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Mit dem historischen Appia-Raum rekonstruiert das Festspielhaus Hellerau einen Teil seines Gründungsmythos

Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“ Mit dem historischen Appia-Raum rekonstruiert das Festspielhaus Hellerau einen Teil seines Gründungsmythos

Im Festspielhaus Hellerau wurde für das Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“ die legendäre Bühne von Adolphe Appia wieder aufgebaut, die vor mehr als 100 Jahren Besucher aus ganz Europa faszinierte und Architekten, Theaterleute und Tänzer beeinflusste. Es war der erste helle, schattenlose Theaterraum.

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Zur Eröffnung sprach der Architekt Daniel Libeskind. Im Hintergrund ist seine Skulptur „Future Flowers“ (Mailand, 2015) zu sehen.

Quelle: Klaus Gigga

Dresden. Die Stimmung im Festspielhaus Hellerau hatte an diesem Mittwochabend etwas von einem großen Treffen leidenschaftlicher Archäologen. Ausgrabungen und akribische Spurensuche beflügeln die Phantasie und lassen Bilder entstehen. Josef Peter Meier-Scupin, Architekt der Wiederherstellung des Festspielhauses, stellte sich zum Beispiel die Wirkung dieses nachinstallierten Licht-Raumes von Appia und Salzmann auf Besucher vor, die vor mehr als 100 Jahren noch mit Droschken oder den ersten Kraftwagen auf dem Platz vor dem Portikus vorfuhren. Inspiriert haben mag ihn eines der seltenen Fotos im „Raum der Visionäre“, das solches Treiben auf dem Vorplatz zeigt. Und wie wirkt er heute auf uns? Staunen wir noch und lassen uns von einem Zauber gefangen nehmen? Wir, die wir vermeintlich alles schon einmal gesehen, gehört und gekostet haben? Und beziehen wir gar einen Impuls aus dieser Anschauung einer zweifellos innovativen Phase der Vergangenheit?

Der 1862 in Genf geborene Adolphe Appia war eigentlich ein studierter Musiker, rieb sich aber bald an den damals vorherrschenden naturalistischen Bühnenbildern und zweidimensionalen Kulissen. Gemeinsam mit dem von der Malerei kommenden Lichttechniker Alexander von Salzmann und dem Tanzpädagogen Émile Jaques-Dalcroze konzipierte er ab 1910 für das entstehende Festspielhaus Hellerau unter anderem diesen legendär gewordenen Bühnenraum. Er brach mit dem Konzept der Guckkastenbühne, eröffnete einen sozialen Raum der Interaktion und kann als Vorläufer des kubischen Bühnenbilds von heute gelten. Die Schulfest-Inszenierungen 1912 und 1913 fanden hier statt. Insofern war es eine passende Parallele, dass vor der großen Vernissage am Mittwochabend Schüler der Grundschule Hellerau mit ihren „Klangbildern“ der Raum eroberten.

Und wie taten es die Ehrengäste im vollbesetzten Haus am Abend? Geteilte Meinungen waren darüber zu vernehmen, ob es sich um einen Vorläufer des heute wieder umstrittenen „White Cube“ handelt. Also um eine neutralweiße Umgebung, die die völlig Konzentration auf das eigentliche Kunstwerk nicht nur erlaubt, sondern geradezu diktiert. Eine wirklich suggestive Wirkung entfaltet diese Rekonstruktion im leeren Raum. Wer am Mittwochabend lange genug blieb, konnte schmunzelnd beobachten, wie gut sich die leeren runden weißen Gästetische sozusagen in das Proszenium einfügten. Denn auch der Appia-Raum vermischt nicht kollektiv, sondern bleibt gerichtet. Auf der einen Seite die Zuschauertraversen, auf der anderen eine Schichtung von kubischen Elementen zu Treppen und Schrägen eines gegliederten Spielpodiums. Glucks „Orpheus und Eurydike“ wurde 1912 hier gegeben.

Adolphe Appias (1862-1928) Bühnenbild zu „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck

Adolphe Appias (1862-1928) Bühnenbild zu „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck.

