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„Lutherland“ im Dresdner Hygiene-Museum

Vielfarbiger Fächer des Glaubens „Lutherland“ im Dresdner Hygiene-Museum

Fotograf Jörg Gläscher nimmt uns im Dresdner Hygiene-Museum mit auf Tour durch „Lutherland“. In seinen Arbeiten rückt der Fotograf, Jahrgang 1966, den protestantischen Glauben mitten in die Gegenwart Mitteldeutschlands.

Mobile ausblasbare Kirche des Pfarrers Homeka, beim Kite und Drachen Festival in Sankt Peter-Ording.

Quelle: Joerg_Glaescher

Dresden. Nicht, dass einem das Thema sofort ins Auge spränge. Bei einigen Fotografien von Jörg Gläscher muss man schon genauer hinschauen. Auf dem ersten seiner Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum zum Beispiel findet man sich als Betrachter an eine leere Ampelkreuzung versetzt, die so aussieht wie alle Kreuzungen in diesen Gewerbegebieten, welche Städte umlagern. Schön, dass Lichtsignalanlage, Waschstraße und Baumarkt wenigstens den Blick auf die Anhöhe im Hintergrund frei lassen. Da steht sie, winzig klein: die Wartburg.

Gewiss doch, es gibt romantischere Perspektiven auf dieses Epizentrum von Luthers Reformation, die 2017 500 Jahre her ist. Doch dieser Fotograf, er ist Jahrgang 1966, stammt aus Osnabrück, lebt und arbeitet in Leipzig und Hamburg, rückt den protestantischen Glauben mitten in die Gegenwart Mitteldeutschlands. Seine Schau wehrt sich gekonnt gegen jede Verklärung. Was angesichts einer Minderheit von höchstens 20 Prozent evangelischer Kirchensteuerzahler kaum angebracht wäre.

„Lutherland“ lautet der Titel der Exposition. Für Jörg Gläscher beschränkt sich das nicht auf Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Statt einer Region sieht er darin eher „eine abstrakte Wortfindung für gelebten Glauben“.

Folglich findet er Orte dafür ebenso bei der Bestattung von Helmut Schmidt in Hamburg oder beim Christival in Karlsruhe. Oder am Nordseestrand von Sankt Peter-Ording. Da steht zwischen Strandkörben ein Pastor neben seinem aufblasbaren Kirchlein, das tut er bei einem Festival im Lenkdrachensegeln (Kitesurfen). Auch eins dieser Suchbilder. Man darf lächeln. Auch lachen, aber ja doch. Schon weil man sich sicher sein kann, dass dieser distanziert beobachtende Fotograf Gläubige hier nie der Lächerlichkeit preis gibt.

Aber Kirche, zeigt er uns, kennt auch komische Momente. Er setzt sie sogar als Kontrast ein. Wenn’s gar zu erhaben werden sollte, wie bei diesem Blick von oben auf den Weihnachtsgottesdienst im Magdeburger Dom: sehr hohes, sehr altes Gewölbe und drunter, sehr klein und wohlgeordnet, die Menschlein. Da hätten wir die allzu bekannten Darstellungen. Deswegen hat er links daneben ein Bild gehängt, da steht der Krippenspiel-Darsteller des Erzengels Gabriel – weißes Hemd mit Flügeln, drunter Jeans, den glitzernden Heiligenschein ins Stoppelhaar gesteckt – auf einer Bockleiter und schaut hinter den Kulissen vor.

Dutzende Orte hat Jörg Gläscher mit seiner Kamera bereist, von August 2015 bis Dezember 2016. Um zu schauen, wie denn dieses „jüdisch-christliche Abendland“ heute tatsächlich beschaffen sei, das Anhänger von Pegida, Legida und sonstigen -gidas samt AfD zu verteidigen meinen.

Protestantismus ist vielfältig, so viel war ihm bekannt. „Dass der Fächer aber derart groß ist, hat mich schon erstaunt.“ Auf seinen Fotos tauft der Pfarrer der Landeskirche ein Mädchen bei Dessau in der Elbe, wie man das nur von Freikirchen kennt, oder wir begegnen Mitgliedern der klosterähnlichen Christusbruderschaft Selbitz.

Wir blicken in den Glaubensalltag in sehr nüchternen Räumen: Konfirmandenunterricht, Kirchenchorprobe, Gottesdienst im Altenpflegeheim. Wohl nicht unbedingt die Momente spiritueller Höhenflüge. Aber vielleicht die Gruppe der Jugendlichen, 16 000 in einer Halle beim Christival: Schauen die beseelt? Kaum. Oder ist ernst schauen schon religiös?

Selbst die sachlich-profane Seite dieser Institutionen des Heiligen zeigt er uns: mehrere Abendmahlskelche mit Zettel auf einem Schreibtisch – Inventur im Jerichower Pfarrhaus.

Aber dann gibt es diese Gesichter, wo etwas vom Eigentlichen, das ja bei Religion unsichtbar bleibt, zu Tage tritt: Lobpreis mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Händen. Und eine Ahnung davon, worum es eigentlich geht, in einer dieser beeindruckend unspektakulären Fotografien: Ganz am Rand des Freakstock-Festivals, der Typ in schwarzen kurzen Hosen, den „Beter“ nennen ihn die Jesus-Freaks, der legt beide Hände auf die Schulter eines anderen Mannes. Ebenfalls eins der ganz starken Bilder: diese Andacht im Schneegestöber, gemäldeartig fast, gleichnishaft – Gottes Herde, dicht zusammengerückt in widrigem Wind und Flockenwirbel.

Diese Fotografien erzählen Geschichten, auch wenn der Betrachter die konkrete nicht kennen mag. Man kann optische Erfahrungen machen. Jörg Gläscher hat seine gemacht. Getauft und konfirmiert, hat er immer mal erwogen, aus der Kirche auszutreten. Nach der Fototour bleibt er drin. „Ich habe gesehen, welche Relevanz Gläubige für unsere Gesellschaft haben, über ihre eigenen Gemeinden hinaus.“

Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, bis 5. Juni, geöffnet Di-So und Feiertage 10-18 Uhr

Katalog: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 128 S., 25 Euro

www.dhmd.de

Von Tomas Gärtner

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