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Moritzburger Käthe Kollwitz Haus würdigt die Künstlerin mit vielseitigem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm

150. Geburtstag Moritzburger Käthe Kollwitz Haus würdigt die Künstlerin mit vielseitigem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm

Den 150. Geburtstag der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867–1945) begeht das Käthe Kollwitz Haus Moritzburg mit einem reichhaltigen Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm. In ihrem Sterbehaus, dem „Rüdenhof“ nahe des Moritzburger Schlosses, würdigt man Persönlichkeit und Lebenswerk.

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Käthe Kollwitz Selbstbildnis, 1924, Kreidelithografie. Leihgabe Freundeskreis Käthe Kollwitz Moritzburg e.V.

Quelle: Teresa Ende

Moritzburg. Als „größte Dichtung aus dem Deutschland dieser Tage“ bezeichnete Romain Rolland das Werk von Käthe Kollwitz im Jahr 1927. Neunzig Jahre später ist der Name der „Dichterin“, einer der bekanntesten bildenden Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in Deutschland, zwar den meisten ein Begriff. Ihr Sterbeort, das Käthe Kollwitz Haus im Rüdenhof, wenige Gehminuten vom Moritzburger Schloss entfernt, verzeichnet dennoch eher überschaubare Besucherzahlen. Im Jubiläumsjahr des 150. Geburtstages der sozialkritischen Grafikerin und Bildhauerin lockt der einzige originär erhaltene Aufenthaltsort von Käthe Kollwitz nun mit neuer Sonderausstellung und interessanten Veranstaltungen. Ziel ist es, Leben und Werk der engagierten Künstlerin dem Publikum „in all seinen Facetten“ näherzubringen, gestützt durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, betont die Leiterin des Hauses, Sabine Hänisch.

Die aktuelle Sonderausstellung in Moritzburg ist das Ergebnis der seit 1989 (und damit noch vor der Museumseröffnung im Rüdenhof 1995) bestehenden fruchtbaren Kooperation mit dem Käthe Kollwitz Museum Köln, neben Moritzburg und dem Berliner Kollwitz-Museum das dritte Kollwitz-Personalmuseum. Dessen Förderer, die Kreissparkasse Köln, unterstützt im Rahmen einer Stiftung auch das Kollwitz Haus in Moritzburg. Das von Hannelore Fischer geleitete Kölner Museum besitzt die umfangreichsten Bestände des Kollwitz’schen Schaffens und treibt seit Jahren die Forschung zu Kollwitz voran. Letztes Jahr fungierte es als Herausgeber für das von Annette Seeler publizierte erste Werkverzeichnis der Plastik von Käthe Kollwitz, das einen neuen Zugang zu deren bildhauerischer Arbeit eröffnet.

Die Künstlerin kam als Käthe Schmidt am 8. Juli 1867 im preußischen Königsberg zur Welt. Das sozialdemokratisch geprägte Elternhaus legte den Grundstein für ihre humanistische Haltung, ihren starken Sinn für soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde, die ihr gesamtes Kunstschaffen bestimmen sollten. Die heute vor allem für ihre menschliches Leiden behandelnden Grafiken und denkmalhaften Plastiken bekannte Künstlerin hatte in den 1880er-Jahren zunächst an der Berliner Künstlerinnenschule bei Karl Stauffer-Bern sowie in München bei Ludwig Herterich Grafik und Malerei studiert. Seit der Heirat mit dem Arzt Karl Kollwitz 1891 war sie in Berlin ansässig, bis zur Zerstörung ihrer Arbeitsräume 1943. Nach 1900 wandte sich Käthe Kollwitz, wie so viele angezogen vom Vorbild Auguste Rodin, der Plastik zu, und studierte ab 1904 für kurze Zeit Bildhauerei an der Pariser Académie Julian. Von diesem achtwöchigen Kurs abgesehen, eignete sie sich ihre bildhauerischen Fähigkeiten autodidaktisch an. Die erste Plastik, ein Porträt des Großvaters, entstand 1909. In der Folge konzentrierte sie sich auf das plastische Medium, nun angeregt durch die Kunst Constantin Meuniers und Ernst Barlachs.

