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Matthias Geissler und Jürgen Becker verabschieden sich von den Philharmonischen Chören Dresden

Matthias Geissler und Jürgen Becker verabschieden sich von den Philharmonischen Chören Dresden

Wie es die Jahreszahlen wollen, gehen bei der Dresdner Philharmonie zum Ende der Spielzeit beide Chordirektoren in den Ruhestand. Sowohl Prof. Matthias Geissler, Leiter des Philharmonischen Chores, als auch Prof. Jürgen Becker, der dem Philharmonischen Kinderchor und dem Jugendchor vorsteht, haben im vergangenen Jahr das 65. Lebensjahr vollendet und setzen nun den Punkt hinter eine prägende Arbeit mit den Ensembles.

Die letzte Saison war für Matthias Geissler noch einmal reich an Höhepunkten. Außer bei heimischen Projekten, wie der Mitwirkung der Chor-Herren bei der konzertanten Aufführung von Donizettis Oper "Viva la Mamma" durch die Philharmonie, galt es auch außerhalb zu bestehen. So war das rund 100 hoch ambitionierte Laiensänger einende Ensemble im Dezember letzten Jahres für Bachs h-Moll-Messe bei der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz eingeladen. Mit dem Philharmonischen Kammerchor, dem sich vorrangig der A-cappella-Literatur widmenden Auswahlensemble des großen Chores, unternahm Geissler noch einmal eine einwöchige Konzerttournee nach Italien. In den Jahren zuvor war man gemeinsam u.a. in Österreich, Frankreich, Spanien und den Niederlanden aufgetreten. Zwei CD-Einspielungen mit weltlicher bzw. geistlicher A-cappella-Musik dokumentieren den von Geissler manifestierten hohen Stand des Kammerchores, dem der Chorleiter dafür auch eigene Stücke auf den Leib komponierte.

Mehr als 120 Neueinstudierungen

Komposition gehörte zu den Ausbildungsfächern des Kirchenmusikstudiums, das Matthias Geissler in Halle absolvierte. Die Basis für den beruflichen Hang zur Musik hatte das Singen im Kreuzchor geschaffen: Von 1957 bis 1965 war der Chemnitzer Pfarrerssohn Kruzianer, betraut auch mit solistischen und Präfekten-Aufgaben. Nach dem Studium arbeitete Geissler in Torgau und Berlin, wo es bei den Internationalen Chorleiterseminaren zu den ersten Begegnungen mit dem Philharmonischen Chor Dresden kam. Dessen Leiter wurde Matthias Geissler 1980.

Seine Tätigkeit hier summiert sich also auf 32 Jahre. Mehr als 120 Neueinstudierungen chorsinfonischer Werke aller Epochen bis hin zu Uraufführungen leistete er für Konzerte der Dresdner Philharmonie. Arbeit in der zweiten Reihe, die nicht zu unterschätzen ist, denn die Dirigenten wollen mit der ersten Probe perfekte Vorbereitung. Geissler forderte darum von seinen Choristen stets das Äußerste, animierte die ihre rare Freizeit hergebenden Sänger zu einer Probenarbeit, die weit mehr war als ein gefälliger Ausgleich zum Beruf. Gelegentlich dirigierte er selbst chorsinfonische Konzerte, sowohl in Dresden als z.B. auch bei den Hamburger Sinfonikern. Daneben stehen 230 von ihm geleitete A-cappella- oder Kammerchorkonzerte zu Buche, darunter regelmäßig Vespern in Kreuz- und Hofkirche oder Wiederaufbaukonzerte für die Frauenkirche.

Für dieses beeindruckende Engagement mit den Laiensängern, die sich für zwei Proben wöchentlich und manches Wochenende in den Dienst der philharmonischen Sache stellen, wurden Geissler und der Chor 1989 mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden ausgezeichnet. Die Arbeit bei der Philharmonie war freilich nicht das einzi- ge Betätigungsfeld des Dirigenten - er lehrt sowohl an der Dresdner Musikhochschule als auch an der hiesigen Hochschule für Kirchenmusik Chorleitung.

Seinen Abschied vom Philharmonischen Chor nimmt Matthias Geissler mit einem der schönsten Chorwerke der Romantik, dem "Stabat mater" von Antonin Dvorak. Das Konzert findet am 14. Juli, 19.30 Uhr in der Lukaskirche statt, mitgestaltet von der Dresdner Philharmonie sowie den Solisten Barbara Christina Steude, Annette Markert, Martin Petzold und Matthias Weichert.

