. Zwei Stunden lang gingen Stile und Genres eine wunderbar unverkrampfte Liaison ein: Internationale klassische und zeitgenössische Musik aus drei Jahrhunderten traf auf bekannte und hier zu Lande eher selten gelesene US-Literatur mit ähnlich weitem Zeitfenster. Versiertes Schauspiel und facettenreiche Rezitation begegneten Gesang. Und der klang hier nach ambitioniertem Hobby, dort nach facettenreicher Geste. Im günstigsten Falle werden „die Lager“ jetzt Lust verspüren, noch einmal beim jeweils anderen nachhören und -sehen zu wollen – Klassik-Freunde besorgen sich wohl ein paar Filme von Bill Murray, wobei wir die Spätphase mit „Lost In Translation“ (samt Karaoke zu Roxy Musics „More Than This“), „Rushmore“, „Broken Flowers“ und den auch in Görlitz gedrehten „Grand Budapest Hotel“ empfehlen. Film-Freunde werden sicher bewusst nach Vogler-CDs greifen wollen.

20 Stücke ohne Pause – ein Parcours! Bill Murray liest zumeist pur am Pult, ohne dass ihm Musik „untergeschoben“ wird. Die wenigen Male, in denen es geschieht, sind homogen. Das Programm beginnt mit einem launigen Zitat von Ernest Hemingway, in dem er bekennt, früher Cello gespielt zu haben – „schlechter als irgendwer auf der Welt“. Jan Vogler kommt von rechts auf die Bühne und zeigt mit Bachs Prélude aus der Suite G-Dur, wie es geht. Frühe Befürchtungen, die ausgewählte Musik könne sich zu sehr dem Populären und Ausgleichenden unterwerfen, werden schnell zerstreut. Schon Maurice Ravels „Blues“ aus der „Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier G-Dur“ ist allein durch die zwingende Präzision im Vortrag ein erster Höhepunkt. Bill Murray schickt ein entzückend gelächeltes Bravo zu Mira Wang.

Bis dahin hatte er aus Walt Whitmans „Leaves Of Grass“ und James Fenimore Coopers „Der Wildhüter“ gelesen. Voller Zurückhaltung ist es geschehen, leise fast, mit nur einer, also seiner Stimme, so, als würde er diese Erwartungen an seinen Ruf als Comedian bewusst unterlaufen und zugleich von sich als Star ablenken, das Trio zum echten Quartett bereichern wollen. Wie sich im Verlauf des Sets zeigen soll, ist es eine Entscheidung pro Dynamik.

Denn nach einem zackigen, extrem pulsierenden „La Muerte del Angel“ von Astor Piazzolla gönnt sich Bill Murray ein erstes Lied: Gershwins „It Ain’t Necessarily So“ mag Motto-Charakter haben für seinen Ausflug in die gesprochene und gesungene Klassik: Nicht zwangsläufig also, aber wunderbar! Hier mischt sich das erste Mal der Schauspieler Murray in den Sänger und Rezitator Murray ein. Es scheint, als würde jede Strophe von einem anderen interpretiert.

Dann wird getanzt. Zu Astor Piazzollas „Oblivion“ führt Bill Murray zum Tango aus – Jan Vogler scheint seine Frau Mira Wang dafür schwer zu beneiden. Herrliche Blicke! Dass Murray keine so herzergreifende Version von „I Dream Of Jeanie With The Light Brown Hair“ wie Sam Cooke hinlegen kann, weiß er. Und macht aus Stephen Fosters Lied eine gebrochen-schmachtende Ballade. Sie soll nur Vorbereitung für seinen und des Trios absoluten „Hammerschlag“ des gesamten Auftritts werden: Ausgerechnet Van Morrisons „When Will I Ever Learn To Live With God“ von dessen strahlender Platte „Avalon Sunset“, eigentlich nur unter Strafe nachzusingen, machen die vier zu einem grandiosen Fest eigenständiger Variation. Murray kippt die Zeilen zunächst ein wenig, so, als sei es ein lakonischer Kommentar auf den Iren, um dann im crescendo furioso eine echte Coverversion zu zaubern. Was für ein Finale!

Das keins ist! Es geht weiter und wird dabei nicht nur aufgefüllt. Für einen längeren Sprechtext aus Capotes „Frühstück bei Tiffany“ hat Murray sofort im Anschluss wieder ruhigen Atem (welch Handwerk!). Edward Elgars „Salut D’Amour“ führt sanft hin zu Twains „Huckleberry Finn“. Schließlich ist Murray seit 2016 Träger des Mark-Twain-Preises für amerikanischen Humor. Henry Mancinis „Moon River“ umklammert diese so mehrdeutigen Zeilen, die ohne Mühe zum Amerika von heute in Beziehung gesetzt werden können.

Und zumindest das wäre eine nächste Rezeptionsebene, die nachdrücklich und unverkrampft aus diesem Programm erwächst: Was geschieht gerade mit dem Bild der USA in der Welt? Was wird von wem und in welchem Maße zerstört? Was gehört als Identität neu erkannt, bewahrt und sei es als Mahnung an unerschütterliche Werte? Bei Bill Murray, Jan Vogler & Freunde braucht es keine aufgesetzte Persiflage auf Präsidenten, keinen billigen Zynismus und gleich gar kein Prost aufs Weiter-So. Hier werden von Künstlern und Künstlerinnen aus vier Kontinenten Geschichten erzählt, gesungen, gespielt. Im September unter dem Titel „New Worlds“ auch auf Platte. Bis dahin auf Welttour.

Von Andreas Körner

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