Quelle: Schweizerische Theatersammlung Bern

Der weiße ungegliederte Raum entsteht schlicht und einfach durch gespannten Stoff, der den Wänden des großen Saales vorgehängt ist. Damit wird die in Absprache mit Dalcroze und seiner Rhythmikschule geschaffene eigene Rhythmik der Saalwände wieder aufgehoben. Im Zwischenraum hängen ebenso simpel Lichterketten mit über 5000 Glühlampen, die wegen der EU-Vorschriften in Weißrussland beschafft werden mussten. Salzmann konnte die Helligkeit durch Vorwiderstände schon damals dimmen. Heute läuft die Steuerung über Computer und das Beleuchterpult. Leider deutete die Vernissage nur an, welche Lichtstimmungen mit dieser diffusen Rundumbeleuchtung möglich sind. Solche Entdeckungen bleiben den in den kommenden vier Wochen hier agierenden Künstlern vorbehalten.

„Rekonstruktion der Zukunft“ ist die aufwändige Hellerau-Installation überschrieben. Sie ist in der letzten Spielzeit von Quasi-Intendant Dieter Jaenicke die logische Konsequenz seines fast neunjährigen Wirkens in Hellerau, wie er selbst erklärte. Denn das Europäische Zentrum der Künste hat sich immer auf seine Wurzeln in den kaum drei fruchtbaren, je revolutionären Jahren vor dem ersten Weltkrieg bezogen. Aber schon der in sich paradoxe Titel deutet auch die Fragwürdigkeit des Vorhabens an. Es fügt sich ein in den retrospektiven Trend, der nicht nur in der Kunst Ausdruck aktueller Ratlosigkeit ist. In einer Zeit der Ideenleere, der geistigen Erschöpfung und weit verbreiteter Zukunftsängste spielt Vergewisserung in der Vergangenheit eine umso größere Rolle. Man denke nur an die Luther-Dekade oder an den bevorstehenden Bauhaus-Hype. Ein mehr als archäologisches Interesse, denn aus der Beschwörung innovativer Aufbruchzeiten möchten die Epigonen stets gern heutige Kraft saugen.

Rekonstruktion der Zukunft

Bis 11. November ist im Festspielhaus Hellerau der rekonstruierte Bühnenraum Adolphe Appias zu erleben

Für das Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“ haben sich Regisseure und Choreografien mit der historisch-revolutionären Bühne auseinandergesetzt; eine Ausstellung zu Appia und von Salzmann widmet sich der Wirkung des Festspielhauses in seiner Entstehungszeit

Ein wissenschaftliches Programm und Installationen begleiten das Projekt

Die nächsten Vorstellungen: Dance On Ensemble mit Choreografien von William Forsythe und Jan Martens Fr/Sa 20 Uhr

Die Dresdner Tänzerinnen und Tänzer Anna Till, Cindy Hammer, Johanna Roggan und Joseph Hernandez mit „Kill your…“ Di/Mi 20 Uhr

Das gesamte Programm
unter www.hellerau.org

Karten unter 035102646246

Inwiefern Gegenwartskünstler von dieser historischen Kulisse in Hellerau inspiriert werden, zeigen die kommenden Wochen bis zum 11. November. Die Frage, ob dafür ein Aufwand von insgesamt 560 000 Euro gerechtfertigt ist, sollte man eben wegen dieses dialektischen Vergangenheits-Zukunftsexperimentes erst einmal nicht stellen. Das Europäische Zentrum hätte die Summe ohne die zahlreichen Förderer von Sparkasse bis zur Bundeskulturstiftung nicht aufbringen können. Die begleitenden Ausstellungen und ein im Layout nicht immer gelungener Begleitband bieten auf jeden Fall die umfassendste und gründlich recherchierte Information über dieses Kapitel des Aufbruchs im modernen Theater und in der Kunst. Ein Pionier moderner Architektur war zur Vernissage eingeladen, Daniel Libeskind, zweifellos ein Genie. Aber was seine beeindruckende Schau auf eigene Werke mit dem Appia-Salzmann-Raum zu tun hatte, erschloss sich nicht. Für Kurator Héctor Solari bleibt er auf jeden Fall ein Mythos und ein „Ort der Sehnsucht“. Weniger der Sehnsucht nach Zukunft.

Von Michael Bartsch

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