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Max Goldt las im Schauspielhaus Prosa und Dialoge

Schriftsteller in Dresden zu Gast Max Goldt las im Schauspielhaus Prosa und Dialoge

Max Goldt trug am Donnerstag seinen Zuhörern im Dresdner Schauspielhaus einige prächtige Texte auf sehr gute Weise vor. Ein wenig schüchtern möchte man hinterherschieben, das Zuhören sei ein Genuss gewesen ist.

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Max Goldt am 20. März 2016 in Göttingen

Quelle: dpa

Dresden.

Streicht man jeden überflüssigen Schnörkel und jede redundante Inhaltsangabe, die laut Goldt ohnehin zu viel Raum in der zeitgenössischen Literaturkritik einnimmt, dann bleibt wenig mehr als der Satz: Max Goldt trug am Donnerstag seinen Zuhörern im Dresdner Schauspielhaus einige prächtige Texte auf sehr gute Weise vor.

Ein wenig schüchtern möchte man noch hinterherschieben, das Zuhören sei ein Genuss gewesen, und wenn man den inneren Max Goldt dann schimpfen hört, dieses Wort könne aufgrund seines inflationären Gebrauchs in Werbung und Alltagssprache ja wohl kaum noch als ernstzunehmendes Lob durchgehen, dann entgegnet man immerhin trotzig (wenn auch nicht so schön donnernd wie Max Goldt, wenn er seine „Oh doch!“ überschriebene Abrechnung mit den Lexika des unnützen Wissens vorträgt): „Oh doch!“

Denn wie er seine wunderbar verästelten Sätze zu Gehör bringt, mit sanfter Ironie Alliteration und Ellipse aufbietet, ohne sich über diese bewährten Stilmittel zu erheben, und wie er gänzlich unaufgeregt vom Lesetischlein aus seine Figuren (etwa die von sanftem Ekel gepackten Sexualhistorikerinnen, die „süßen Holocaust-Leugner“ aus der Fußgängerzone oder die beklagenswert unemanzipierten Mütter, aus deren Rucksäcken Stofftiere baumeln) zum Leben erweckt, das darf man genießen. Und zugleich eine Ahnung davon bekommen, wieso Goldt (wie er in einem seiner seltenen Interviews kürzlich die „Zeit“ wissen ließ) seit fast fünf Jahren keine neuen Prosastücke mehr geschrieben hat – aus Angst, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Dieses Interview, in dem Goldt nebenbei noch das Aussterben der Bluejeans bis zum Jahr 2040 prophezeit und das Verschwinden des Wortes Klofußumpuschelung beklagt, macht nebenbei auch deutlich, dass Goldt keinesfalls das Material auszugehen droht. Trotz seines exakten Gespürs für bizarre Alltagsphänomene wird man ihm allerdings mit dem häufig bemühten Etikett des „Alltagsbeobachters“ nicht gerecht, denn damit rückt man ihn eher in die Nähe der biederen Erfolgs-Glossisten Axel Hacke und Jan Weiler.

Goldt ist nicht nur der sorgfältigere Stilist, sondern auch weit heimischer in der Welt des Absurden und Grotesken, wie nicht nur sein in Dresden vorgetragener Zugabenhit „Üble Beläge“ belegt, der von einem arglos eingeschenkten Glas Bier schnell zu pelzigen Zungen, gelblichem Auswurf und Kellerasseln findet.

Der Großteil des Vorgetragenen stammte allerdings aus den zuletzt vorgelegenen Dramoletten „Räusper“ sowie aus dem prachtvollen Sammelband „Lippen abwischen und lächeln“, etwa der in einer Hommage an Juliette Gréco gipfelnde, gänzlich unbefangene Dialog über die Hässlichkeit, Goldts Abrechnung mit der Designerlampen-Industrie und sein herrlicher Reisebericht aus dem drögen Malta, zu dessen Besuch der Autor rät, um für etwaige soziale Abstiege im späteren Leben gewappnet zu sein.

Das Kunststück, wahrhaftig zu sein, ohne ins Bekenntnishafte abgleiten zu müssen, macht ihm so schnell niemand nach; ein knapper Exkurs zum Glück „des ständigen Gedankenganges“, das den Künstler ereilt, und eine kleine Reminiszenz an seine Mitwirkung in „grauenvollen“ Theaterstücken während der Schulzeit sind da schon das Äußerste an autobiographischer Enthüllung. Bei seriösen Künstlern, so hat Goldt an anderer Stelle mal formuliert, käme das Publikum stets an zweiter Stelle, und damit an sehr guter Position – nach dem Werk, versteht sich. Selten saß man so gern in der zweiten Reihe wie bei ihm.

Von Wieland Schwanebeck

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