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Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Dresdner Semperoper

Märchenhaft Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in Dresdner Semperoper

Der Holländer Michiel Dijkema gibt mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ sein Regiedebüt an der Semperoper Dresden und zeigt das Werk als überbordendes Märchen. Manchmal schrammt alles knapp am Klischee vorbei.

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Vorn: Erol Sander (Bassa Selim), Simona Šaturová (Konstanze) und Manuel Günther (Pedrillo). Im Hintergrund: Tuuli Takala (Blonde) und Manuel Günther (Pedrillo)

Quelle: Jochen Quast

Dresden. Eine verschleppte Braut in den Fängen der Türken, ein suchender Bräutigam im Sumpf des Fremden: Okzident trifft auf Orient. Mozart lässt in seinem Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ (1782) die Weltbilder und Kulturen zweier Reiche aufeinander prallen wie kaum sonst. Zur Zeitenwende am Ausgang des 18. Jahrhunderts wagte er sich mit seinem Librettisten Johann Gottlieb Stephanie mit diesem Sujet weit nach vorn und begründete, selbst gerade den Zwängen der höfischen Anstellung entkommen, den Ursprung der deutschen Oper in Wien. Auch damals befand sich Europa im Wandel. Die Neuinszenierung des Werks feierte nun just einen Abend vor dem Referendum in der Türkei zu den Mozart-Tagen an der Semperoper Dresden Premiere – und zeigt umso mehr, wie aktuell dieser Stoff bis heute ist.

Denn obwohl Michiel Dijkema bei seinem Regiedebüt in Dresden auf klare Gegenwartsbezüge verzichtet, statt dessen in einer überbordenden Märchenästhetik eher das Volkstheaterhafte des Singspiels betont, macht er nur umso bildgewaltiger deutlich, wie tief der Bruch der Kulturen bis heute (in den Köpfen) klafft. Er verwandelt die Drehbühne in eine verwunschene Sumpflandschaft, in der auch ein agiles Krokodil und zwei Kamele nicht fehlen dürfen. Seine Inszenierung ist ein Fest für die Augen, das opulente Orientbild jedoch Illusion, ein phantasievoller Mythos, der bewusst von der Realität abweicht und mit teils utopischen Vorstellungen vom Fremden spielt. Claudia Damm und Jula Reindell haben dazu märchenhafte Kostüme geschaffen, die beide Kulturen prachtvoll vor Augen führen.

Das schrammt fast schon an der Grenze zum Kitsch, verfehlt die Wirkung jedoch nicht. Denn im Märchen offenbart sich bekanntlich so manche bittere Wahrheit – und die Musik sagt bei Mozart ohnehin meist alles. Der englische Dirigent Christopher Moulds gibt der Sächsischen Staatskapelle Dresden schon in der Ouvertüre ordentlich Pfeffer, arbeitet Mozarts spielerische Akzente lebendig heraus. Das Orchester glänzt in diesen rasanten, lebhaften Passagen voller ironischer Getriebenheit und setzt in den ruhigen Momenten eindrückliche Kontraste dazu. Mozart wird so zu einem Spiel der Farben und Temperamente, bisweilen sogar zur vergnüglichen Hetzjagd mit Happy End.

Dazu stapft Belmonte durch den knietiefen Matsch, die feinen Seidenkleider schwarz verlebt, die Brust voller Blutegel – und sucht verzweifelt nach seiner Geliebten Konstanze, die mitsamt dem Dienerpaar Blonde und Pedrillo von Piraten gekapert, vom Bassa Selim gekauft und festgehalten wurde. Der türkische Wächter Osmin kann oder will ihn nicht verstehen. Erst das unverhoffte Wiedersehen mit Pedrillo bringt die Rettungsaktion der Geliebten schließlich in Gang. Der spanische Tenor Joel Prieto ist ein eleganter Belmonte, der mit seinem schönen lyrischen Gesang für die Welt des feinen Europa steht. Ganz anders gelingt es seinem Diener Pedrillo, sich in Gefangenschaft zu arrangieren. Manuel Günther gibt ihn als leichtfüßig patenten Gehilfen, einer, der pfiffige Ideen hat und das Spiel stets in Gang hält.

Mit einer List gelingt es beiden, Osmin auszutricksen. Dimitry Ivashchenko gewinnt der Partie des schwerfälligen Türkendieners, der nie bereit ist, über den Tellerrand seiner Welt zu schauen, hier allerhand humorvolle Momente ab. Er verleiht der Basspartie bisweilen fast lyrische Leichtigkeit, nimmt das Boshafte fast spielerisch, sodass sein Zorn doch selbst am Ende nie ernsthaft bedrohlich wirkt. In der Sprechrolle des Bassa Selim mimt Schauspieler Erol Sander den türkischen Macker. Sein Spiel ist facettenreich, den Traditionen seiner Kultur verhaftet, bewahrt Selim jedoch auch Respekt vor der anderen. Im silbernen Mantel erscheint er wie ein Edelmann aus einer anderen Welt. Ziel seines Begehrens ist die schöne Konstanze, die er wortgewaltig in den Harem aufnehmen und natürlich vernaschen will.

Konstanze, durchaus fasziniert von der Exotik des Bassa, schenkt ihm zwar wilde Küsschen, bleibt ihrem Belmonte jedoch treu. Mit glockenklarem Sopran macht Simona Šaturová den Zwiespalt zwischen Traurigkeit und Faszination deutlich, lässt zartes Verzagen auf leise brodelnde Leidenschaft treffen. Ganz anders Blonde, die den Avancen von Osmin mit sturer Standhaftigkeit trotzt und sich so gar nicht mit dem Frauenbild des Türken anfreunden kann. Tuuli Takala ist eine entzückende, freche Blonde, die sich selbstbewusst im Reich der Fremden behauptet.

Ganz spektakulär wird es im zweiten Teil, als sich Belmonte und Pedrillo mit den Damen schließlich aus der Türkenwelt abseilen. Donnergrollen dröhnt, Blitze zucken durch den ganzen Saal, bis die vier in einer riesigen türkischen Folterkammer statt in der Freiheit enden. Der Zorn Selims jedoch wandelt sich überraschend in einen Gnadenakt: Er lässt die vier frei, am Ende siegt die Vernunft. Man wünscht sich, dass es nicht nur in der Oper so sein möge.

nächste Aufführungen: 18., 24. und 30. April, 5., 15. und 19. Mai

www.semperoper.de

Von Nicole Czerwinka

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