Mit Nachdruck und Gespür für Kinderstimmen

Bereits am 23. Juni hat Jürgen Becker den letzten Dresdner Auftritt mit beiden "seiner" Philharmonischen Ensembles. Kinderchor und Jugendchor werden an diesem Tag 16 Uhr in der Dreikönigskirche ein gemeinsames Konzert mit dem Seoul Metropolitan Children's Chorus gestalten. Am 14. Juli singt der Jugendchor eine Vesper in der Kreuzkirche, Ende Juli geht Becker mit dem Kinderchor noch einmal auf Tournee: Knapp zehn Tage sind die jungen Sänger an Nord- und Ostsee unterwegs.

Neben dem A-cappella-Gesang, für den sich der Kinderchor eines sehr hohen Ansehens nicht nur daheim, sondern auch international rühmen kann - mehrere Wettbewerbs-Preise bestätigen das eindrucksvoll -, gehören natürlich auch hier Konzerte der Dresdner Philharmonie zu den gegebenen Aufgaben. In der zu Ende gehenden Saison waren das z.B. die Mitwirkung bei der Uraufführung von Jörg Herchets Kantate "Der Herr ist mein Licht" und - gemeinsam mit dem Erwachsenenchor - in Beethovens 9. Sinfonie.

Den Beginn von Jürgen Beckers Tätigkeit bei der Philharmonie markierte 1989 die vom damaligen Chefdirigenten Jörg-Peter Weigle angeregte Gründung des Jugendchores. Im Jahr darauf übernahm Becker aus den Händen des verdienstvollen Wolfgang Berger auch den Kinderchor, mit dem er sich schon vorher u.a. in den Chorlagern vertraut machen konnte. Dank der Wende und des vorgefundenen hohen Niveaus, das Becker mit Nachdruck und Gespür für Kinderstimmen weiterführte, konnte sich der Wirkungskreis des Chores erheblich erweitern. Konzerte in 22 Ländern, darunter die USA, Japan, China, Australien, Namibia und Südafrika, trugen den Ruf Dresdens und seiner Philharmonie in die Welt. Über 160 Städte sind dabei als Auftrittsorte zusammengekommen. Umgekehrt holte Becker die Chorwelt an die Elbe, indem er mit engagierten Mitgliedern des Fördervereins seiner Chöre 2006 das Internationale Kinderchorfestival begründete, das jüngst zum vierten Mal stattfand.

Vor seinem Amtsantritt in Dresden arbeitete Jürgen Becker als Musiklehrer, Fachberater und Chorleiter in Großenhain. Das Rüstzeug dafür hatte der im thüringischen Gehaus Geborene beim Schulmusikstudium an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" in Weimar erlangt. Heute bildet Prof. Becker selbst Schulmusiker mit aus: Seit 1995 unterrichtet er an der hiesigen Musikhochschule Chorleitung.

Über die reichlich 20 Jahre beim Philharmonischen Kinderchores blickt er auf solche Höhepunkte wie die Mitwirkung bei der Uraufführung von Siegfried Matthus' "Te Deum" in der wiedererbauten Dresdner Frauenkirche mit der Dresdner Philharmonie unter Kurt Masur zurück. Mehrere CDs und selbst Filmauftritte zeugen von der stilistischen Vielfalt des Ensembles. Auch mit dem kleiner besetzten Jugendchor absolvierte Becker chorsinfonische Konzerte von Bachs "Johannespassion" bis Bernsteins "Kaddish-Sinfonie" ebenso wie A-cappella-Auftritte in Deutschland sowie u.a. in Finnland, Italien, den USA und Kanada.

Matthias Geissler wie Jürgen Becker haben die Philharmonischen Chöre Dresden über Jahrzehnte geprägt - eine Beständigkeit, die bei Chören für die Entwicklung eines austarierten Klanges von großem Wert ist. Das von beiden Dirigenten stets geschürte Herzblut der vielen Sänger - die immer auch Familie, Bekannte, Freunde mit zu den Konzerten der Philharmonie bringen - am Brodeln zu halten, ist künftig Aufgabe von Prof. Gunter Berger. Der langjährige Leiter des MDR Kinderchores Leipzig tritt mit Beginn der neuen Spielzeit die Nachfolge Geisslers und Beckers an, ihm obliegt dann wieder allein die Leitung aller Philharmonischen Chöre. Ab der Gründung 1967 auf Anregung Kurt Masurs hatte Wolfgang Berger Großen Chor und Kinderchor betreut; 1974, mit dem Hinzutreten des Kammerchores, erhielten Erwachsene und Kinder einen je eigenen Chorleiter.

Gunter Berger tritt ein beachtliches Erbe an. Inwieweit es damit zu Umstrukturierungen des derzeitigen Chorgefüges kommt, ist nach seiner Aussage noch ungeklärt, da er sich erst in Ruhe ein Bild von den einzelnen Ensembles machen möchte. Bergers Vorgängern bleibt zu danken für eine verdienstvolle Arbeit, die Laiensänger sehr erfolgreich an ein professionelles Orchester anband.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.06.2012

Sybille Graf

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