Zunächst war sie vom Naturalismus der Radierungen Max Klingers beeindruckt gewesen. Doch bald zeigen ihre Lithografien das Bemühen um stärkere Vereinfachung und Monumentalisierung, so die 1895-98 entstandenen Blätter zum „Weberaufstand“. Wie in ihren sozialkritischen Grafiken thematisiert Kollwitz in der Plastik mit eindringlichem Realismus und symbolischer Zuspitzung existenzielle menschliche Erfahrungen von Leid und Knechtschaft. Die Motive entlehnt sie vielfach dem Arbeitermilieu der Großstädte.

Die Ein-Raum-Ausstellung „Der Tod im Leben“ im Erdgeschoss des Moritzburger Kollwitz-Hauses präsentiert nun 16 Werke, in denen sich die Künstlerin mit dem Tod auseinandersetzt. Es ist eine exemplarische Auswahl, die Arbeiten in verschiedenen Medien und aus einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren zusammenbringt. Der Tod zieht sich leitmotivisch durch Kollwitz’ gesamtes Werk, zunächst als Thema ihrer Grafiken, wie die frühe Radierung „Überfahren“ von 1910, das ein Kind als Opfer eines Verkehrsunfalls zwischen seinen von Gram gebrochenen Eltern zeigt. Besonders berührend sind die bekenntnishaften Arbeiten, welche die Ängste und Verlusterfahrungen der Künstlerin behandeln, etwa die Lithografie „Das Warten“ von 1914. Der jüngste Sohn Peter, der freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen war, fiel 1914 in Flandern, nur drei Wochen nach Beginn seines Einsatzes und just während der Zeit, als Kollwitz das Blatt mit der Darstellung der bangenden androgynen Figur in der Zeitschrift „Kriegszeit“ publizierte.

Seither war Kollwitz unermüdlich damit befasst, dem persönlichen Verlust künstlerisch Ausdruck zu verleihen. 1937/38 entstand die plastische Gruppe „Mutter mit dem toten Sohn“, eine säkularisierte und dabei schmerzhaft persönliche Variante einer Pietà. Die geschlossene Komposition zeigt die sitzende Gestalt der Mutter mit den Zügen der Künstlerin und dem vor ihr liegenden toten Sohn. Die weibliche Figur bedeckt mit einer Hand ihren Mund, mit der anderen berührt sie die Hand des Toten. Das Werk ist nicht Teil der Ausstellung im Rüdenhof, doch seine Grundprinzipien von Blockhaftigkeit und Symbolik, die den menschlichen Körper zum Ausdruckszeichen umdeuten, sind im gezeigten Bronzerelief „Die Klage“ von 1938-41 ebenso deutlich. Das Gesichtsfragment, wiederum mit den Zügen Kollwitz’, wird von den Händen halb verdeckt. Die Darstellung ist eine der bekanntesten Werke der Künstlerin und ihre am weitesten verbreitete Arbeit. Sie entstand nach dem Tod des von Kollwitz bewunderten Barlach im Jahr 1938. Mit ihm, Wilhelm Lehmbruck und Lovis Corinth war die Künstlerin 1919 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen worden – als erste Frau.

Zwar stehen die Holzschnitte von Kollwitz in ihrer Dramatik des Ausdrucks dem Expressionismus nahe. Insgesamt aber ging es ihr um „Wirklichkeitskunst“, wie sie bereits 1916 im Tagebuch formulierte, nicht um Abstraktion oder Verfremdung der Realität. Sie suchte nach der großen und dabei sensiblen, gültigen Form für individuell erlebtes Leiden, mithin nach einer Überhöhung und Verallgemeinerung des Persönlichen.

