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Marcus Miller & Band zu den Jazztagen Dresden im Erlwein Capitol

Marcus Miller & Band zu den Jazztagen Dresden im Erlwein Capitol

Das verdienstvolle Drum & Bass-Festival im Kulturzentrum Scheune bietet immer auch Workshops für Musikanten an. 2015 hieß einer davon "Slap & more - The Marcus Miller Style".

Dresden. Markus Setzer gab Unterricht, und dass er ein Bewunderer, ja, Verehrer des Kollegen Miller ist, dürfte feststehen. Andere Frage: Wer ist kein Bewunderer von Marcus Miller? Und so sah man im gut gefüllten Sitz- und Stehplatzeck des Erlwein Capitol - eine neue und gut gemeinte, aber noch nicht komplett gut gemachte Spielstätte der Jazztage Dresden - den einen oder anderen Musiker der Stadt. Sogar Bassisten. Gefahr, während der Vorführung vorgeführt zu werden und danach das eigene Instrument und die persönliche Ambition zu pulverisieren, lauert dabei immer. Respekt also vor dem Mut der Begegnung.

Was hier zu erleben war, kam in die Nähe einer perfekten, wenngleich niemals blutleeren Demonstration von Technik, Handwerk, Seele und Musikalität. Dass Marcus Miller nicht protzte mit seinem Können, nicht zum gockelnden Fliegefinger mutierte, sich vielmehr als integraler Bestandteil einer Band verstand, die ihn als Frontmann annimmt, teilweise hofiert, aber die er nie diktatorisch in die Statistik verweist, war des Angenehmen ersten Teil. Weitere Teile sollten in 90 Minuten folgen.

Marcus Miller, inzwischen drahtige 56 Jahre jung geblieben, kam mit seinem aktuellen Album nach Dresden. "Afrodeezia" bedeutete für ihn im März dieses Jahres Einlass in den so weitgreifenden Zirkel des Renommee-Labels Blue Note. Titel ist hier gleichzeitig Programm. Miller, der ohne jegliche Scheu und Klappe Stile fusionieren lässt, der den Jazz wirklich als Sammelbecken begreift, der er immer war, der Soul und Blues packt als das, was sie sein soll(t)en, der angstfrei Pop und Electronics benutzte, hatte sich für dieses Album auf Reisen begeben. Afrika war Ausgangspunkt, Frankreich und die Karibik Zwischenstation, Louisiana Hafen. Millers Besuch einer Sklaven-Insel vor der Küste Senegals sollte also nicht allein ins Stück "Gorée" seiner 2012er Edition "Renaissance" münden. Die aktuelle CD begreift er als Verneigung und Spurensuche vor und zu seinen schwarzen Vorfahren und den Quellen der Rhythmen, die sein Spiel in besonderem Maße prägen.

Live bleibt von diesem Trip vor allem Inspiration. Die laufende Herbsttournee sieht Marcus Miller schon wieder einen Schritt weiter. Wohl nicht nur aus produktionstechnischen Gründen ist die aktuelle Bandbesetzung westlicher, wieder mehr Auslegungssache statt direkter Draht. Obwohl Marcus Miller gleich mit den ersten beiden Stücken von "Afrodeezia" beginnt, dabei den knapp gesungenen Chorus von "Hylife" als solchen belässt und für "B's River" zur dreisaitigen nordafrikanischen Gimbri greift, begibt sich das Sextett schnell in einen Jazzmodus ohne übertriebene Folkloreavancen. Das liegt sicher auch daran, dass der angekündigte Perkussionist Mino Cinelu fehlt. Ebenso wie einige zweifellos vorhandene Gefälligkeiten der Studioaufnahmen.

So gerät das Konzert zum Porträt in sieben Teilen mit üppigen Räumen für Brett Williams (Keyboards), Alex Bailey (Schlagzeug), Alex Han (Saxophon), Marquis Hill (Trompete) und Adam Agati (E-Gitarre). Wobei auch der Mann am Pult zu drehen und zu schieben weiß, denn wie Millers E-Bass - er kam mit nur zwei Instrumenten statt einer ganzen Produktpalette durch - zu hören war, angemessen weit vorn, dann hinten, mal Knall, dann Fall, glich schon einem optimalen Genuss.

Den Meister allein auf sein Slapping zu reduzieren, ist eh ein törricht' Ding. Wo andere Bassisten mit einer "geslapten" Passage im Solo zumeist um ein aufbrausendes Publikum buhlen und sicher haben, ist es bei Miller offenen Munds bestaunter, aber "gesetzter" Standard. Er war es, der den Bass noch einmal neu vom Korsett befreite. Dass er ganze gesungene Liedstrophen auf die strammen Bass-Saiten zu holen vermag, bewies er im Konzert mit einer atemlos machenden Version von "Papa Was A Rolling Stone". Mit diesem Whitfield/Strong-Song verbeugte er sich tief vor Motown und meint nicht einmal die bekannteste Version der Temptations, sondern eher den Geist, der darin steckt, beginnend mit der wie für Miller geschaffenen Basslinie, fortführend in hier matt-flächigen, dort spitzen Bläsersätzen. Miller und die Band blieben in der Klammer dem Original verbunden, zwischendurch zerfledderten sie jedoch munter dessen Muster, Linien, Riffs.

Es war die Zeit mit Miles Davis, die Marcus Miller musikpraktisch, -theoretisch, -philosophisch und sinnlich geprägt hat. Mit "Jean-Pierre" vom 1982er Davis-Album "We Want Miles" und der Zugabe "Tutu" zollt er dem großen Trompeter und seiner eigenen Karrierephase Tribut. Bei Ersterem wird Davis' nachgerade zahme Grundmelodie (O-Ton Miller: "simple but magic") in ein überkochendes Gebräu geschickt "Tutu", das Miller für Davis' gleichnamige Platte von 1986 geschrieben hat, wächst mit doppelter Lauflänge von über zehn Minuten zu Referenz und Eigensinn. Ein Stück zudem, in dem Marcus Miller am stärksten hörend, lächelnd und vom Rand der Bühne positioniert seine Band loslässt. Wie furios sich Saxophonist Han und Drummer Bailey mit besoffen machenden Läufen hier und zwölf Händen dort zu bedanken wissen, ist extraordinär. Wenngleich sie sich auch damit nie über die anderen Spitzenkräfte um sie herum erheben. Marcus Miller will den gemeinsamen Lust-Moment und er will ihn für alle. Oben und unten.

Die unangestrengt wirkende Ausgewogenheit im Programm sorgte dafür, dass auch die Live-Version von "Gorée" eine zwar fesselnde, dennoch keine exponierte Stellung bekam. Weder durch Millers Worte vornweg noch aufgrund seines emotionalen Spiels auf der Bassklarinette, die in Alex Hans Sopransax verschmolz.

Verschmelzen - das Wort zum Sonntag!

Andreas Körner

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