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Misstöne beim Dresdner Kreuzchor

Interessenskonflikte Misstöne beim Dresdner Kreuzchor

Fünf Kruzianer der 12. Klasse sind von der Leitung des Dresdner Kreuzchores von der Sommertournee ausgeschlossen worden. Sie wollten an Abschlussfahrten der Abiturklassen des Kreuzgymnasiums teilnehmen und waren deshalb Chorproben ferngeblieben. Seit langem gibt es Interessenskonflikte zwischen Chorleitung und Kreuzgymnasium.

Der Dresdner Kreuzchor in der Weinbergkirche (Pillnitz).

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Zwei neue Busse starten am Donnerstagfrüh zur Sommertournee des Dresdner Kreuzchors. Städte in Süddeutschland und der Schweiz, aber auch Berlin und Wittenberg sind die Ziele der komplett „im Design des Kreuzchores“ gestalteten Fahrzeuge. Seit dem Jubiläum zum 800-jährigen Bestehen des Knabenchores wird er bekanntlich als „Marke“ gehandelt und hat sich von seinem traditionellen Gefüge offensichtlich entfernt.

Dass in den Bussen nun einige Plätze leer bleiben und in den insgesamt acht Konzerten wichtige Männerstimmen fehlen werden, hat möglicherweise mit genau diesem „Marken“-Bewusstsein zu tun, das musikalische Bildung und religiöse Wurzeln der Chorknaben zu überlagern scheint.

Just während der Proben zur Sommertournee sollten auch Abschlussfahrten der Abiturklassen des Kreuzgymnasiums stattfinden. 40 junge Leute sind zum bevorstehenden Ende ihrer gemeinsamen Schulzeit nach Mecklenburg gereist, darunter auch fünf Kruzianer. Weil die dadurch Chorproben ferngeblieben sind, wurden sie von Kreuzkantor Roderich Kreile von der Tournee ausgeschlossen. Was der mit dieser Strafaktion nicht ahnen konnte: Aus Solidarität werden nun alle Zwölftklässler auf diese Reise verzichten.

Eine solch harte Strafe hätte niemand von diesem Quintett für möglich gehalten, „wir fühlen uns vor allem angesichts der das ganze Jahr über erbrachten Leistungen absolut ungerecht behandelt,“ sagt einer der Sänger, der seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will (Name der Redaktion bekannt). Diese Tour wäre der letzte Höhepunkt für ihn und seine Mitstreiter gewesen, auch ein Abschied von den Jahren im Chor, aber sogar ein Entschuldigungsschreiben sei von der Chorleitung zurückgewiesen worden.

Diese Unverhältnismäßigkeit im Umgang mit den Kruzianern, die insbesondere zur 800-Jahr-Feier des Chores oft an ihre Leistungsgrenzen gegangen seien und wiederholt auf Unternehmungen der Klassengemeinschaft verzichten mussten, stößt auch den Eltern sauer auf. Zumal sogar deren Versuche, den Kreuzkantor und Intendanten in einem Gespräch noch umzustimmen, erfolglos geblieben sind.

Katja Schlenstedt etwa verweist darauf, dass ihr Sohn Edgar am Sonntag um acht Uhr morgens „mit unglaublicher Disziplin und ohne künstlerische Abstriche“ seine Pflichten als Kuttus im Chor wahrgenommen habe, „obwohl am Abend zuvor seine Abiturfeier stattfand.“ Doch wegen dieser drei Tage solle nun ein Exempel statuiert werden, angeblich, „um die Chormoral zu verbessern“.

Es sei darauf hingewiesen, dass es sich hier um 18-jährige Erwachsene handelt, die sich mit ihrem Fernbleiben von den Proben nicht gegen den Kreuzchor richten, aber an schulischen Projekten teilnehmen wollten. Vor versammeltem Chor sei ihnen der Ausschluss von der Reise mitgeteilt worden.

Chormanager Uwe Grüner hält dieses Vorgehen für angemessen. „Unsere Entscheidung ist konsequent und hat eindeutige Ursachen. Wer Mitglied des Kreuzchores ist, hat seine Aufgaben zu erfüllen und zwar bis zum letzten Tag einschließlich sämtlicher Proben.“

Dem würden Eltern wie Katja Schlenstedt kaum widersprechen. Allerdings verweist sie darauf, dass der Chor „so unglaublich viel an musikalischen Dingen geleistet hat, dass die pädagogische Arbeit darunter leidet.“ Selbst die zuständigen Erzieher würden sagen, dass ihnen die Hände gebunden seien. Statt dessen hätten sich Kruzianer der oberen Klassenstufen um Nachhilfe wegen Schulausfällen gekümmert, um schlechte Zeugnisse wegen der chorischen Verpflichtungen zu vermeiden. Nicht selten seien dafür die eigentlich chorfreien Tage draufgegangen.

Als verantwortliche Kulturbürgermeisterin weiß Annekatrin Klepsch (DIE LINKE), dass „die Kommunikation zwischen Schul- und Chorleitung optimierungsfähig ist, weil es hier Interessenskonflikte gibt“. Das Jubiläum sei für alle Beteiligten eine besondere Herausforderung und Belastung gewesen, räumt sie ein. Sie habe aber „mit Kantor Kreile einvernehmlich besprochen, dass dies in Zukunft wieder auf ein Normalmaß zurückzufahren ist“. Grundsätzlich sei die Stadt mitverantwortlich für Bedingungen, die zu einem guten Schulabschluss führen. „Aber wer sein Kind in den Dresdner Kreuzchor gibt, weiß auch um die besondere Belastung, die damit verbunden ist“, so Klepsch. Das gerade hierfür äußerst wichtige Verhältnis zwischen Schule und Kreuzchor scheint jedoch grundlegend gestört. Ein vor Monaten gebildeter Arbeitskreis, der diese Problematik im Sinne der Jungen behandeln sollte, ist ergebnislos geblieben.

Schulleiterin Gabriele Füllkrug, von den DNN hierzu um Auskunft gebeten, war just unter Verweis auf die Abiturfeier nicht zu sprechen. Auch Roderich Kreile war nicht zu erreichen.

Dass aber Gespräche zwischen Schule und Alumnat unbedingt vonnöten sind, steht auch für Thomas Flämig fest, den Sohn des einstigen Kreuzkantors Martin Flämig. „Ich habe sogar dem Oberbürgermeister geschrieben, um die Stadt wachzurütteln, damit man sieht, wie die Chorleitung die Jungen benutzt und vermarktet.“ Doch alle Versuche der Elternschaft seien bisher abgewiesen worden. „Was die Jungs jetzt durchmachen, wie sie denunziert werden, das ist sehr anmaßend und tut uns Eltern sehr weh.“

Beim Stichwort Vermarktung empört sich auch Katja Schlenstedt: „Mit dem Konzept der ‚Marke’ begann doch die Verselbstständigung des Chores. Es fällt uns auf die Füße, dass man absolut neue Wege der Kommerzialisierung gehen wollte und dadurch die Kinder extremen Belastungen aussetzt.“

Nun werden die jungen Sänger in bunte Kreuzchor-Busse gesetzt, mindestens neun Plätze bleiben frei. Die Sommertournee wäre für die Zwölftklässler Abschluss und Abschied, das gemeinsame Singen emotional sehr wichtig. Die Tournee werde schwierig, „aber sicherlich gut“, sagte einer von denen, die nicht mitreisen dürfen. Er freue sich aber auf vier Wochen im Sommer, da ist er mit der eigenen Klasse unterwegs. Ohne Tourbus, aber mit viel Musik.

Von Michael Ernst

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