Neben Barlach und Lehmbruck zählt Kollwitz zu den bekanntesten deutschen BildhauerInnen, die während der NS-Zeit als „entartet“ verfemt und mit Ausstellungsverbot belegt waren. Während dieser Zeit arbeitete sie in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Berlin, vor allem an kleinformatigen Plastiken. 1943 wurde Kollwitz’ Atelier zerstört und damit wichtige Teile ihres Werks. Die in Not geratene Künstlerin erhielt 1944 auf Einladung des kunstsinnigen Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen, der bereits einige ihrer Werke besaß, die Möglichkeit, im Moritzburger Rüdenhof, einem schlichten Gebäudeensemble aus dem 18. Jahrhundert, zu wohnen. Schwer krank, verbrachte Kollwitz die letzten neun Monate ihres Lebens in Moritzburg, wo sie kurz vor Kriegsende, am 22. April 1945 starb. Ihr Grab befindet sich auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde.

Dass Käthe Kollwitz hierzulande manchen vor allem als eine Begründerin und Hauptvertreterin „sozialistischer Kunst“ gilt, deren Werk in der DDR entlang der (kultur)politischen Richtlinien der SED interpretiert wurde, mag ein Grund sein für den schweren Stand, den Kollwitz’ Erbe im Osten mitunter hat. Zwar erlebte die figurative Kunsttradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der DDR – anders als in Westeuropa und den USA – eine neue Blüte (versehen mit entsprechendem ideologischen Überbau). Dabei darf nicht vergessen werden, dass Bildhauer wie Kollwitz, Barlach und Lehmbruck in den Anfangsjahren der DDR nicht gut gelitten waren: Wegen angeblichen Mangels an politischer Stellungnahme, Naturnähe und „Volksverbundenheit“ bezichtigte man ihre Werke besonders in den 1950er-Jahren des „Formalismus“, (sozialistischer) Realismus war gefragt. Die Vereinnahmung von Käthe Kollwitz als eine der ‚hervorragendsten’ sozialistischen Künstlerinnen kam später – aber sie wirkt weiter nach. Das Programm des Käthe Kollwitz Haus in Moritzburg zu ihrem 150. Geburtstag bietet Gelegenheit zu facettenreicher Neubetrachtung.

„Käthe Kollwitz. Der Tod im Leben. Ausgewählte Werke aus dem Käthe Kollwitz Museum Köln“. Bis 6. August im Käthe Kollwitz Haus Moritzburg, Meißner Str. 7, 01468 Moritzburg. April bis Oktober geöffnet Montag bis Freitag, 11 bis 17 Uhr. Samstag und Sonntag, 10 bis 17 Uhr. November bis März geöffnet Dienstag bis Freitag, 12 bis 16 Uhr. Samstag und Sonntag, 11 bis 16 Uhr.

www.kollwitz-moritzburg.de

Veranstaltungen

3. Mai bis 6. August: Sonderausstellung „Käthe Kollwitz. Der Tod im Leben. Ausgewählte Werke aus dem Käthe Kollwitz Museum Köln“

9. Juni, 20 Uhr: Kollwitz trifft Goethe. Warum sich mit einem Klassiker beschäftigen? Vortrag von Wolfgang Holler, Generaldirektor Museen der Klassik-Stiftung Weimar

9. Juli, 11 Uhr: Des Flötenspielers Nachtgesicht. Käthe Kollwitz und Ernst Barlach – szenische Lesung mit Hannelore Koch und Johannes Gärtner

13. August (11 Uhr Eröffnung) bis 5. November: Sonderausstellung „Käthe Kollwitz und Prinz Ernst Heinrich von Sachsen“. Zur Einführung in die Sonderausstellung spricht die Kuratorin Margitta Hensel

28. September, 20 Uhr: Galeriekonzert mit Bildbetrachtung. Die Direktorin des Kupferstich-Kabinetts Dresden, Stephanie Buck, spricht zu dem Selbstbildnis am Tisch von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1893 und dem Selbstbildnis im Profil nach rechts von 1938. Der Pianist Michael Hein bringt ein Programm mit Werken der von Käthe Kollwitz geschätzten Komponisten Beethoven, Bach, Reger und Brahms zur Aufführung

Veranstaltungsort: Käthe Kollwitz Haus Moritzburg

Von Teresa Ende

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